Für Argentinien wird die Zeit bedrohlich knapp

Nachdem das Land den Ende Juni fälligen Zinstermin verpasst hat, bleiben noch 30 Tage, um eine erneute Insolvenz abzuwenden.

Die Uhr tickt: Plakate in Buenos Aires – Kampf gegen "Geier-Fonds".

Die Uhr tickt: Plakate in Buenos Aires – Kampf gegen "Geier-Fonds".

(Bild: Reuters)

Robert Mayer@tagesanzeiger

Bis heute Dienstag, 0 Uhr, hätte Argentinien auf seinen restrukturierten Staatsschulden eine Zahlung von 832 Millionen Dollar für Zinsen und Tilgung leisten müssen. Das krisengebeutelte Land, das 2001 einen Staatsbankrott im Volumen von 95 Milliarden Dollar erlitten hatte, liess den Termin jedoch verstreichen. Nicht weil es erneut zahlungs­unwillig oder -unfähig ist, sondern weil ein Distriktgericht in New York die Zahlung an die Gläubiger als illegal bewertet und diese deshalb untersagt hat.

Argentinien hat eben zwei Gruppen von Gläubigern: Einerseits jene, welche die Umschuldungen von 2005 und 2010 akzeptierten und dabei auf gut 70 Prozent ihrer ursprünglichen Forderungen verzichteten; sie stellen mit gut 92 Prozent die grosse Mehrheit. Die restlichen Gläubiger andererseits, in erster Linie Hedgefonds, lehnten die damaligen Umschuldungsofferten ab und beharren auf der vollen Rückzahlung ihrer Ausstände. Während Argentinien die restrukturierten Schulden termingerecht bedient, bekommen die «renitenten» Gläubiger keinen US-Cent. Diese Ungleichbehandlung verstösst nach Überzeugung des besagten US-Gerichts (und aller weiteren Instanzen) gegen die sogenannte Pari-passu-Klausel, die in den alten argentinischen Staatsanleihen enthalten war und verlangt, dass alle Gläubiger gleich zu behandeln sind.

Hoffen auf einen Vergleich

Das Distriktgericht, das von einem Teil der widerspenstigen Gläubiger angerufen wurde, hat deshalb verfügt, dass Argentinien seine nächste Zahlung auf die restrukturierten Schulden nur dann leisten darf, wenn gleichzeitig die klagenden Widerspenstigen ihr Geld – rund 1,3 Milliarden Dollar – bekommen. Mehr noch: Strafbar machen sich laut dem Urteil auch jene Banken, die Argentinien bei der alleinigen Überweisung des Geldes nur an die Verzicht leistenden Gläubiger behilflich sind. Zu diesen Instituten zählt namentlich die amerikanische Bank of New York Mellon.

Dass die Südamerikaner nun die restrukturierten Staatsschulden nicht bedienen konnten, dürfte als «technischer Zahlungsausfall» (Technical Default) bewertet werden. Dementsprechend hat sich jedenfalls die Ratingfirma Standard & Poor’s geäussert. Moody’s, die zweite grosse Ratingagentur, wollte sich bislang nicht festlegen.

Argentinien bleibt damit noch eine allerletzte Gnadenfrist von 30 Tagen. Falls die Gläubiger auch in diesem Zeitfenster kein Geld erhalten, wäre das Land formell bankrott – zum zweiten Mal innerhalb von 13 Jahren. Doch an ein solches Schreckensszenario mögen die meisten Marktbeobachter derzeit nicht denken. Vielmehr erwarten sie, dass sich Argentinien zähneknirschend auf einen Vergleich mit den «Geierfonds» (wie die renitenten Hedgefonds von der Regierung in Buenos Aires genannt werden) einigen wird.

Um neues Vertrauen bemüht

Dafür sprechen aus ihrer Sicht vor allem zwei Gründe. Zum einen hat Argentinien keine juristische Handgabe mehr, um sich aus der jetzigen Sackgasse zu befreien; ein Spiel auf Zeit liegt also nicht im Interesse des Landes. Zum andern wären die Südamerikaner bei einer neuerlichen Insolvenz am meisten gestraft. Der Zugang zum Kapitalmarkt bliebe ihnen für Jahre oder gar Jahrzehnte versperrt. All ihre Bemühungen, neues Vertrauen bei internationalen Investoren zu gewinnen, wären zunichtegemacht.

Zu den vertrauensbildenden Schritten Argentiniens zählte die Einigung mit dem Pariser Club, in dem die Staats­gläubiger vertreten sind. Der im Mai erzielte Durchbruch sieht vor, dass Argentinien in den nächsten fünf Jahren längst überfällige Schulden von knapp 10 Milliarden Dollar an die betreffenden Länder zurückzahlt. Bereits im Februar hatte sich die Regierung in Buenos Aires mit dem spanischen Ölkonzern Repsol auf eine Entschädigung für die 2012 erfolgte teilweise Verstaatlichung von dessen argentinischer Tochter YPF verständigt; dabei geht um eine Grössenordnung von 5 Milliarden Dollar.

Ohne neues Kapital aus dem Ausland wird die drittgrösste Volkswirtschaft Lateinamerikas nach Einschätzung vieler Experten kaum in der Lage sein, sich aus ihrer hartnäckigen Rezession zu befreien. Die Devisenreserven des Landes sind auf unter 29 Milliarden Dollar gesunken, den tiefsten Stand seit über sieben Jahren. Vor allem aber benötigt Argentinien ausländische Investitionen, um die Vorkommen an Schiefergas und -öl zu erschliessen, die zu den weltweit grössten gezählt werden.

Doch reicht die Zeit überhaupt noch, um eine Einigung zwischen der argentinischen Regierung und den Hedgefonds auszuhandeln? Bedenken weckt nicht allein die hohe Komplexität der Materie, sondern auch das abgrundtiefe Misstrauen zwischen den Protagonisten.

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