Der Hebeleffekt macht aus Rappen Milliarden

CS-Ökonomen zeigen, wie die SNB bei kleinen Frankenkurs-Änderungen massiv Plus oder Minus macht. Darum resultiert für das 3. Quartal bis dato schon wieder ein Riesengewinn.

Muss mit den ganz grossen Zahlen leben: SNB-Präsident Thomas Jordan.

Muss mit den ganz grossen Zahlen leben: SNB-Präsident Thomas Jordan.

(Bild: Keystone)

Robert Mayer@tagesanzeiger

Von einer bösen Überraschung kann man nicht sprechen: Wie von Bankökonomen präzise vorhergesagt, hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) im zweiten Quartal einen Bewertungsverlust auf ihren Kapitalanlagen von gut 20 Milliarden Franken erlitten. Nach dem Minus von 30 Milliarden im ersten Quartal summiert sich der Verlust per Ende Juni auf 50 Milliarden Franken, verglichen mit einem Gewinn von gut 16 Milliarden im gleichen Vorjahreszeitraum.

Dabei handelt es sich jedoch um eine Momentaufnahme mit beschränkter Aussagekraft angesichts der ständigen Preis- und Kursausschläge an den Devisen-, Aktien-, Anleihen- und Edelmetallmärkten. So dürfte die SNB im dritten Quartal bis zum 29. Juli bereits wieder einen Gewinn von rund 15 Milliarden verzeichnet haben, wie die Credit Suisse errechnet hat. Für das zweite Halbjahr gehen ihre Ökonomen von einem Plus von rund 23 Milliarden aus und unterstellen dabei einen schwächeren Franken, steigende Aktienkurse, aber sinkende Preise für Anleihen und Gold.

Stark geschrumpftes Eigenkapital

Auch das Berichtsquartal ist noch geprägt vom Entscheid der Nationalbank von Mitte Januar, den Euro-Mindestkurs von 1.20 Franken aufzuheben. Doch während der Verlust im ersten Quartal grösstenteils auf die starke Werteinbusse des Euro zurückzuführen war, haben die Wechselkursveränderungen im zweiten Quartal noch gut zur Hälfte zum Verlust beigetragen. Und es war auch nicht in erster Linie der Euro, sondern der US-Dollar und der japanische Yen, die im Berichtsquartal tiefer notierten. Die gesamten Devisenanlagen der SNB beliefen sich per Ende Juni auf 529,5 Milliarden Franken; sie haben sich damit gegenüber Ende März (531,9 Milliarden) nur unwesentlich verändert.

Darüber hinaus sorgten höhere Zinsen an den Kapitalmärkten für Kursverluste von rund 7,6 Milliarden auf den Anleihenbeständen der SNB. Auch auf den Aktien- und Goldbeständen resultierten im Berichtsquartal Verluste von 2 Milliarden respektive 2,2 Milliarden Franken.

Der 50-Milliarden-Verlust, ein absoluter Rekordwert, lässt das Eigenkapital der SNB per Mitte Jahr auf noch knapp 6 Prozent der Bilanzsumme schrumpfen. Experten sehen die Handlungsfähigkeit des Schweizer Noteninstituts jedoch nicht gefährdet, weil es sich im Bedarfsfall zusätzliches Kapital theoretisch jederzeit über die eigene Notenpresse beschaffen kann. Auch Lukas Gehrig, Mitglied im Team Makroanalyse Schweiz der Credit Suisse, bezeichnete das Thema als «im Moment nicht relevant». Die Nationalbank verwies auf ein Grundsatzreferat ihres Präsidenten Thomas Jordan vom September 2011. In diesem hatte Jordan die SNB selbst für den Fall eines negativen Eigenkapitals als geldpolitisch voll handlungsfähig beschrieben. Ansonsten mochte die Nationalbank zum jüngsten Quartalsausweis keine Stellung nehmen.

Werweissen um Gewinnausschüttung

Mit dem horrenden Halbjahresverlust gewinnt auch die Diskussion um die Gewinnausschüttungen der SNB an Bund und Kantone neue Brisanz. Aus Sicht von Gehrig ist eine solche «keineswegs vom Tisch». Der CS-Ökonom verweist dabei auf die Ausschüttungsreserve in der SNB-Bilanz, die nach dem letztjährigen Gewinn von gut 38 Milliarden Franken mit 27,5 Milliarden reichlich gut dotiert ist. Würde die Nationalbank im zweiten Halbjahr den von der Credit Suisse geschätzten 23-Milliarden-Gewinn tatsächlich erzielen, wäre laut Gehrig eine Gewinnausschüttung in Höhe von 1 Milliarde Franken «durchaus noch machbar». Die UBS zeigt sich da skeptischer: Sie bezeichnete eine Ausschüttung in einem Kurzreport als «unwahrscheinlich».

Da die SNB-Bilanz zu über 90 Prozent aus Devisenanlagen besteht, wird die weitere Entwicklung der Wechselkurse – insbesondere von Euro und Dollar, die knapp 75 Prozent der Währungsbestände ausmachen – über die Möglichkeit einer späteren Gewinnausschüttung entscheiden. Welch enorme Hebeleffekte dabei im Spiel sind, hat die Credit Suisse ermittelt: Steigt der Dollar gegenüber dem Franken um 1 Rappen, erzielt die SNB einen Bewertungsgewinn von rund 2,2 Milliarden Franken. Im Falle des Euro resultiert ein Plus von etwa 2 Milliarden. Die stärkere Wirkung des Dollars ist darauf zurückzuführen, dass auch die Goldbestände in der US-Valuta bewertet werden.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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