Ungarn verbannt den Schweizer Franken

Hunderttausende ungarische Wohnungs- und Hausbesitzer haben ihre Hypotheken in der Schweizer Währung aufgenommen. Nun können sie sie nicht mehr bedienen. Darum handelt die Regierung.

Wohnhäuser in Budapest: Der Höhenflug des Frankens hat für manche Bewohner katastrophale Auswirkungen.

Wohnhäuser in Budapest: Der Höhenflug des Frankens hat für manche Bewohner katastrophale Auswirkungen.

Bernhard Odehnal@BernhardOdehnal

Ungarns neuer Regierungschef Viktor Orban hatte gleich nach seinem Wahlsieg im Mai ein Verbot für die Vergabe von Krediten in Fremdwährungen angekündigt. Nun gab der neue «Superminister» für Wirtschaft und Finanzen, György Matolcsi die neue Verordnung bekannt: Banken in Ungarn dürfen ab 1. Juli nur mehr Kredite in der Landeswährung Forint vergeben. Die Verordnung bezieht sich auf alle Fremdwährungen, faktisch sind davon allerdings nur Kredite in Euro und in Schweizer Franken betroffen.

Als es mit Wirtschaft Osteuropas in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends steil bergauf ging, bekamen die Ungarn Lust auf Luxus: Autos, Fernsehgeräte, Eigentumswohnungen, Einfamilienhäuser – alles wurde auf Kredit finanziert, grossteils in Schweizer Franken. Besonders die in Ungarn tätigen österreichischen Banken priesen die Vorteile der günstigen Fremdwährungskredite. Wo die Banken ihre Franken aufnahmen, darüber schweigen sie sich heute aus. Die ungarische Nationalbank habe «Swap-Linien» für die Banken angeboten, sagt ein Sprecher von Raiffeisen International.

Ursprünglich ein gutes Geschäft

Das grosse Problem für die Banken sind heute nicht neue, sondern Kredite mit langer Laufzeit. Laut der ungarischen Nationalbank wurden in den vergangenen Jahren 63 Prozent der Hypothekenkredite in einer fremden Währung aufgenommen, die meisten in Franken. Doch der Höhenflug der Schweizer Währung machte aus einem scheinbar guten Geschäft eine finanzielle Falle. Als die Kredite vor drei bis vier Jahren aufgenommen wurden, kostete ein Franken rund 150 Forint, heute sind es 215 bis 220 Forint. Ein Lehrer oder Beamter mit 120 000 Forint Netto-Monatslohn konnte mit ursprünglich kalkulierten 45 000 Forint Zinsen noch gut leben. Heute gefährden Zinszahlungen von bis zu 70 000 Forint pro Monat seine Existenz. Die Nachrichtenagentur MIT schreibt von 600 000 bis 700 000 Schuldnern in Ungarn, die seit mehr als drei Monaten keine Raten mehr zahlen.

Staatsfonds soll Kredite kaufen

Die neue Regierung von Viktor Orban sucht jetzt für schwer verschuldete Familien Wege aus der Krise. Banken werden aufgefordert, freiwillig Zinsen zu einem besseren Kurs zu verrechnen. Ein Moratorium verbietet Zwangsräumungen oder Versteigerungen verpfändeter Wohnungen. Spätestens im Herbst soll ein neuer Staatsfonds faule Hypothekenkredite aufkaufen und Schuldnern die Möglichkeit geben, Franken- in Forintkredite umzuwandeln.

Um diesen Fonds zu finanzieren, will Premier Orban die letzte Tranche aus dem Hilfspaket des Internationalen Währungsfonds in Anspruch nehmen. Der IWF hatte Ungarn im Winter 2008 20 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, um die Zahlungsunfähigkeit des Landes zu verhindern. Orbans Vorgänger Gordon Bajnai hatte auf die Auszahlung der letzten 6 Milliarden Euro verzichtet, um das Vertrauen der Märkte in den Forint wiederherzustellen. Dass die neue Regierung die letzten Reserven des IWF anzapfen will, halten Finanzexperten indes für ein riskantes Manöver. Als Politiker vor ein paar Wochen fälschlicherweise die Zahlungsunfähigkeit des Landes andeuteten, rasselte mit dem Forint auch gleich der Euro in den Keller. Dennoch versicherte am Dienstag Finanzminister Matolcsi in Budapest einer Delegation des IWF, dass die Regierung die wirtschaftliche Lage fest im Griff habe.

Tages-Anzeiger

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