Rubel-Zerfall vorerst gestoppt – doch die Angst bleibt

Mit der Ankündigung von Stützungskäufen und weiteren Massnahmen hat die Regierung die Panik eingedämmt. Ausgestanden ist die Krise aber nicht.

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Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

Die Stärkung des Rubels hat für Russlands Regierung höchste Priorität. Wie schon am Dienstagmorgen hat sie daher auch am Mittwoch wieder Schritte dazu eingeleitet: Das russische Finanzministerium hat angekündigt, Dollar-Reserven zur Stützung des Rubels zu kaufen. Wie viel es dafür aufwendet hat, wurde nicht gesagt. Die Reserven des Ministeriums belaufen sich auf 7 Milliarden Dollar. Weit umfassender sind jene der Notenbank mit rund 400 Milliarden Dollar. ­Offenbar hat sie aber keine Rubel-Käufe mehr getätigt. Bisher hat die Notenbank in diesem Jahr für mehr als 80 Milliarden Dollar Stützungskäufe getätigt, ohne ­allerdings den Rubel-Zerfall aufhalten zu können. Laut einer von der Agentur Bloomberg zitierten Umfrage halten Ökonomen weitere Rubel-Käufe im Umfang von rund 70 Milliarden Dollar für nötig, um den Währungszerfall zu stoppen.

Am Mittwoch ist das den Behörden vorerst gelungen. Am Abend kostete der Dollar nur noch 60 Rubel, nachdem die US-Währung am Dienstag bis zu 80 Rubel gekostet hatte. Dafür verantwortlich waren nicht nur Stützungskäufe, sondern auch gelockerte Re­gulierungen für russische Banken.

So müssen diese ihre eingegangenen Risiken weniger absichern und dürfen vorübergehend für die Berechnung ­ihrer Absicherungsmassnahmen bei Währungsgeschäften auf die Kurse des letzten Quartals zurückgreifen, als der Rubel noch deutlich mehr Wert war. Im Juni kostete der Dollar rund 33 Rubel. Ab Januar gelten auch die Höchstsätze für Kundenausleihungen nicht mehr. Die Massnahmen haben den Zweck, die Banken zu entlasten, die durch die Rubel-Abwertung in Gefahr geraten sind. Sonst hätte eine Liquiditätskrise gedroht, weil die Banken ­mög­licherweise kein Geld mehr hätten vermitteln können.

Nicht der einzige Krisenherd

Trotz der vorübergehenden Beruhigung bleibt überall die Sorge um die weitere Entwicklung gross. Angst bereitet nach wie vor die Möglichkeit, dass Russland als letzter Ausweg den freien ­Ka­pital­verkehr einschränken muss. Von  russischer Seite wird das bishe­dementiert.

Für Beobachter im Ausland rückt immer mehr die Frage in den Vordergrund, was der Weltwirtschaft generell droht. Es besteht die Gefahr einer Ansteckung anderer Länder als Folge einer allge­meinen Risiko-Aversion.

Die Schweiz fürchtet sich wegen der Rubel-Krise vor einem Aufwärtsdruck auf den Schweizer Franken: Tatsächlich hat sich die Schweizer Währung in den letzten Tagen noch stärker der Untergrenze von 1.20 Franken pro Euro an­genähert: Am Mittwoch notierte die Gemeinschaftswährung bei 1,2009 Franken, auch die Rendite der 10-jährigen Schweizer Staatsanleihen liegt bei nur noch 0,34 Prozent. Tiefere Renditen entsprechen einem höheren Kurs der Anleihen und gehen auf eine grosse Nachfrage danach zurück.

Die Risiko-Aversion zeigt sich auch an den Renditen der ebenfalls als sicher ­geltenden Staatsanleihen Deutschlands: Seit Monatsbeginn sind sie von rund 0,8 Prozent auf unter 0,6 Prozent ge­sunken. Verantwortlich dafür ist allerdings nicht allein die Rubel-Krise. Diese trifft auf eine ohnehin schon labile ­Ausgangslage der Weltwirtschaft. Neben den diversen geopolitischen Brand­herden ist angesichts der politischen ­Unsicherheiten in Griechenland eine ­erneute Verschärfung der Eurokrise zu befürchten. Überdies drohen Schwellenländern Kapitalflucht und Währungs­abwertunge­n gegenüber dem Dollar bei einer Erhöhung der Leitzinsen durch die US-Notenbank Fed, was im nächsten Jahr erwartet wird. Die US-Notenbank, deren Chefin Janet Yellen am Mittwochabend ihre geldpolitische Einschätzung er­läutert hat, wird darauf kaum Rücksicht nehmen. Sie hat das bisher noch nie getan. Das wäre nur anders, wenn bereits Gefahren für die US-Wirtschaft erkennbar würden.

Drehbuch einer Währungskrise

Was passieren kann, wenn wegen der jüngsten Entwicklungen Investoren alles meiden, was nach Risiko riecht, zeigt die Geschichte vergangener Währungs­krisen. Der Ablauf ist meist ungefähr derselbe: Am Anfang steht ein massiver Rückzug von allen Geldern, die rasch abgezogen werden können, was die Währungen der betroffenen Länder kollabieren lässt und deshalb in der Inland­währung zu einer drastischen Erhöhung der bestehenden Fremdwährungsschulden führt. Die wegen der Abwertung steigenden Importpreise erhöhen die ­Inflation, und die Notenbank versucht durch Zinserhöhungen den Geldabfluss zu stoppen. Angesichts der gestiegenen Auslandverschuldung und der hohen Zinsen leidet auch die Wirtschafts­entwicklung. Alles zusammen führt oft zum Kollaps von inländischen Banken.

Die internationalen Verflechtungen sind in solchen Krisen immer auch eine Gefahr für das internationale Finanz­system: wegen nicht mehr rückzahl­barer Kredite, wegen offener Derivat-Positionen («Finanzwetten»), die bei überraschenden Veränderungen hohe Verluste zur Folge haben, und wegen vernetzter Beteiligungsverhältnissen ­i­nternationalen Banken.

Aktuell gleichen verschiedene Entwicklungen bereits diesem Krisen-­Drehbuch. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg sind die Währungen der Schwellenländer insgesamt auf ihr tiefstes Niveau seit 2003 gefallen. Die indonesische Rupie hat zu Wochenbeginn in Dollar gemessen ihren geringsten Wert seit der Finanzkrise erreicht, ohne dass ein Ereignis dafür verantwortlich war. Indonesien hat bisher wie Russland von Ölexporten profitiert. Doch selbst Währungen von Ländern wie der Türkei oder Indien haben deutliche Verluste verzeichnet, obwohl beide als Importeure von Öl vom tiefen Ölpreis profitieren müssten. Der MSCI-Index für die Börsen der Schwellenländer hat im laufenden Monat bereits um 9,6 Prozent nach­gegeben. Der 3,3 Mil­liarden schwere Schwellenländer-Fonds des Investmenthauses Pimco verlor im vergangenen Monat gemäss der gleichen Quelle allein 7,9 Prozent.

Wie ebenfalls Bloomberg berichtet, hat der Rubel-Zerfall Derivat-Positionen im grossen Umfang wertlos gemacht. Dabei handelt es sich um sogenannte Call-Optionen, die bei steigendem Wert des Rubels einen Kauf ermög­lichen, der unter dem aktuellen Kurs liegt. Der Marktwert dieser Optionen habe über 15 Milliarden Dollar betragen. Jetzt ­hätten die meisten dieser Optionen ­keinen Wert mehr. Im Jahr 1998 hat die Krise in Russland den Hedgefonds Long Term Capital (LTCM) auf ähnliche Weise in die Zahlungsunfähigkeit ge­trieben. Hätte damals nicht die US-Notenbank entschieden eingegriffen und alle Gläubiger­banken des Fonds zu dessen Stützung gezwungen, wäre es wahrscheinlich schon damals zu ­einer Finanzkrise gekommen. Ob auch aktuell bereits wieder wichtige Finanzhäuser oder Institutionen im Schatten-Banking gefährdet sind, ist bisher nicht bekannt.

Europäische Banken im Fokus

Neben den Gefahren durch die Ver­änderungen der internationalen Kapitalflüsse hat die Währungskrise aber auch wegen direkter Wirtschaftsverbindungen Folgen für weitere Länder. So ist zum Beispiel die französische Bank ­Société Générale (SG) und die öster­reichische Raiffeisen stark in Russland engagiert. Der Börsenkurs von Raiff­eisen ist in dieser Woche bis zum Mittwochabend um rund 17 Prozent ge­fallen, jener von SG rund 3,1 Prozent. Vor der Rubel-Stabilisierung der russischen Regierung waren die Verluste deutlich höher. Société Générale ist laut Bloomberg mit 13 Milliarden Euro in Russland engagiert, was aber nur einem Bruchteil der verfüg­baren Nettoanlagen entspricht. Bei Raiffeisen entsprechen die Ausleihungen da­gegen rund dem Doppelten davon und 1,6-mal dem ­Eigenkapital.

Die Schweizer Grossbanken werden bislang nicht für gefährdet eingeschätzt, wenn man ihren Börsenkurs zum ­Massstab nimmt. Die UBS-Aktie hat seit Montag 1,5 Prozent verloren, die Aktie der Credit Suisse 1,2 Prozent.

Unternehmen aus der Realwirtschaft aus anderen Ländern könnten unter Druck geraten; weil die Wirtschaftskrise die Absätze in Russland mindert oder weil sie in Schwierigkeiten geraten könnten, an ihr Geld ranzukommen – durch einen Bankrott von Zulieferern oder die Einführung strikter Kapitalverkehrs­kontrollen. Momentan dürfte allerdings eine Reihe von westlichen Konzernen von der Krise sogar profitieren, da ­offenbar viele Russen bemüht sind, vor einem drohenden Wertzerfall ihre Rubel raschmöglichst für westliche Güter ­auszugeben. Besonders gut ­kommen ­dabei Luxusgüter weg. Laut der Euro­päischen Organisation der Auto­hersteller sollen die Porsche-­Verkäufe in Russland im letzten Monat um ­­55 Prozent zugelegt haben.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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