Der Fluch der E-Zigarette

Die elektronischen Glimmstängel wurden in den USA früh gefördert. Nun rudert die Politik zurück und spricht reihenweise Verbote aus. Sie sorgt sich um die Gesundheit – vor allem aber ums Geld.

Segen oder Gefahr für die Gesundheit? Junge Amerikanerin mit E-Zigarette.

Segen oder Gefahr für die Gesundheit? Junge Amerikanerin mit E-Zigarette.

(Bild: AFP)

Walter Niederberger@WaltNiederberg

Jeff Freeman, Bürger der kalifornischen Stadt Santa Monica und Geschäftsinhaber von FIX Vapor, glaubt, dass E-Zigaretten ihm das Leben gerettet haben. «Ich habe alles versucht, doch dieses Produkt hat gewirkt», sagte er diese Woche an einer Sitzung des Stadtrates. Zwei Päckchen pro Tag habe er geraucht und oft vergeblich aufzuhören versucht. Nur dank den E-Zigaretten habe er Erfolg gehabt.

Ihm widersprach Esther Schiller. Elektronische Glimm­stängel seien nur ein weiterer Versuch der Tabakindustrie, eine neue Generation von Kunden zu finden. «Ich bin alt genug, um zu wissen, wie Tabakfirmen schon in den 1940ern Jugendliche angemacht haben. Die Werbung und die Aromastoffe der E-Zigaretten sind unglückseligerweise erneut auf Jugendliche ausgerichtet», sagte die Sprecherin der Bürgergruppe «Smoke Free Air For Everyone». Sie setzte sich durch: Einstimmig hiess der Stadtrat eine Verordnung gut, die den Gebrauch von E-Zigaretten erstmals eingrenzt.

Santa Monica an der Küste bei Los Angeles ist die jüngste in einer langen Reihe von US-Städten, die den grossen rechtlichen Freiraum zugunsten der Hersteller von E-Zigaretten limitieren. Mehr als 170 Städte und Bezirke sowie fünf Bundesstaaten haben bereits Teilverbote erlassen. An vorderster Front kämpfen die Städte New York, Boston, Chicago und Washington für eine strikte Regelung.

Markt von einer Milliarde Dollar

Die Vereinigten Staaten sind das Land, das E-Zigaretten schon sehr früh zugelassen hat und – ausserhalb von China – deshalb den grössten Zuwachs von Konsumenten erlebt hat. Die elektronische Zigarette wurde 2003 in China lanciert und ab 2007 in den USA in den Verkauf gebracht – ohne den Regulierungen der Tabakprodukte zu unterliegen. Der Markt ist seither von zehn Millionen Dollar (2007) auf über eine Milliarde Dollar gewachsen. Rund 1,5 Prozent der Raucher in den USA saugen heute bereits an einem E-Stängel. Das sind mehr als doppelt so viele wie im westlichen Europa und sogar fünfmal mehr als im globalen Durchschnitt.

Obwohl die gesundheitlichen Schäden nicht geklärt und umstritten sind, haben die USA den Herstellern freie Hand bei der Vermarktung gelassen. Dies führte dazu, dass sie den E-Zigaretten auch Aromastoffe beifügen durften, die Jugendliche ansprechen sollen – etwa den Geschmack von Erdbeeren, Zuckerwatte oder Red Bull. Solchen Praktiken soll nun ein Riegel vorgeschoben werden. Die nationale Gesundheitsbehörde schlägt vor, den Verkauf an Jugendliche unter 18 Jahren zu untersagen, ebenso die Abgabe von Gratismustern. Auch müssten die E-Zigaretten mit einer Warnung vor den Gesundheitsschäden durch Nikotin versehen werden. Aber ein Werbeverbot für Jugendliche ist – gemäss den Wüschen der Tabakfirmen – nicht geplant.

China ausbooten

Dahinter steckt eine Kampagne, die Herstellung der E-Zigaretten aus China in die USA zu verlagern. Derzeit ist China der grösste Hersteller dieser Produkte. Doch sind die drei grossen US-Konzerne Lorillard, Reynolds und Altria auch führend bei der Entwicklung von E-Zigaretten. Sie wollen diese Technologie vermehrt im eigenen Land vorantreiben, sich so die hohen Margen der E-Stängel sichern und den Rückgang der Zahl der Raucher in den USA und Westeuropa ausgleichen.

Für den Rückgang des Tabakkonsums sind unter anderem die sinkenden Einkommen des unteren Mittelstandes verantwortlich. Doch spielen auch die steigenden Abgaben eine wichtige Rolle, hält die Credit Suisse in einer Analyse des Tabakmarktes fest. So hat die Regierung von Barack Obama die Zigarettensteuer pro Packung von 39 Cents auf 1.01 Dollar erhöht. Auch hoben zahlreiche Bundesstaaten ihre eigenen Tabakabgaben an; und Städte wie New York und Chicago bitten Raucher zusätzlich zur Kasse. Alles in allem fallen in den USA 57 Prozent der Zigarettenpreise als Steuern an die öffentliche Hand. Dies ist ziemlich genau gleich viel wie in der Schweiz, doch tiefer als im europäischen Schnitt.

Rücksicht wegen der Gesundheit

Wenn aber der Tabakkonsum in der westlichen Welt wie erwartet weiter sinkt, fehlen auch die Einnahmen. In der Schweiz werden sie der AHV zugeführt, in den USA zur Verbilligung der Krankenversicherung für Bedürftige gebraucht. Die Steuererosion stellt die Behörden vor ein echtes Dilemma. Die meisten Regierungen verzichten aus Gesundheitsgründen derzeit auf eine Sondersteuer auf E-Zigaretten. Sie wollen die Abkehr vom Tabak nicht behindern, doch vergrössern sie damit ihre Einkommenslöcher noch zusätzlich.

Diese Politik dürfte sich bald ändern, sagen die Analysten der Credit Suisse voraus. In den USA ist Minnesota bereits mit ­einer Steuer von 95 Prozent des Grosshandelspreises von E-Zigaretten vorgeprellt. Weitere Bundesstaaten dürften folgen. In Europa kennen bislang nur Italien und Lettland eine solche E-Steuer.

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