Korrektur oder Auftakt zum Crash?

Was bedeutet der Kurszerfall an den Börsen? Was hat ihn ausgelöst, und was droht noch? Die fünf wichtigsten Fragen und Antworten zu dieser Entwicklung. 

Die Ruhe vor dem Sturm? Händler in der New Yorker Börse. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

Die Ruhe vor dem Sturm? Händler in der New Yorker Börse. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

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Seit Mittwoch hat sich der Einbruch an den Börsen weltweit verstärkt, der Anfang Oktober eingesetzt hat. Der deutlichste Wertzerfall zeigt sich bei den Technologieaktien. Der Nasdaq Composite in den USA, der die Wertentwicklung der US-Technologieunternehmen wie Apple, Google, Microsoft, Amazon oder Facebook zeigt, hat bereits am Mittwoch rund 4 Prozent an Wert verloren, seit Monatsbeginn sind es rund 8 Prozent. In der Schweiz fiel der Wert der Schweizer Unternehmen gemessen am SMI um 2,85 Prozent. In der Eurozone fiel der Stoxx 50 um 1,8 Prozent. Die gleiche Entwicklung zeigte sich in Fernost: In Japan gab der Nikkei 225 um 3,9 Prozent nach und in Hongkong der Hang Seng um 3,5 Prozent.

Was hat diese Entwicklung ausgelöst, und was ist noch zu befürchten? Die wichtigsten fünf Fragen und Antworten dazu:

Was bedeutet der Einbruch an den Börsen?

Seit der Finanzkrise kannten die Börsen fast nur eine Richtung: nach oben. Dass es einmal zu einer Korrektur nach unten kommt, haben Marktbeobachter erwartet. Das gilt besonders für jene Aktien, die in den letzten Jahren am stärksten zugelegt haben: jene der Technologieunternehmen. Der Wert der im US-Technologieindex Nasdaq Composite enthaltenen Aktien hat sich von März 2009 bis Ende September dieses Jahres fast verfünffacht. Die entscheidende Frage ist, ob es bei der Korrektur bleibt oder ob ein eigentlicher Crash folgt. Niemand kann darauf eine verlässliche Antwort geben. Der Aufwärtstrend der Kurse wurde immer wieder von kurzzeitigen Korrekturen unterbrochen. Umgekehrt haben die schlimmsten Börsencrashs in ihrer Heftigkeit immer überrascht.

Ökonomen sprechen inzwischen schon von einem «Oktober-Effekt».

Wie kommt es zu einem Crash?

Zu einem Börsencrash kommt es dann, wenn mehrere Faktoren gleichzeitig zusammenspielen und einen eingesetzten Kurszerfall weiter verstärken. Zum Beispiel, wenn Händler, die Geld für ihren Handel geliehen haben, bei fallenden Kursen zu Verkäufen gezwungen sind, um die Schulden zu begleichen. Oder wenn sie automatische Verkaufsaufträge beim Unterschreiten von Kursmarken aufgegeben haben (Stopp Loss Orders). Die gleiche Wirkung kann auch der über Computerprogramme laufende Handel haben (Algo-Trade), wenn solche Programme alle auf gleiche oder ähnliche Entwicklungen mit Verkaufsaufträgen reagieren. Je stärker die Kurse fallen, desto stärker wirken all diese Faktoren und desto schneller wollen dann alle Anleger ihre Aktien loswerden.


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Hat der Oktober einebesondere Bedeutung?

Dass die Kurse genau im Oktober eingebrochen sind, nährt alte Spekulationen, die in diesem Monat eine besondere Gefahr für die Börse sehen. Es gibt dafür sogar den Begriff vom «Oktober-Effekt». Viele starke Einbrüche haben in diesem Monat stattgefunden. Dennoch: Aus wissenschaftlicher Sicht findet die These des Oktober-Effekts keine Unterstützung.

Was ist der wichtigste Auslöser der Korrektur?

Als wichtigster Auslöser gilt der deutliche Anstieg der Langfristzinsen in den USA in jüngster Zeit. Gemessen werden diese Zinsen an der Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen. Anfang Oktober sind sie auf mehr als 3,2 Prozent gestiegen – so hoch wie seit 2011 nicht mehr. Sie widerspiegeln die Erwartung, dass die US-Notenbank die Leitzinsen angesichts einer heiss laufenden Wirtschaft und einer jüngst gemessenen Inflation von 2,3 Prozent künftig noch deutlich stärker anheben wird – trotz dem Protest von US-Präsident Donald Trump.

Obwohl das Zinsniveau in den USA sehr viel höher liegt als in Europa, ist es im historischen Vergleich und kaufkraftbereinigt (real) auch dort noch tief. Die Notenbanken haben weltweit mit ihrer Tiefstzinspolitik den Aktienboom der jüngsten Vergangenheit befeuert. Steigende Zinsen sind für Aktienmärkte dagegen Gift. Einerseits stellen dann Käufe von sicheren Staatsanleihen eine Alternative zu den riskanteren Anlagen in Aktien dar, beziehungsweise die Risikoprämie nimmt ab, die Aktienanlagen gegenüber solchen in Staatsanleihen bieten. Ausserdem verteuern höhere Zinsen die Kreditaufnahme und die Investitionen der Unternehmen.

Gibt es noch mehr, was die Kurse belastet?

Ja. Zum einen belastet der von Präsident Trump ausgehende Handelskrieg vor allem gegenüber China, der sich zunehmend verschärft. Wenn er die internationalen Wertschöpfungsketten ernsthaft in Mitleidenschaft zieht, leiden die Unternehmen und ihre Gewinne darunter. Dazu kommt die Nervosität wegen des Streits um die Staatsfinanzen in Italien. Hier besteht die Sorge, dass es bei einer weiteren Eskalation – diesmal im Zusammenhang mit dem wirtschaftlich drittgrössten Euroland – zu einer schlimmeren Neuauflage der Eurokrise kommt. Letztlich wecken die steigenden Zinsen in den USA auch Ängste vor Währungseinbrüchen in weiteren Schwellenländern, wie sie sich bereits in Argentinien und der Türkei gezeigt haben. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.10.2018, 22:42 Uhr

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