Finanzkrise treibt Banker in die Psychiatrie

Im Burghölzli stehen die Zeichen auf Rot: Die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich ist überbelegt. Nun erwartet Klinikdirektor Daniel Hell noch mehr Eintritte – wegen der Finanzkrise.

Geld weg: Die Finanzkrise treibt viele in die Psychiatrie.

Geld weg: Die Finanzkrise treibt viele in die Psychiatrie.

(Bild: Keystone)

Schon vor der Finanzkrise kämpfte das Burghölzli mit einem Ansturm: 2007 traten 3655 Personen in die Psychiatrische Uniklinik Zürich ein, 2002 waren es erst 3191. Für das laufende Jahr rechnet Klinikdirektor Daniel Hell mit einem weiteren Anstieg: Bereits 3023 Eintritte verzeichnete er bis Ende Oktober.

«Dieses Jahr werden wir wieder das hohe Niveau des letzten Jahres erreichen.» Hell nennt folgende Ursachen für den Anstieg: «Die Globalisierung, der Leistungsdruck sowie die soziale Destabilisierung und Vereinsamung bringen immer mehr Menschen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.»

Finanzkrise fordert ihren Tribut

Die Finanzkrise ist dabei nur ein weiteres Steinchen im Getriebe der menschlichen Psyche. Zwar kann Hell nicht genau sagen, wie viele Patienten wegen der Krise in der Klinik behandelt würden. Doch er schätzt, dass es einige sind. «Finanzielle Probleme erhöhen das Risiko einer Depression nach vorliegenden Studien um den Faktor sechs», betont er. Auch Arbeitslosigkeit ist laut dem Psychiater ein gewichtiger Faktor für Depressionen.

In einzelnen Fällen handelt es sich bei den Patienten mit Depressionen und Burnouts auch um Spitzenverdiener – Banker, die «hoch spekuliert» und «alles verloren» haben. Diese werden laut Hell aber in Privatkliniken behandelt. Für den Normalverdiener ist es jedoch nur schwer nachvollziehbar, dass ein Multimillionär wegen einiger verlorener Millionen eine psychische Störung entwickelt. Hell erklärt, warum dies so ist: «Diese Menschen waren sich Erfolg gewöhnt. Die Verluste treffen sie hart, zumal sie untereinander in einer harten Konkurrenz stehen.» Dies kann jedoch auch eine Chance sein, ein neues Leben anzufangen, sagt Hell.

Folgen für die Klinik

Die Zunahme bei den stationären Patienten hat auch für die Klinik Folgen: 2008 waren rund 97 Prozent der Betten ausgelastet. Zum Vergleich: 2005 betrug die Bettenbelegung noch 91 Prozent. Da die Psychiatrie nur für eine Auslastung von 92 Prozent gerüstet ist, mussten zusätzliche Betten in die Zimmer gestellt werden. Kommt dazu, dass die Klinik den Betrieb voll aufrecht erhalten muss, obwohl die Personaldecke dünn ist. Für die Zukunft ist Hell eher pessimistisch: Er befürchtet, dass es so weiter gehen wird. «Die Krise wird den Druck auf die Klinik wohl noch erhöhen.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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