Auch der Ölpreis könnte manipuliert sein

Hintergrund

Banken und andere Finanzakteure stehen im Verdacht, den Ölmarkt in ähnlicher Weise beeinflusst zu haben wie den Zinssatz Libor. Jetzt macht die Politik Druck.

Am Rotterdamer Spotmarkt wird festgelegt, wie viel Konsumenten schliesslich bezahlen: Eine Tankstelle im Aargau. (Archivbild 2010)

Am Rotterdamer Spotmarkt wird festgelegt, wie viel Konsumenten schliesslich bezahlen: Eine Tankstelle im Aargau. (Archivbild 2010)

Romeo Regenass

Wenn der Preis von Benzin, Diesel oder Heizöl zum Thema wird, ist der Preis am Rotterdamer Spotmarkt nicht weit. Er gilt in der Schweiz als wichtigster Faktor für die Endverkaufspreise an uns Konsumenten – als Autofahrer, Heizölkäufer und Wohnungsmieter.

Doch Rotterdam ist nur einer von vielen internationalen Märkten, an denen Rohöl gehandelt wird. Agenturen sammeln die Preise an all diesen Märkten und bilden auf dieser Grundlage für jede Ölsorte (Brent Crude, WTI etc.) einen Preis ab. Es gibt aber keine Pflicht, jeden Geschäftsabschluss zu melden. Damit erfolgt die Preisbildung höchst intransparent. Das hat die Internationale Vereinigung der Wertpapieraufsichtsbehörden (Iosco) auf den Plan gerufen. Im Auftrag der G-20, der 20 grössten Industrie- und Schwellenländer der Welt, hat die Iosco diesen Frühling, noch vor dem Libor-Skandal, einen Bericht über die Ölpreisagenturen publiziert. Thema: Die Gefahr der Manipulation des Ölpreises und mögliche Massnahmen gegen Preisverzerrungen. Banken und andere Finanzakteure könnten den Ölmarkt in ähnlicher Weise manipuliert haben wie beim Zinssatz Libor.

Angelsachsen haben das Sagen

Weltweit dürfte die bisher völlig unregulierte Branche nun an die Kandare genommen werden. Die Staatschefs der G-20 haben ihre Finanzminister bereits damit beauftragt, bei Bedarf erste Massnahmen zu ergreifen. In Grossbritannien haben am Wochenende rund 100 Parlamentarier die Bank of England aufgefordert, das Thema dringend an die Hand zu nehmen.

Die mächtigsten Agenturen sind Platts aus den USA und die britische Argus Media. Platts gehört wie die Ratingagentur Standard & Poor’s zum McGrawhill-Konzern, Argus Media gehört der Gründerfamilie. Der Grossteil der weltweiten Ölproduktion wird mit Verträgen gehandelt, die auf den Tarifen der Agenturen basieren. Laut Iosco hat ihre Tätigkeit deshalb nicht nur einen Einfluss auf den weltweiten Öl- und Ölderivatemarkt, sondern auch auf die Finanzmärkte und die Weltwirtschaft an sich.

Die Basis für die Preisfestlegung ist manchmal sehr klein

Doch die Agenturen bilden die Preise nicht nur aufgrund realer Geschäfte an den Rohölbörsen ab, sie berücksichtigen auch Angaben von Händlern, ohne diese zu überprüfen. Auf freiwilliger Basis geben Raffinerien, die Treibstoff verkaufen, und Grosseinkäufer wie Airlines oder Tankstellenbetreiber die Konditionen von Handelsabschlüssen bekannt. Wie beim Libor verlässt man sich dabei auf die Ehrlichkeit der Datenmelder.

Laut Iosco besteht hier «ein Risiko, dass ein Preis durch die Einreichung falscher Daten manipuliert werden kann». Ein Händler kann auch bewusst nur jene Abschlüsse melden, die den Markt in die von ihm gewünschte Richtung beeinflussen, weil er zum Beispiel Optionen hält, mit denen er davon profitieren kann. In Bezug auf die Vollständigkeit der eingereichten Daten sieht die Iosco klaren Handlungsbedarf. Dies umso mehr, als die Basis für die Preisfestlegung mitunter sehr klein ist. In Extremfällen werden Preise laut Iosco aufgrund von bloss fünf gemeldeten Abschlüssen festgesetzt. Damit ist die Manipulationsgefahr deutlich höher als bei einer genügend grossen Zahl von Abschlüssen, wo der einzelne Abschluss viel weniger Gewicht hat.

«Wir sähen es lieber, wenn alle Geschäfte eines Tages berücksichtigt würden»

Die Agenturen liefern zudem nicht nur Preise, sondern auch Marktkommentare. Sie sehen sich als Nachrichtenagenturen und nehmen für sich die journalistische Freiheit in Anspruch. Wer ihre Notierungen und Kommentare einsehen will, muss viel Geld auslegen. Anders als Börsenkurse sind diese Marktpreise nicht öffentlich zugänglich. Eine unabhängige Aufsicht existiert nicht.

Daniel Hofer, CEO der Migros-Tochter Migrol, beschreibt Platts als «guten neutralen Gradmesser für Preise» und Basis für viele langfristige Verträge. Er kritisiert jedoch, dass pro Tag nur die Abschlüsse einer halben Stunde in die Preisbildung einfliessen. «Als Händler sähen wir es lieber, wenn Platts wie früher alle Geschäfte eines Tages berücksichtigen würde.» Die Gefahr von Ausschlägen wäre damit kleiner.

Agenturen hoffen, mit einer Selbstregulierung durchzukommen

Manipulationen will Hofer nicht ausschliessen. «Sehr grosse Akteure auf dem Markt können Preise in eine gewünschte Richtung bewegen.» Aber im Unterschied zum Libor arbeite der Ölmarkt nicht mit Erwartungen, sondern mit realen Deals. Einzig bei den Termingeschäften spielten Erwartungen über die zukünftigen Verhältnisse von Angebot und Nachfrage ebenfalls eine Rolle.

Die Agenturen sagen, sie seien bemüht, die Ölpreise glaubwürdig abzubilden. Wer von der Qualität der Zahlen nicht überzeugt sei, könne zudem problemlos den Anbieter wechseln, es gebe ja mehrere davon. Vorerst hoffen die Agenturen, mit einer Selbstregulierung durchzukommen. Die Vernehmlassung für einen eigenen Branchenkodex läuft, die über die letzten Jahre verbesserte Transparenz soll ausgebaut werden.

Tages-Anzeiger

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