Griechenland, der Flohmarkt Europas

Nicht nur griechische Beamte, auch Mitarbeiter staatlicher Unternehmen haben offenbar in Saus und Braus gelebt. Das Loch in den Staatskassen soll nun durch den grossen Ausverkauf gefüllt werden.

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Griechenland ist derzeit das Armenhaus Europas, an den Rand des Ruins getrieben durch Löhne und Privilegien, die in Europa ihresgleichen suchen. Angesichts einer Arbeitslosigkeit von 16 Prozent und Schulden in der Höhe von 360 Milliarden Euro (441 Milliarden Franken) soll jetzt das Tafelsilber verscherbelt werden, um die Staatskasse zu sanieren.

Das Rezept, um den Schuldenberg abzubauen: Bis 2015 sollen durch den Verkauf der Staatsanteile an den verlustbringenden Unternehmen und der staatseigenen Immobilien 50 Milliarden Euro die Kassen gespült werden. Marktbeobachter glauben allerdings, dass nicht mehr als 15 Milliarden Euro (19 Milliarden Franken) zu holen sind.

Wer bietet mehr?

Im Angebot: 34 Prozent der Lotto- und Wettgesellschaft Opap, die im vergangenen Jahr 5,1 Milliarden Euro (6,3 Milliarden Franken) umgesetzt hat. Oder: der Flughafen von Athen, an dem der Staat derzeit noch 55 Prozent hält. 20 Prozent stehen zum Verkauf, der deutsche Baukonzern Hochtief ist bereits mit 40 Prozent beteiligt. Das stillgelegte Flughafenareal Hellenikon, das heute Teil des Olympiageländes ist, sollte ursprünglich in einen Park umgewandelt werden. Doch dafür fehlt das Geld, jetzt wird die Fläche an den Meistbietenden vergeben.

Ebenfalls einen Käufer suchen die Telefongesellschaft und die Eisenbahn. Doch selbst wenn der Staat seine Telekomanteile vollständig abstossen kann, bleibt die Ausbeute mager. Rund 40 Prozent gehören bereits der deutschen Telekom, nur zehn Prozent sind noch in Staatsbesitz. Und an einen Verkauf der Staatsbahnen ist gar nicht zu denken: Pro Jahr macht das Unternehmen einen Verlust von einer Milliarde Euro (1,23 Milliarden Franken), mit mehr als zehn Milliarden Euro steht die staatliche Eisenbahn in der Kreide. Bevor der Staat seinen Anteil von 49 Prozent abstossen könnte, müsste das hoch defizitäre Unternehmen saniert werden. Weiter stehen zum Verkauf: der Hafen von Piräus, einer der grössten Containerports Europas, die staatlichen Post-Anteile von 39 Prozent sowie 17 Prozent der Anteile am Dampfkraftwerk des griechischen Stromkonzerns Public Power Corp.

Rettungsanker Immobilien

Für Wirtschaftsforscher und Währungshüter bleibt ein Verkauf dieser Assets Zukunftsmusik, Käufer sind nicht in Sicht. Woher also das Geld nehmen? Athen setzt auf den Verkauf seiner Liegenschaften als letzten Rettungsanker. Geschätzter Marktwert: bis zu 350 Milliarden Euro (429 Milliarden Franken). Doch der Immobilienmarkt ist bekanntlich zusammengebrochen, und die Eigentümerverhältnisse sind unklar. Es bleibt ein Rätsel, wie Griechenland zu Geld kommen soll, geschweige denn die im vergangenen Jahr um 4,5 Prozent geschrumpfte Wirtschaftsleistung wieder wettmachen wird.

Spitzenverträge

Schuld an der Staatsmisere sind nicht nur die kreativen staatlichen Buchhalter, die Griechenland frühzeitig Euro-fit machen sollten, sondern auch die Sonderrechte und überzogenen Löhne für Mitarbeiter staatlicher Gesellschaften und Privatunternehmen im Infrastrukturbereich. Portiers und Chauffeure des griechischen Erdölkonzerns Helpe mit einem Jahresgehalt von 90'000 Euro (110'000 Franken) sind keine Seltenheit. Die insgesamt 2500 Helpe-Mitarbeiter bekommen im Schnitt 17,8 Monatsgehälter, davon 3,4 kaschiert als Produktivitätsboni. Das Durchschnittsgehalt im Petro-Konzern liegt bei 70'000 Euro (86'000 Franken) pro Jahr.

Noch ein Aperçu: Die Beschäftigten des halbstaatlichen Elektronikkonzerns DEI beziehen privat Strom mit einem Rabatt von 70 Prozent oder sogar umsonst. Die Elektriker-Gewerkschaft hat das einst durchgeboxt. Vergünstigungen für Mitarbeiter und Gewerkschafter haben den Stromkonzern in den vergangenen zehn Jahren mehr als 30 Millionen Euro (37 Millionen Franken) gekostet. Und es kommt noch dicker: Die Stromgesellschaft hat die Arbeitnehmervertreter auch mit Zahlungen in der Höhe von 115'000 Euro für die Demonstrationen gegen die Sparbeschlüsse der Regierung unterstützt, die Gewerkschaft ihrerseits hat mit den Fördergeldern ihren Mitgliedern sogar private Ferienreisen finanziert. Sowohl Helpe als auch DEI, die das Füllhorn über ihre Mitarbeiter ausgiessen, sollen von der Privatisierungswelle noch verschont werden.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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