Die Physiologie des Frankenschocks

Welchen Wechselkurs würde die Metallindustrie vertragen? Warum trotzt die Uhrenbranche dem starken Franken? Die Credit Suisse seziert in einem neuen Papier den Währungsschock nach Branchen.

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Simon Schmid@schmid_simon

Alles im Leben ist relativ – auch die Stärke des Frankens. Für den Maschinenbau ist die Währung relativ stark: Die Branche hat beim Kurs von 1.07 Franken pro Euro Mühe mit dem Geschäft, denn aus ihrer Sicht liegt der «faire» Wechselkurs bei rund 1.42 Franken pro Euro. Für die Chemiebranche liegt der «faire» Wechselkurs dagegen bei rund 1.12 Franken pro Euro. Der Franken ist aus ihrer Optik relativ schwach überbewertet.

Warum ist das so? Antworten dazu gibt die Forschungsabteilung der Credit Suisse in einem neuen Papier. Sie hat darin für einzelne Branchen eine Serie von fairen Wechselkursen berechnet. Bei dieser Methode werden Produzentenpreise im In- und Ausland verglichen: Man stellt spezifische Warenkörbe zusammen, die jeweils für eine Branche relevant sind, und berechnet daraufhin den Wechselkurs, der den Preis dieser Warenkörbe im In- und Ausland ausgleichen würde (siehe Grafiken oben).

Unterschiedliche Zielmärkte

Das Ergebnis liefert einen ersten Hinweis darauf, wie gut eine Branche mit dem starken Franken leben kann. Doch das ist nicht das Ende der Geschichte. Mit dem fairen Wechselkurs fängt die Analyse erst an. Denn: Nicht alle Branchen sind gleichermassen abhängig vom Euroraum. Die Papier- und Kunststoffindustrie exportiert beispielsweise gegen 70 Prozent der Waren in die Währungsunion. Für sie ist der Euro nicht nur relativ stark – sondern auch relativ wichtig.

Umgekehrt sieht sich die Uhrenindustrie vom reinen Preisvergleich her mit einer relativ starken Überbewertung konfrontiert. Der faire Wechselkurs liegt für sie in der Region von 1.50 Franken. Auf der anderen Seite verkaufen Swatch und Co. rund 75 Prozent ihrer Uhren nach Asien, in die USA und andere Länder ausserhalb Europas. Der starke Franken ist für die Uhrenbranche somit relativ unwichtig.

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Eine weitere Dimension ist die Gewinnmarge. Hier geht es um die Wettbewerbsmacht von Unternehmen im internationalen Markt. Je grösser sie ist, desto besser kann eine Firma hohe Preise an ausländische Konsumenten überwälzen. Was das für Vorteile bringt, wird am Beispiel der Pharmaindustrie anschaulich. Auch für sie ist der Franken relativ stark: Der faire Wechselkurs würde bei rund 1.35 Franken pro Euro liegen. Gleichzeitig verzeichnen Pharmafirmen mit Werten von 20 Prozent und mehr die höchsten Gewinnmargen. Novartis und Co. sind, was Währungen angeht, relativ resistent.

Übers grosse Ganze verortet die Credit Suisse den fairen Wechselkurs derzeit bei 1.24 Franken pro Euro (Stand Ende 2014). Der faire Europreis für einen Franken läge demnach bei gut 80 Cent. Gegenüber dem momentanen Börsenkurs von 93,4 Cent pro Franken wäre die Schweizer Währung also gut 15 Prozent überbewertet. Wie die CS festhält, ist diese Einschätzung aber sehr relativ. «Auch wenn der Franken vor dem Aufwertungsschock gesamtwirtschaftlich nur wenig überbewertet war, traf dieser Umstand nicht auf jede Branche zu.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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