Das entzauberte «Beschäftigungswunder»

Der Stellenaufbau in der Schweiz erfolgte hauptsächlich im öffentlichen Sektor, während Arbeitsplätze mit hoher Wertschöpfung wegfielen.

<b>Arbeitslosenzahlen im Vergleich.</b>

Arbeitslosenzahlen im Vergleich.

(Bild: TA-Grafik)

Robert Mayer@tagesanzeiger

Vorab in Europa, aber auch in den übrigen Industriestaaten wird die Schweiz beneidet wegen ihres «Wirtschafts- und Beschäftigungswunders». Keine andere Volkswirtschaft hat die weltweite Rezession von 2008/09 rascher überwunden und ist seither stärker gewachsen. Auch der damalige Beschäftigungseinbruch wurde vom heimischen Arbeitsmarkt im internationalen Vergleich bei weitem am besten absorbiert. Bei der politisch besonders heiklen Jugendarbeitslosigkeit (15- bis 19-Jährige) weist die Schweiz ­gemäss Zahlen der Internationalen Arbeitsorganisation mit 7,7 Prozent im Jahresdurchschnitt 2013 eine für unsere Verhältnisse recht hohe Rate aus. Doch verglichen mit anderen entwickelten Ländern, schneidet nur Deutschland ähnlich günstig ab, während die Jugendarbeitslosigkeit ansonsten das drei- bis zigfache Ausmass erreicht.

Aderlass in der Industrie

Diese eindrückliche Schweizer Bilanz ist indes in zweierlei Hinsicht zu relativieren. Zum einen sei unser Wachstum der letzten Jahre etwa zur Hälfte der Zuwanderung zu verdanken, wie Daniel Kalt, Chefökonom Schweiz der UBS, am Mittwoch an einem Mediengespräch sagte. Von den entsprechenden Nachfrage­impulsen haben insbesondere der Privatkonsum und der Wohnungsbau profitiert. Wie sich das Ende des freien Personenverkehrs auf diese Komponenten des Bruttoinlandprodukts auswirken werde, bleibe abzuwarten, so Kalt.

Zum andern erscheint das Schweizer Beschäftigungswunder in einem etwas anderen Licht, wenn man sich vergegenwärtigt, dass neue Arbeitsplätze schwergewichtig im Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen sowie in der öffentlichen Verwaltung entstanden sind. Nicht weniger als 270'000 Vollzeitstellen wurden laut Kalt seit 1992 in diesen Bereichen geschaffen. Dem stünden ein Abbau von über 140'000 Vollzeitstellen im industriellen Sektor gegenüber sowie weitere «substanzielle Rückgänge» im Handel und in der Gastronomie.

Wie der UBS-Ökonom einräumte, ist der Aderlass in der Industrie teilweise auf das Outsourcing gewisser Aktivitäten zurückzuführen, sodass die damit verbundenen Arbeitsplatzverluste durch Stellenzuwächse andernorts – zum Beispiel im IT-Sektor – kompensiert worden sind. Das könne aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Beschäftigungsverschiebung «weg von den wertschöpfungsintensiven Wirtschaftszweigen und hin zu den wohlfahrtssteigernden Bereichen» stattfinde. Kalt hält diese Tendenz langfristig für problematisch: «Wir müssen zuerst Wertschöpfung generieren, bevor wir in die eigene Wohlfahrt investieren können.»

500'000 Arbeitskräfte fehlen

Darüber hinaus steuert die Schweiz auf einen demografiebedingten Arbeitskräftemangel zu, der das Wachstumspotenzial ihrer Wirtschaft ebenfalls beschränken dürfte. In den nächsten zehn Jahren werden rund 1 Million Beschäftigte den Arbeitsmarkt verlassen, weil sie ins Rentenalter kommen – doch nur 500'000 neue Arbeitskräfte werden nachrücken. Vor diesem Hintergrund erachtet Daniel Kalt die Überlegungen von Sozialminister Alain Berset, das Frauenrentenalter demjenigen der Männer anzugleichen, als unzureichend. Stattdessen plädierte er für eine vollständige Flexibilisierung des Renteneintrittsalters nach dem Vorbild Schwedens: Die Beschäftigten sollen selbst entscheiden, wann sie sich aus dem Berufsleben zurückziehen. Je länger sie arbeiten, desto höher sind die ­erworbenen Rentenansprüche.

Davon abgesehen, betonte der UBS-Ökonom, «müssen die Unternehmen ihre Hausaufgaben machen». Es gelte, besonders das Potenzial der Frauen und der älteren Menschen stärker zu nutzen. Bei den Frauen rangiere die Schweiz mit einer Erwerbsquote von über 77 Prozent zwar an dritter Stelle unter den OECD-Ländern; dabei bleibt aber laut Kalt unberücksichtigt, dass nur eine Minderheit eine Vollzeitstelle habe. Was nach seiner Meinung wiederum auf das ungenügende Angebot bei der Kinderbetreuung zurückzuführen sei.

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