Erdöl

Das billigste Benzin der Welt

ErdölVenezuelas staatlicher Energiekonzern leidet unter Missmanagement. Die Explosion in einer Raffinerie letzte Woche ist nur eines von vielen Symptomen.

Mehrere Öltanks sind in Venezuelas grösster Erdölraffinerie explodiert. 48 Menschen kamen dabei ums Leben.

Mehrere Öltanks sind in Venezuelas grösster Erdölraffinerie explodiert. 48 Menschen kamen dabei ums Leben. Bild: Keystone

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Was sich in Venezuelas grösster Erdölraffinerie abgespielt hat, ist eine Katastrophe. In der Nacht auf letzten Samstag entwich Gas, explodierte und setzte zwei Öltanks sowie weitere Einrichtungen in Brand. Am Montag ging ein dritter Tank in Flammen auf. 48 Menschen kamen ums Leben, unter ihnen 20 Soldaten der Nationalgarde. Die Wucht der Explosion und die Flammen zerstörten die Häuser und Geschäfte von 200 Familien, die in unmittelbarer Nähe der Raffinerie in Amuay an der Karibikküste lebten. Der venezolanische Staatspräsident Hugo Chávez verhängte eine dreitägige Staatstrauer.

60 Prozent der Staatseinnahmen

Erdöl ist Venezuelas grosser Reichtum, und die staatliche Erdölgesellschaft Petróleos de Venezuela (PDVSA) ist der Goldesel, der nicht nur Chávez’ sozialistische Revolution finanziert, sondern auch ideologische Gesinnungsgenossen wie die Gebrüder Raúl und Fidel Castro oder den nicaraguanischen Staatschef Manuel Ortega. Venezuelas Erdölreserven können sich mit jenen Saudiarabiens messen (siehe Grafik), manchen Schätzungen zufolge übertreffen sie diese sogar. Der Rohstoff macht im südamerikanischen Land 95 Prozent der Exporteinnahmen und 60 Prozent des Haushaltsbudgets aus.

Der jüngste Unfall scheint die Stimmen zu bestätigen, die das staatlich gesteuerte Management des Erdölriesen PDVSA seit langem als verantwortungslos kritisieren. Mangelnde Investitionen in die Infrastruktur begünstigen laut Iván Freites, dem Vorsitzenden der nationalen Erdölarbeiter-Gewerkschaft, solche Katastrophen. Allein seit Jahresbeginn haben sich rund 20 Vorfälle ereignet, die zwar weniger schlimm gewesen sind als die Explosion in Amuay. Sie deuten aber auf den schlechten Zustand der Anlagen hin. Die Fälle von Wasserverschmutzungen durch Lecks nahmen seit 2001 um 70 Prozent zu; bei einem Unglück wurde das Trinkwasser der Stadt Maturín verschmutzt.

Regierung bedient sich

Rafael Ramírez, der zugleich Energieminister und Präsident von PDVSA ist, sagt es klar und deutlich: «Als nationales Unternehmen müssen wir keinen Gewinn erzielen. Wir sind nicht verpflichtet, nach der Pfeife des Kapitals zu tanzen. Unser Ziel besteht darin, die Erträge von PDVSA dem Volk zugutekommen zu lassen.» Getreu dieser Maxime hat der Energiekonzern vergangenes Jahr laut eigenen Angaben 27 Milliarden Dollar für staatliche Sozialprogramme ausgegeben, fast doppelt so viel wie für die Verbesserung seiner Infrastruktur. Nicht zuletzt dank dieser Massnahmen ist die Zahl jener, die in gravierender Armut leben, seit Chávez’ Amtsantritt im Februar 1999 auf die Hälfte gesunken. Es gibt allerdings keine unabhängige Instanz, welche die Finanzierung und Effizienz der Sozialprogramme kontrolliert.

Die venezolanische Regierung bedient sich aus der Kasse von PDVSA, wann immer und wofür auch immer sie will. Um beim staatlichen Erdölgiganten ein Pöstchen zu ergattern, ist die richtige ideologische Gesinnung wichtiger als Kompetenz. Die Vetternwirtschaft beim Konzern hat in den letzten zehn Jahre zu einer Verdoppelung der Belegschaft und einer Verzehnfachung der Schulden geführt. In der Folge hat die Fördermenge seit 1998 laut der Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec) um 25 Prozent abgenommen: auf 2,4 Millionen Fässer täglich. PDVSA behauptet allerdings, 3 Millionen pro Tag zu fördern. Erschwert wird die finanzielle Lage des Unternehmens dadurch, dass es vergangenes Jahr für 43 Prozent des gelieferten Erdöls keinerlei Bezahlung erhielt. 2009 betrug der Anteil der Gratislieferungen noch 32 Prozent. Profiteure sind die Mitglieder des Bündnisses Petrocaribe, zu dem unter anderem Kuba, Nicaragua, die Dominikanische Republik und Jamaika gehören. Daneben benutzt Venezuela 17 Prozent seiner Erdölexporte, um einen Kredit der chinesischen Entwicklungsbank zu tilgen.

Ein Liter Benzin für zwei Rappen

Den internen Konsum subventioniert der Staat so stark, dass ein Liter Benzin in Venezuela zwei Rappen kostet, weniger als irgendwo sonst auf der Welt. Jahr für Jahr zirkulieren deshalb mehr Fahrzeuge, und das Verkehrschaos in den Städten verschlimmert sich unaufhaltsam. Wer mit einem vollgetankten Auto über die kolumbianische Grenze fährt und den Treibstoff verkauft, erzielt einen sechzigfachen Gewinn. Um den blühenden Schmuggel einzudämmen, hat die Regierung das Benzin im grenznahen Bundesstaat Zulia rationiert. Zu ihrem Ärger mussten die Autofahrer einen Chip in ihren Wagen einbauen lassen, der die getankte Menge misst.

Während der Erdölkonzern PDVSA einen grossen Teil seines Umsatzes in Sozialprogramme investiert und mehr als 40 Prozent seiner Produktion verschenkt, hat er seit Chávez’ Amtsantritt keine einzige neue Raffinerie errichtet. Zudem werden Unmengen von Benzin ausser Landes geschmuggelt. Das führt zum paradoxen Zustand, dass Venezuela zwar der weltweit fünftgrösste Erdölexporteur ist, aber monatlich rund 1 Million Fass Benzin aus den USA importieren muss. In den letzten Wochen und Monaten bildeten sich vor den Tankstellen wiederholt kilometerlange Schlangen, weil der Treibstoff knapp geworden war. Auch die Gasversorgung ist äusserst krisenanfällig. In der Stadt La Victoria haben die Behörden den Einwohnern mitgeteilt, sie sollen notfalls halt Brennholz verwenden.

Kurz bevor Hugo Chávez die brennende Raffinerie in Amuay besuchte, hatte ein Anwohner behauptet, es sei mehrere Tage lang ein penetranter Gasgeruch in der Luft gehangen. Der Präsident dementierte: «Dass in einer derart grossen und modernen Raffinerie ein Gasleck so lange nicht repariert wird, ist undenkbar.» Die Kritiker seiner Energiepolitik haben da ihre Zweifel.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2012, 10:50 Uhr

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