Die Grüngeldstrategie

Der Finanzplatz arbeitet nach dem Ende des Bankgeheimnisses an seiner Positionierung. Eine unterschätzte Chance ist dabei der Nachhaltigkeitssektor. Die verwalteten Vermögen in diesem Bereich wuchsen trotz Krise zweistellig, sind aber immer noch relativ klein.

Nachhaltigkeit als zukunftsträchtige Anlagekategorie: Ein Solarkraftwerk in Portugal. Foto: Mario Proenca (Bloomberg News)

Nachhaltigkeit als zukunftsträchtige Anlagekategorie: Ein Solarkraftwerk in Portugal. Foto: Mario Proenca (Bloomberg News)

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Geld verdienen auf ökologische und ­sozial nützliche Weise: Dieses Ziel verfolgen Investoren mit nachhaltigen Geldanlagen. Die Schweiz mischt in dieser Sparte vorne mit. Von Zürich bis Genf ist über die Jahre ein Cluster spezialisierter Firmen herangewachsen, die nachhaltig gesinnte Investoren auf der ganzen Welt mit Beratung und Produkten versorgen.

Ein Beispiel ist die Zürcher Firma ­RobecoSAM, die die Grundlagendaten für den Dow-Jones-Sustainability-Index erarbeitet, einer global von Investoren genutzten Zusammenstellung von Unternehmen, die im Branchenvergleich das umweltfreundlichste und sozial ­verträglichste Geschäft pflegen. Weitere Firmen bewirtschaften nachhaltige ­Anlagefonds oder verwalten Gelder im Auftrag von Pensionskassen.

Der Industriezweig ist kontinuierlich gewachsen – ungeachtet von Finanzkrise und Steuerstreit. Die verwalteten Vermögen sind letztes Jahr um 17 Prozent gestiegen, bis zu 20 Prozent Wachs- tum werden dieses Jahr erwartet. Landesweit sind inzwischen 57 Milliarden Franken gemäss Nachhaltigkeitsan­sätzen im engeren Sinn angelegt. Angesichts der total 2,3 Billionen in der Schweiz verwalteten Gelder ist der Betrag allerdings relativ klein.

Luxemburg und London führen

Am Finanzplatz wird diese Disziplin denn auch stiefmütterlich behandelt. Prioritär seien Themen wie das Asset-­Management, die Finanzierung von ­Rohstoffen oder die chinesische Währung Renminbi, heisst es etwa bei der Ban­kiervereinigung. Ihrer Lesart zufolge spielt die Farbe Grün im Übergang vom Schwarz- zum Weissgeld eine unter­geordnete Rolle.

Akteure wie Sabine Döbeli, Chefin der jüngst gegründeten Allianz Swiss Sustainable Finance (SSF), wollen dies ändern. «Nachhaltigkeit soll zu einem wichtigeren Standbein werden», sagt sie. «Kein Finanzplatz ist besser für das Thema positioniert als die Schweiz.» Als Vorbild dient dabei Luxemburg. Die dortige Fondsvereinigung hat das Thema zu einer von drei tragenden Säulen erklärt. Der Webauftritt ist in Grün gehalten, es gibt Roadshows und vergünstigte Bedingungen bei der Fonds­emission. Der Erfolg ist vorhanden: Zahlreiche Nachhaltigkeitsfonds laufen heute über Luxemburg. Auch London vermag grosse Geldmengen anzuziehen. Stark ist London bei der Emission sogenannter Green Bonds, also bei Anleihen, mit deren Erlösen Umwelt- und Klimaschutzprojekte finanziert werden. Das diesbezügliche Volumen soll sich 2014 global von 14 auf 40 Milliarden Dollar verdreifachen.

Laut Döbeli könnte sich die Schweizer Finanzindustrie ein grösseres Stück des Kuchens abschneiden. Der nachhaltige Ansatz strahle auf den gesamten Finanzplatz aus, sagt sie. «Die Schweiz hat mit ihren Umweltstandards und den stabilen Rahmenbedingungen eine hohe Glaubwürdigkeit.» Christoph Dreher, Partner des Center for Social and Sustainable Products, einer liechtensteinischen Beratungsfirma, sagt: «Nirgendwo sonst ist die Know-how-Dichte im Bereich verantwortungsvoller Anlagen grösser.» Mit dem Thema profilieren könnten sich etwa die Family Offices der Schweizer Banken. «Die heutige Erbengeneration der Superreichen ist stark an verantwortungsvollen Investments in­teressiert», sagt Dreher.

Bei der Zurich-Versicherung zeigt man sich zunehmend aufgeschlossen. Sie hat kürzlich entschieden, eine zweite Milliarde Dollar in Green Bonds zu investieren. Unter den Pensionskassen hat die Post bereits 2003 begonnen, ein Aktienportfolio nach nachhaltigen Kriterien zu bewirtschaften. 2011 wurden 150 Millionen Franken in die Subdisziplin Micro­finance investiert. «Das Risiko-Rendite-Verhältnis muss stimmen», sagt Geschäftsführerin Françoise Bruderer. «Sind zwei Anlagen gleichwertig, wird die nachhaltigere bevorzugt.»

Der SSF-Allianz haben sich 55 Unternehmen angeschlossen. Mit an Bord ist auch das Staatssekretariat für Wirtschaft. Von den Bankiers hingegen wird das Projekt kritisch beäugt. So schreibt Martin Hess, Leiter Wirtschaftspolitik, jüngst in einem Blogbeitrag: «Die D­i­rettissima von schwarzem über weisses hin zu grünem Geld ist für Erstbesteiger nicht ohne Pausen zu klettern und birgt grosses Absturzrisiko.» Auch die Schweizer Fonds- und Asset-Management-­Vereinigung möchte sich «nicht gleich in eine Nische begeben», wie Sprecher Markus Fuchs sagt. «Bevor man Marketing betreibt, müssen die Hausaufgaben gemacht und der Begriff Nachhaltigkeit mit Inhalt gefüllt werden.»

Verschiedene Ansätze

Tatsächlich existiert keine einheitliche Definition dafür, was eine nachhaltige Anlage genau ist. Es gibt lediglich verschiedene Ansätze.

  • Beim «Best in Class»-Verfahren etwa wird in die saubersten Unternehmen jedes Wirtschaftszweigs investiert – was zuweilen dazu führt, dass auch viele grosse SMI-Firmen in entsprechenden Fonds vertreten sind.
  • Bei der «Integration» werden ökologische und soziale Kennzahlen zusammen analysiert, um die Finanzrendite vorauszusagen – auch hier sind Überschneidungen zu konventionellen Portfolios möglich.
  • Beim «Impact Investment» geht es um Investitionen in kleinere Unter­nehmen und spezifische Sektoren, etwa in die Wasserversorgung oder die ­Landwirtschaft.

Wer nachhaltig investiert, bezahlt nicht nur für ein Resultat, sondern auch für einen Prozess. Die langfristigen ­Gewinnmöglichkeiten im Vergleich zu ­Kosten und Risiken einzuschätzen, fällt schwer, gerade weil die Grenze zu den konventionellen Anlagemethoden schwammig bleibt. Eine Chance, sich deutlicher zu profilieren und zusätz­liche Gelder anzuziehen, wäre die Grüngeldstrategie allemal.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2014, 07:05 Uhr

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