Milchbauern wollen eine gelenkte Marktwirtschaft

Schweiz

Die Schweizer Bauern produzieren immer noch zu viel Milch und leiden immer noch unter zu geringen Erträgen. Nach langem Richtungsstreit scheint es aber, als könnte sich die Branche doch noch zu gemeinsamen Lösungen durchringen.

Die Milchproduktion läuft rund wie eh und je. Noch ist die Lösung für eine Stabilisierung nicht gefunden.

Die Milchproduktion läuft rund wie eh und je. Noch ist die Lösung für eine Stabilisierung nicht gefunden.

(Bild: Keystone)

Drei Jahre ist es her, dass die Milchkontingentierung in der Schweiz aufgehoben wurde. Die Folge war eine Milchschwemme und tiefe Preise für die Bauern. Zwei Jahre lang hat die Branche darüber gestritten, wie Menge und Preis im Gleichgewicht zu halten wären. Der Streit gipfelte darin, dass sich der mächtige Verband Schweizer Milchproduzenten (SMP) Ende letzten Jahres aus Protest aus der Branchenorganisation Milch (BOM) verabschiedete. In der BOM sind Milchproduzenten, -händler und -verarbeiter vertreten.

Streit unter den Milchbauern

Obwohl der SMP nicht mehr mit im Boot ist, spricht BOM-Geschäftsführer Daniel Gerber von «Konsolidierung». Anfang Mai hob die Branchenorganisation an ihrer Delegiertenversammlung einen Entscheid auf, den sie ein Jahr zuvor getroffen hatte und der die Milchbauern entzweite. Er hatte zu den Massnahmen gehört, die den Milchmarkt stabilisieren sollten: Wer seine Milchmenge nach der Kontingentierung ausgedehnt hatte, sollte pro Kilo 4 Rappen in einen Fonds einzahlen, damit die BOM damit die angehäuften Butterberge verbilligt exportieren und den Schweizer Markt entlasten könne. «Verursachergerecht» nannten das die einen.

Sie stellten sich auf den Standpunkt, wer mehr Milch produziert habe, sei schuld an den Überschüssen. Dagegen wehrten sich die andern mit dem Argument, sie hätten, wie vom Bund empfohlen, «unternehmerisch» gehandelt und ihre Marktchancen mit neuen Produkten genutzt.

Die BOM konnte die 4 Rappen nie einziehen. Einerseits, weil vier Produzentenorganisationen dagegen Beschwerde geführt hatten. Anderseits vor allem aber, weil laut Gerber 23 von 39 Organisationen die notwendigen Daten nicht geliefert hätten. Gerber fasst zusammen: «Die Mehrheit der Bauern wollte diese Abgabe nicht.»

Zugestimmt hatten die Delegierten seinerzeit wohl nur, weil die Motion von SVP-Nationalrat Andreas Aebi im Raum stand. Diese hätte auf den sogenannten Mehrmengen gar eine Abgabe von bis zu 30 Rappen pro Kilo verlangt. «Auch die Motion Aebi wäre nicht umsetzbar gewesen», stellt Gerber im Nachhinein fest. Diese ist in der ständerätlichen Kommission für Wirtschaft und Abgaben immer noch hängig. Mit dem Entscheid der BOM-Delegierten dürfte der Richtungsstreit unter den Produzenten aber beendet sein.

Ein Rappen für ein Jahr

Auf jedem in der Schweiz produzierten Kilo Milch kann die BOM aber einen Rappen einziehen. Das ergibt pro Jahr rund 34 Millionen Franken, die dafür verwendet werden,die zu Butter verarbeiteten Überschüsse zu exportieren. Damit konnten die Butterlager letztes Jahr von fast 11000 Tonnen auf 3000 Tonnen abgebaut werden. Zurzeit fassen sie wieder über 5700 Tonnen.

Für den Einzug dieses Rappens hat der Bundesrat die Allgemeinverbindlichkeit erteilt. Das heisst: Auch Nichtmitglieder sind zur Abgabe verpflichtet. Doch dies gilt nur noch bis Ende April 2013. Gegenwärtig diskutiert der BOM-Vorstand, ob und wie es ohne diesen einen Rappen weitergehen könnte. Den Milchmarkt möchte die Branchenorganisation langfristig nicht mit Abgaben stabilisieren. Dafür hat sie ein anderes Instrument geschaffen: die Segmentierung. Je nachdem, für welches Produkt die Milch verwendet wird, hat der Bauer Anrecht auf einen anderen Milchpreis. Es wird zwischen A-, B- und C-Milch unterschieden. Die Richtpreise variieren gegenwärtig zwischen 66 und 24,2 Rappen pro Kilo.

Die Logik der Segmentierung

Nicht jeder Bauer würde weiterhin Milch produzieren, wenn er schwarz auf weiss hätte, wie viel ins billige C-Segment fliessen würde. Die Segmentierung könnte also die Überschüsse drosseln. Hätte. Könnte. «Man will die Abstufung, aber es hapert bei der Transparenz auf allen Stufen», sagt Gerber und erklärt: Einige Organisationen, die den Bauern die Milch abkauften, hätten Hemmungen, im Detail offenzulegen, welche Menge in welches Segment fliesse. Gerber fügt an: «Unterschiedliche Anteile C-Milch bei verschiedenen Organisationen können zu einem Wettbewerbsnachteil führen.» Sprich: Der Bauer könnte sich nach einem Käufer umsehen, der die lukrativeren A- und B-Milch-Kanäle beliefern kann. Ein Ziel der BOM ist nun die korrekte Umsetzung der Segmentierung.

Es geht ohne SMP

Was aber bedeutet es, wenn der Verband der Schweizer Milchproduzenten nicht mehr mit im Boot ist? Grundsätzlich bedaure er dessen Abwesenheit, sagt Gerber. «In Bezug auf die Repräsentativität ist die Mitgliedschaft des Verbands jedoch irrelevant.» Über 90 Prozent der Produzenten seien über die Organisationen, die ihre Milch weiterverkauften, in der Branchenorganisation vertreten.

Überflüssig wird der Verband der Schweizer Milchproduzenten deshalb noch nicht. Ihm bleibt die Aufgabe, die Interessen der 25'000 Schweizer Milchproduzenten auf politischer Ebene wahrzunehmen und den Konsumenten Schweizer Milch schmackhaft zu machen.

Berner Zeitung

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