Das gefährliche Lavieren der Nationalbank

Analyse

Wieder kündigt die Schweizerische Nationalbank Schritte zur Schwächung des Frankens an, wieder drückt sie sich um die erwarteten glaubwürdigen Interventionen. Kein Wunder, steigt der Franken wieder an.

Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

Wieder hat die Schweizerische Nationalbank Massnahmen beschlossen. Und wie schon am Mittwoch vor einer und vor zwei Wochen greift sie dabei zum gleichen Rezept: Wieder strebt sie eine weitere Ausdehnung der von ihr geschaffenen Geldmenge an, die Banken auf den Girokonten der SNB halten. Die Devisenmärkte zeigten sich davon in einer ersten Reaktion nicht beeindruckt. Im Gegenteil: Der Euro hat sofort von 1.15 Franken auf fast 1.12 Franken nachgegeben, der Dollar von knapp 0.8 Franken auf beinahe 0.78 Franken.

Die negative Reaktion auf den Devisenmärkten ist nicht so überraschend, wie das auf den ersten Blick scheinen mag. Denn die Abschwächung des Frankens über die letzten Tage ging nicht auf die bisherigen Geldspritzen der Nationalbank zurück, sondern vor allem auf die Erwartung, dass die SNB direkt auf den Devisenmärkten intervenieren wird. Diese Erwartung wurde umso mehr durch den Umstand genährt, als selbst jene politischen Kreise sich hinter eine solche Aktion der SNB gestellt haben, die die Nationalbank für frühere Devisenmarktinterventionen stets besonders heftig kritisiert hatten.

Zweifel an der Entschlossenheit der SNB

Auf dem Devisenmarkt begann sich damit die Erwartung durchzusetzen, dass die Nationalbank mit weiteren Interventionen, das heisst Käufen von Dollars und Euros gegen neu geschaffene Franken, auf wenig politischen Widerstand stossen wird und eine solche Strategie daher auch mit hohen Summen glaubwürdig verfolgen könnte und würde. In diesem Fall lohnt es sich schon gar nicht erst, gegen die SNB auf eine weitere Aufwertung zu spekulieren und die Nationalbank müsste nicht viel Geld einsetzen, um ihr Ziel zu erreichen. Da die Gerüchte auf den Märkten von einer Untergrenze um rund 1.15 Franken pro Euro ausgingen, die sich die SNB bei ihren Interventionen anfänglich setzen könnte, fiel der Frankenwert bis heute Morgen entsprechend.

Die heutige Verlautbarung lässt jetzt Zweifel an der Entschlossenheit der SNB zu Interventionen an den Devisenmärkten aufkommen. Das kommt einer Einladung gleich, doch wieder auf die Frankenaufwertung zu spekulieren. Die Gefahr ist umso grösser, als sich auch nach dem Treffen zwischen der deutschen Kanzlerin Angela Merkel mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy keine glaubwürdige Lösung für die Eurokrise abzeichnet.

Die bisherigen Aktionen machen alles klar

Immerhin hat auch diesmal die Nationalbank in ihrem knappen Communiqué wieder geschrieben, dass sie bei Bedarf weitere Massnahmen gegen die Frankenstärke nicht ausschliesse. Damit ist die Erwartung von Devisenmarktinterventionen nicht vom Tisch und dürfte dafür sorgen, dass die Franken-Aufwertung dennoch gebremst bleibt.

Dennoch hat sich die SNB mit der heutigen Aktion keinen Dienst erwiesen, weil an den Märkten nach den letzten Tagen wieder an ihrer Entschlossenheit gezweifelt werden kann. Dabei spricht schon die unmittelbare Marktreaktion auf die bisherigen Geldmengenspritzen eine klare Sprache. Nach der ersten Mitteilung der Notenbank am 3. August schwächte sich der Franken wenigstens über einige Stunden ab, nach der zweiten Intervention am 10. August zeigte sich kaum mehr eine Marktreaktion und nach der heutigen stieg der Franken sogar wieder deutlich an, statt sich wie angepeilt abzuschwächen.

Die Kosten des Lavierens

Die neue Aktion kann schliesslich auch auf der Geldseite nicht mehr viel bewirken, selbst wenn der Anstieg der Notenbanksumme von 120 Milliarden Franken auf 200 Milliarden Franken nach viel klingt. Für eine Ausweitung der relevanten Geldmengen ist entscheidend, wie das neu geschaffene und bei der Notenbank auf deren Girokonten lagernde Geld der Banken in die reale Wirtschaft fliesst, und hierzu ist der Zinsmechanismus entscheidend. Tatsächlich strebt die Nationalbank mit ihren Geldspritzen einen 3-Monats-Libor von 0 Prozent an. Dieser Zinssatz ist der Marktzins unter den Banken für diese Frist. Die Notenbank kann ihn nur über solche Geldspritzen beeinflussen (siehe Box).

Mit den bisherigen Spritzen konnte die Notenbank diesen Libor von bereits tiefen 0,175 Prozent auf 0,047 Prozent drücken. Nach unten bleibt nun nicht mehr viel Spielraum. Um den Franken glaubhaft vor weiteren Aufwertungsspekulationen zu bewahren, kommt die Nationalbank nicht um das grosse Geschütz von direkten Devisenmarktinterventionen herum. Je länger sie darum herum laviert, desto mehr verliert sie an Glaubwürdigkeit, desto mehr Mittel muss sie bei einer Intervention auf den Devisenmärkten einsetzen und desto grössere Risiken geht sie damit ein.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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