Der Steuerabzug von Hypozinsen sorgt für rote Köpfe

Analyse

Der Vorwurf, die Abzugsmöglichkeit fördere die Verschuldung, versetzt Hauseigentümer in Rage. Doch Fachleute warnen: Es droht eine Verkaufswelle. Eine Analyse.

Wohneigentum wird zunehmend auch als Kapitalanlage erworben: Baugelände in Lindau im Kanton Zürich.

Wohneigentum wird zunehmend auch als Kapitalanlage erworben: Baugelände in Lindau im Kanton Zürich.

(Bild: Keystone)

Bruno Schletti@tagesanzeiger

Im 15-seitigen Bericht der Arbeitsgruppe Finanzstabilität beansprucht das Thema Privatverschuldung gerade zwanzig Zeilen. Doch diese haben offensichtlich das Potenzial zur Provokation. Der Hauseigentümerverband reagiert heftig: «Unter der Leitung von Frau Bundesrätin Widmer-Schlumpf holt die Arbeitsgruppe Finanzstabilität zum Schlag gegen das Wohneigentum aus.»

Die Arbeitsgruppe weist in ihrem Bericht darauf hin, dass der Staat mit der Abzugsmöglichkeit der Hypothekarzinsen in der Steuererklärung die Verschuldung der privaten Haushalte fördere. Mit einem hohen Verschuldungsgrad stiegen die Risiken – etwa bei einem markanten Zinsanstieg. «Finanzpolitische Anreize», folgert der Bericht, «die eine übermässige Verschuldung der Haushalte fördern, sind daher zu vermeiden.»

«Eigentumsfeindlich, sozialistisch»

Eben habe das Parlament einen Vorschlag, der in die gleiche Richtung zielte, abgelehnt, schreibt der Hauseigentümerverband. Dennoch schlage die Arbeitsgruppe «unter dem Deckmantel der Finanzstabilität den umstrittenen Systemwechsel vor». Empört zeigt sich auch die SVP: «Die Forderung reiht sich ein in weitere eigentumsfeindliche und sozialistisch geprägte Ideen, die insbesondere den Mittelstand und junge Familien treffen.»

Der SVP scheint entgangen zu sein, dass die Arbeitsgruppe nicht nur den Abzug von Schuldzinsen infrage stellt. Um die steuerliche Mehrbelastung der Haushalte auszugleichen, schlägt sie im Gegenzug den Verzicht auf die Besteuerung des Eigenmietwerts vor.

Selbstverständlich akzeptiere der Bundesrat den Entscheid der Räte, heisst es im Finanzdepartement. Und: «Wer behauptet, die Arbeitsgruppe Finanzstabilität schlage die Streichung des steuerlichen Abzugs von Schuldzinsen vor, hat den Bericht nicht richtig gelesen.» Tatsächlich ist das Thema der hohen Verschuldung privater Haushalte wegen falscher Anreize nur dargestellt. Direkte Forderungen werden nicht abgeleitet.

Auch Banken warnen

Die Credit Suisse warnt in ihrer neuesten Immobilienstudie vor dem beispiellosen Run auf Eigentumswohnungen und vor einem Preisanstieg in «beängstigendem» Ausmass.

Die UBS kommt in ihrem regelmässig publizierten «Bubble»-Index zum Schluss, dass fast der ganze Raum Zürich, Zürichsee, Zug, Davos, Lausanne und Genf klar zu den Risikoregionen zählen. Die heute an Toplagen für Liegenschaften bezahlten Preise sind geradezu absurd. Am Genfersee oder in St. Moritz beglaubigen Notare Kaufpreise von 60'000 oder 80'000 Franken – pro Quadratmeter Wohnfläche notabene.

Groteske Szenen

Wenn an mittelmässiger Lage in einer Agglomeration eine rare Möglichkeit gegeben ist, ein Mehrfamilienhaus als Kapitalanlage zu kaufen, spielen sich groteske Szenen ab. Selbst beengende Platzverhältnisse und eine marode Heizung hindern die Interessenten nicht daran, sich ein hartes Bietergefecht zu liefern. Dabei sind Preise von 30 Prozent über dem Schätzwert nicht aussergewöhnlich.

Je mehr rund um die Schweiz herum drohende Staatsbankrotte, Eurokrise oder das Szenario einer künftig anziehenden Inflation Sorgen machen, umso mehr stehen die Leute Schlange für «Betongold». Viele Bürger sehen Anlagen in Schweizer Immobilien als die einzige bleibende Fluchtwährung. Nur so ist es auch zu verstehen, dass bei Neubauten heute oft 20 bis 30 Prozent der Eigentumswohnungen gar nicht selbst bezogen werden – man will sie als Kapitalanlage, so wie andere Leute Höchstpreise für Kunst oder für Luxuskarossen zahlen.

Griff in die Pensionskasse

«Ich geh dann mal schnell mein Geld retten», lautet dabei die Devise. Stichwort Altersvorsorge: Der Vorbezug von Pensionskassengeld zum Kauf von Wohneigentum ist heute so verbreitet wie noch nie. Pro Jahr würden Vorbezüge von rund 2,6 Milliarden Franken getätigt, heisst es dazu in einer Studie der UBS. Immer mehr Leute wollen ihre Schäfchen ins Trockene bringen, das Kapital nicht mehr den Börsenlaunen im Vorsorgesystem aussetzen. Neuerdings greifen selbst diejenigen in ihre Pensionskasse, die eigentlich genug eigenes Geld für ihre Traumwohnung hätten.

Die Folgen davon sind die enormen Preissteigerungen der letzten zehn Jahre. Seit dem Jahr 2000 sind vor allem die Preise von Eigentumswohnungen, aber auch von Einfamilien- und Mehrfamilienhäusern fast überall gestiegen. Jeder meint, Experte zu sein und verlässlich vorherzusehen, dass sich dies beliebig so fortsetzen wird. Und jeder hat schon von den hohen Preisen in seinem Quartier gehört. In sehr kurzer Zeit ist das Immobilienvermögen der Schweizer Privathaushalte auf über 1400 Milliarden Franken gestiegen. Rund die Hälfte davon ist aber über Bankkredite finanziert. Für alle Privathaushalte, für die Banken und überhaupt für die Volkswirtschaft sind damit erhebliche Risiken verbunden.

Es droht eine Verkaufswelle

Zweifel sind insofern angebracht, als recht viele der Privateigentümer mit ihren Krediten nicht mehr über die Runden kämen, wenn die heute extrem tiefen Zinsen wieder steigen würden. Nach einer Umfrage von Comparis könnten 17 Prozent ihren Kredit nicht mehr tragen, wenn die Zinsen um 3 Prozent steigen sollten. Die CS schreibt, dass sich 20 Prozent kein Haus mehr leisten könnten, wenn sich die Zinslandschaft dereinst normalisieren wird. In Hochpreisregionen wie im Kanton Zug würde es sogar für 40 Prozent eng.

Nach neuen Zahlen möchten immer öfter auch Leute der unteren Einkommensklassen ein Eigenheim erwerben. Gerade bei dieser Gruppe, aber auch im Mittelstand ist jede Sensitivität bei den erwähnten Pensionskassenbezügen verloren gegangen. Aus der Statistik der Steuerverwaltung weiss man, dass nur ganz wenige die Bezüge aus der Vorsorge zurückzahlen. Zu Ende gedacht: Diese Gruppe von Käufern wird zum Zeitpunkt der Pensionierung das Eigenheim verkaufen müssen, weil ihr die Kosten über den Kopf wachsen. So könnte irgendwann von dieser Seite oder auch vom Luxussegment her eine Verkaufswelle einsetzen. Und zwar mit gefährlichem Dominoeffekt: Das Angebot steigt, die Preise fallen, es folgt eine zweite Verkaufswelle, die Banken verlangen Kreditrückzahlungen und so weiter. Weder die Finanzmarktaufsicht Finma noch die Nationalbank konnten bis jetzt eine Mässigung herbeiführen. Bei Schweizer Hypothekarschulden von geschätzten 800 Milliarden Franken könnte aber dem Finanzsystem Ungemach drohen. Höchst brisant ist etwa, dass etliche Finanzinstitute kurzfristige Spargelder, die sie heute praktisch keine Zinsen kosten, sehr langfristig – als 8- oder 10-jährige Hauskredite – ausleihen. Ob sie die damit verbundenen Risiken im Griff haben, ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Jedenfalls würde sich ihre Ertrags- und Eigenkapitalsituation deutlich verschlechtern, wenn Kapital später nicht mehr so günstig wie heute zur Verfügung stünde.

Jeder Wirtschaftshistoriker weiss, dass den verheerendsten Bankenkrisen jeweils eine Immobilienblase voranging. Irgendwann wird den Käufern wie den Banken schmerzlich bewusst werden, dass sie einer Illusion erlegen sind.

Tages-Anzeiger

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