Sonntags grün wählen, am Montag SUV fahren

Paradox: An den Urnen ist Öko im Aufwind, beim Autohändler ist davon aber nichts zu spüren. Darum braucht es nun Gegensteuer.

Holger Alich@Holger_Alich

Können Sie sich noch an den 3-Liter-Lupo von Volkswagen erinnern? Nein? Kein Wunder. Das Sparauto, das VW 1999 auf den Markt brachte, war ein Flop. Zu teuer, zu wenig sexy.

20 Jahre später macht uns die freitags streikende Jugend darauf aufmerksam, dass damals eine grosse Chance zur Verbrauchswende verpasst wurde. Die Technik war da. Aber etwas Entscheidendes fehlte: die Nachfrage der Konsumenten.

Das ist das Paradox: An den Urnen ist Grün stark im Aufwind. Doch beim Autohändler ist davon nichts zu spüren. Im Gegenteil. 2018 ist der durchschnittliche CO2-Ausstoss der neu in der Schweiz zugelassenen Personenwagen sogar wieder gestiegen. Dabei hat die Schweiz im europäischen Vergleich schon seit langem einen traurigen Spitzenplatz bei den durstigsten Autoflotten. Ein Blick aus dem Fenster genügt: Die tonnenschweren Strassenpanzer, genannt SUV, prägen das Bild.

Mit voller Wucht treffen nun die verschärften CO2-Grenzwerte die Industrie. Beispiel Daimler: Beim Erfinder des Automobils beträgt der Flottenausstoss in diesem Jahr voraussichtlich 138 Gramm. Bis 2021 muss dieser Wert auf 105 Gramm pro Kilometer gedrückt werden. Um Spielraum für den Umstieg auf saubere Antriebsformen zu schaffen, will der neue Daimler-Chef nun die Personalkosten um über 1,4 Milliarden Euro senken. Tausende Jobs dürften wegfallen. Den Preis für die Unvernunft zahlen also die Mitarbeitenden.

«Derzeit enthält der Preis für das Autofahren nicht alle Kosten, die anfallen.»

Sicher, gerade die deutsche Autoindustrie hat zu lange die Augen vor der Notwendigkeit verschlossen, nicht nur sparsamere Motoren, sondern effektiv sauberere Autos zu bauen. Denn die Effizienzgewinne in der Motorenentwicklung wurden durch die Gewichtszunahme der Autos wieder überkompensiert. Die Physik lässt sich nicht überlisten.

Daimler, BMW & Co. haben jahrelang hervorragend an der Lust der Konsumenten nach immer dickeren und schwereren Autos verdient. Die Party ist nun aber vorbei. Und die Hauptschuldigen für das Desaster sind wir, die Autokäufer.

Daher sollten auch die Konsumenten die Kosten dafür tragen. Derzeit enthält der Preis für das Autofahren aber nicht alle Kosten, die anfallen. Die Folgen des Klimawandels sind darin nicht oder nur unzureichend abgebildet. Zu Deutsch: Benzin ist zu billig. Dieses Marktversagen rechtfertigt selbst nach den Lehrbüchern der liberalen Ökonomen einen Staatseingriff. Treibstoff muss teurer werden.

«Der Bergbauer braucht ein geländegängiges Fahrzeug, sprunghaft höhere Preise könnten im Extremfall seine Existenz bedrohen.»

Gleichzeitig ist auf eine soziale Balance zu achten. Der Bankmanager kann sich auch bei einem Benzinpreis von drei Franken einen Strassenpanzer leisten. Der Bergbauer dagegen braucht ein geländegängiges Fahrzeug, sprunghaft höhere Preise könnten im Extremfall seine Existenz bedrohen.

Für Industrie und Konsumenten ist Planungssicherheit wichtig. Bei der aktuellen Debatte um das CO2-Gesetz wäre ein Ansatz, den Konsumenten einen stetigen und kontinuierlichen Anstieg der Brennstoffpreise aufzuerlegen. Das gibt Zeit für Anpassungen und den Ausbau des ÖV in ländlichen Gebieten, der zwingend erfolgen muss.

Es dürfen nicht noch einmal 20 Jahre vergehen, bis die Wende zur CO2-armen Mobilität gelingt.

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