Die Wirtschaft wächst – der Lohn nicht

Der Lohnanstieg in der Schweiz bleibt deutlich hinter den Forderungen der Gewerkschaften zurück. Laut einer neuen CS-Studie liegt das an der Zurückhaltung der Angestellten.

Schweizer Angestellte bekommen durchschnittlich 0,3 Prozent mehr: Arbeiter bei Designergy. Foto: Pablo Gianinazzi (Keystone, TI-Press)

Schweizer Angestellte bekommen durchschnittlich 0,3 Prozent mehr: Arbeiter bei Designergy. Foto: Pablo Gianinazzi (Keystone, TI-Press)

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Im nächsten Jahr werden die ausbezahlten Löhne laut dem gestern vorgestellten «Monitor» der Credit Suisse um 1 Prozent zunehmen. Abzüglich der für 2019 erwarteten Teuerung von 0,7 Prozent bleibt nur ein Kaufkraftzuwachs von 0,3 Prozent. Im «Monitor» veröffentlichen die Ökonomen der Grossbank regelmässig Untersuchungen zur Wirtschaftsentwicklung.

Die Lohnprognose der CS liegt deutlich tiefer als die Lohnforderung der Arbeitnehmervertreter. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund hält einen Lohnzuwachs von 2 bis 2,5 Prozent für angemessen und begründet das unter anderem mit der ausgezeichneten Konjunkturlage der Schweiz.

Dass die Schweizer Wirtschaft aktuell heiss läuft, bestätigen auch die Credit-Suisse-Ökonomen. Im laufenden Jahr erwarten sie eine Zunahme des Bruttoinlandprodukts von 2,7 Prozent. Das ist doppelt so hoch wie im Jahr 2015. Bis zum Ende des Jahres soll die Quote der gemeldeten Arbeitslosen nur noch 2,3 Prozent betragen. Die Gewerkschaften monieren, dass sich die Löhne dennoch nur schwach entwickelt hätten. Es gelte jetzt, die Lücke zu füllen.

Vom Frankenkurs profitiert

Entscheidend für die Beurteilung der Lohnentwicklung der letzten Jahre ist der Unterschied zwischen den Nominallöhnen (das sind die ausbezahlten Gehälter) und den Reallöhnen. Letztere zeigen die Entwicklung der Kaufkraft der Löhne. Das Wachstum der Reallöhne entspricht in etwa dem Nominallohnwachstum abzüglich der Inflation.

Das Wachstum der nominalen Löhne war in der Schweiz im letzten Jahrzehnt äusserst gering. Im Durchschnitt haben sie seit der Finanzkrise pro Jahr um weniger als 1 Prozent zugenommen, im vergangenen Jahr sogar nur um 0,4 Prozent. Dank dem jüngst noch deutlich überteuerten Franken sieht das Bild für die Reallöhne deutlich besser aus, weil der Wechselkurs für tiefere Importpreise und damit für ein sinkendes Preisniveau in der Schweiz gesorgt hat. Kaufkraftbereinigt sind die Löhne deshalb in den Jahren von 2009 bis 2016 in der Schweiz so stark gestiegen wie seit den 1970er-Jahren nicht mehr. Mit der Rückkehr einer geringen Inflation im letzten Jahr ist das vorbei. 2017 resultierte im Durchschnitt sogar eine Reduktion der Reallöhne.

Auch bei höheren Wachstumsraten und einer sinkenden Arbeitslosigkeit bewegen sich die Löhne kaum mehr. 

Die von den CS-Ökonomen präsentierten Daten sprechen gegen eine deutliche Wende hin zu deutlich höheren Löhnen. Noch in den Jahrzehnten vor der Finanzkrise sind sie bei einer sinkenden Arbeitslosenquote jeweils deutlich angestiegen. Die Begründung: Bei einer tiefen Arbeitslosigkeit sind Beschäftigte für Unternehmen schwieriger zu finden, weshalb sie höhere Löhne durchsetzen können. Doch dieser Zusammenhang ist weitgehend verschwunden – das zeigt sich auch in anderen Ländern. Auch bei höheren Wachstumsraten und einer sinkenden Arbeitslosigkeit bewegen sich die Löhne kaum mehr.

Mehrere Erklärungen werden unter Ökonomen weltweit als Ursache für die Schwäche der Beschäftigten diskutiert, höhere Löhne durchzusetzen: die technologische Entwicklung, die Globalisierung mit der Konkurrenz durch ausländische Arbeitskräfte oder die Schwäche der Gewerkschaften.

Erwünschter Lohnverzicht

Laut der Credit-Suisse-Studie gibt es kaum Hinweise, dass diese Gründe für die Entwicklung in der Schweiz ausschlaggebend sind. Der technische Fortschritt sorge bisher im Hochlohnbereich für neue Stellen. Auslagerungen von Jobs ins Ausland seien angesichts gestiegener Löhne in Schwellenländern für Unternehmen weniger attraktiv, und hoch bezahlte Jobs würden ohnehin im Land verbleiben. Insgesamt würden sich diese Entwicklungen kaum auf die Durchschnittslöhne auswirken. Für einzelne Beschäftigte vor allem im unteren Einkommensbereich kann das Bild aber deutlich anders aussehen.

Die CS-Ökonomen begründen das schwache Lohnwachstum in der Schweiz mit einer «langfristig verankerten und systematischen Lohnzurückhaltung» . Die Beschäftigten würden ihren lohnpolitischen Spielraum bewusst nicht nutzen, um im Gegenzug das Risiko von Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Das ist für die Studienautoren eine wichtige Ursache für das anhaltend hohe Beschäftigungswachstum in der Schweiz seit der Finanzkrise – trotz Rezession und Frankenschock. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 18.09.2018, 23:13 Uhr

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