Diese vier Firmen trotzen dem starken Franken

Jammern tut nicht gut: Nach diesem Motto schlagen sich beispielhafte Unternehmen durch Zeiten turbulenter Währungsmärkte.

«Nach dem Ende der Frankenuntergrenze kam einige Tage lang keine einzige Bestellung herein»: Heinz Hinnen, Chef der Wyler AG. (Video: Lea Koch)
Franziska Kohler@tagesanzeiger

«Ich habe keine Forderungen an die Politik.» Das sagte Heinz Hinnen am 14. Januar 2011. Damals waren das un­gewöhnliche Worte aus dem Mund des Chefs eines exportorientierten KMU. Der Euro war an diesem Tag noch 1.29 Franken wert, 13 Prozent weniger als zur selben Zeit ein Jahr zuvor. Und er sollte noch auf 1.11 Franken abstürzen, bis die Schweizerische Nationalbank im September 2011 die Untergrenze ausrief.

Die Wyler AG, ein Winterthurer Industriebetrieb mit 50 Angestellten und sechs Lehrlingen, war davon besonders betroffen, weil er rund 40 Prozent des Umsatzes im Euroraum machte. Dennoch wollte Hinnen von Staatshilfe nichts wissen. Seine Firma setze auf innovative Produkte und guten Service.

Nun ist der starke Franken zurück, und damit die Angst. Am Mittwoch diskutiert der Nationalrat in einer dring­lichen Debatte über die Folgen. Laut dem Industrieverband Swissmem sind 20'000 Arbeitsplätze in Gefahr, Forschungsstellen erwarten einen Konjunktureinbruch. Viele Industriefirmen haben bereits Massnahmen angekündigt: Der Bauzulieferer Arbonia Forster streicht mindestens 150 Stellen, der Hörgerätehersteller Sonova lagert einen Teil der Produktion nach Grossbritannien und China aus, zahlreiche KMU erhöhen die Arbeitszeit und verzichten auf Lohnanpassungen.

Heinz Hinnen aber hält an seiner Meinung fest, auch wenn der 15. Januar ein Schock war. «Nach dem Ende der Frankenuntergrenze kam einige Tage lang keine einzige Bestellung herein», sagt er. Der Stillstand hielt aber nicht lange an: «Nach kurzer Zeit fingen die Geschäfte wieder an zu laufen. «Kumuliert verzeichneten wir im Januar und Februar mehr Bestellungen als in den ersten beiden Monaten des letzten Jahres.»

Hinnen bleibt darum optimistisch, obwohl Wyler heute auf den ersten Blick noch schlechter positioniert ist als 2011. Mittlerweile entfällt fast 50 Prozent des Umsatzes auf den Euroraum, während ein Grossteil der Produktion bei Partnerfirmen in der Schweiz stattfindet. Das sei eine «eher ungünstige Ausgangslage», bestätigt Hinnen. Man habe sich aber in den letzten Jahren auch Vorteile erarbeitet. «Gewinnmaximierung ist nicht unser Hauptziel. Stattdessen investieren wir jedes Jahr 18 Prozent des Umsatzes in die Entwicklung von Innovationen.»

Gefragte Nischenprodukte

In den letzten drei Jahren brachte Wyler mehrere neue Produkte auf den Markt, die laut Hinnen sehr gut laufen: eine Software zur Vermessung von Werkzeugmaschinen und verschiedene Handmessgeräte. Das sind Nischenprodukte, deren Herstellung in der Schweiz zwar teuer ist, die auf dem Markt wegen ihrer Qualität aber sehr gefragt sind. Und für diese Qualität sind die Kunden bereit, aufgrund des starken Frankens bis zu 11 Prozent mehr zu bezahlen.

Wyler ist nicht das einzige Unternehmen, das in der Not erfinderisch wurde. «Der starke Franken zwingt uns, noch effizienter zu arbeiten und stärker in Forschung und Entwicklung zu investieren», sagt Beat Römer, Mediensprecher des Schaffhauser Industriekonzerns Georg Fischer. «Nur so können wir unsere Margen halten beziehungsweise steigern.» Auch Georg Fischer ist mit neuen Produkten erfolgreich, beispielsweise in der Automobilsparte. Dort produziert der Konzern Leichtbaulösungen, die sehr gefragt sind, da neue Abgasvorgaben nach weniger Emissionen und damit leichteren Fahrzeugen verlangen.

Das Beispiel Georg Fischer zeigt, dass sich der Währungsdruck indirekt auch positiv auswirken kann, zumindest auf die Geschäftszahlen. Seit der letzten Frankenaufwertung 2011 steigerte der Konzern die operative Marge von 6,5 auf 7,2 Prozent. Neben der Innovation setzt das Unternehmen auf Internationalität. Seit mehreren Jahren treibt es die Expansion unter anderem in Asien voran, um die Abhängigkeit von Europa zu reduzieren. «Das hilft jetzt, wo der Franken wieder stark ist», sagt Römer.

Für 2015 rechnet Georg Fischer denn auch nicht mit einem Einbruch. Trotzdem oder gerade darum steht der Konzern in der Kritik: Mitte Februar erhöhte er die durchschnittliche Arbeitszeit von 40 auf 44 Stunden, vorerst für ein halbes Jahr. Das Führungspersonal erhält eine Woche weniger Ferien. Damit sollen die Folgen der Frankenaufwertung aufgefangen und Arbeitsplatzverluste in der Schweiz verhindert werden.

Die Produktion von Gütern mit geringer Wertschöpfung so weit wie möglich auslagern, Forschung und Entwicklung in der Schweiz stärken: Diese Strategie empfiehlt auch Remo Rosenau, Chefanalyst der Neuen Helvetischen Bank. Er glaubt, dass der starke Franken diesmal weniger Schaden anrichten wird als 2011. Damals sei wegen eines konjunkturellen Abschwungs auch die Auftragslage schlecht gewesen. «Nun sind die Auftragsbücher voll.» Georg Fischer sei nicht das einzige Unternehmen, das sich dem neuen Umfeld angepasst habe: «Die letzte Frankenaufwertung war für viele ein Warnschuss.»

Serviceleistungen verstärkt

Eine Firma, die schon seit Jahren an einer guten Aufstellung arbeitet, ist das Winterthurer Industrieunternehmen Burckhardt Compression. Es erzielt fast den gesamten Umsatz im Ausland, 50 Prozent der Kosten fallen hingegen in der Schweiz an. Doch der Konzern hat vorgesorgt: Er hat seine globale Präsenz ausgebaut und setzt verstärkt auf Serviceleistungen. Diese lassen sich nicht aufschieben und sind darum krisenresistenter. Ausserdem bestehen die verkauften Kompressorsysteme zu 60 Prozent aus Zubehör, das die Firma aus dem Euro- und Dollar-Raum zukauft, genauso wie die Rohmaterialien zur Fertigung der Kompressoren. Dadurch ist sie gegen Währungsschwankungen abgesichert. «Natürlich helfen alle diese Massnahmen in der jetzigen Situation», sagt Chef Marcel Pawlicek. Die Auftragslage sei weiterhin gut, Arbeitszeiterhöhungen oder Kurzarbeit nicht geplant.

Auch der Industrie- und Handelskonzern Dätwyler mit Sitz in Altdorf UR hat die letzten drei Jahre nach eigenen Angaben genutzt, um sich besser aufzustellen. Er verlagerte Teile der Produktion ins Ausland, indem er Unternehmen in Deutschland oder China übernahm. 2010 generierte der Konzern 85 Prozent des Umsatzes in Europa, heute sind es noch 77 Prozent. Gleichzeitig investierte Dätwyler in die Schweizer Standorte, indem er etwa den Automatisierungsgrad erhöhte. 100 Stellen gingen in Altdorf dadurch verloren, allerdings konnten laut Sprecher Guido Unternährer zwei Drittel ohne Entlassungen abgebaut werden. Mit rund 900 Angestellten ist Dätwyler immer noch der mit Abstand grösste Arbeitgeber im Kanton Uri.

Georg Fischer, Burckhardt Compression und Dätwyler haben eines gemein: Sie sind schlagkräftige, börsenkotierte Unternehmen mit Tausenden Mitarbeitern weltweit. Verschlechtert sich das wirtschaftliche Klima in der Schweiz, können sie auf andere Länder ausweichen. Ganz anders sieht es bei KMU aus, die keine ausländischen Standorte eröffnen wollen oder können. Für sie werden die nächsten Monate und Jahre sehr schwierig, sagt Martin Hüsler, Industrieanalyst bei der Zürcher Kantonalbank. «Sie haben keine Ausweichmöglichkeiten – gleichzeitig werden sie von günstigeren Importprodukten bedrängt.» Sie müssen entweder weiter an der Kostenschraube drehen – oder auf Innovation setzen, wie Heinz Hinnen das tut.

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