Das System des Geiers

Argentinien

Wie kann es sein, dass ein einziger Mann mit seiner Sturheit ein ganzes Land an den Rand des Bankrotts treibt? Die Erklärung heisst: Paul Singer.

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Simon Schmid@schmid_simon

Die meisten Porträts nähern sich Paul Singer von der menschlichen Seite. Singer wird als «böser Philanthrop» charakterisiert: Man wundert sich, dass der «König der Finanzgeier», der politisch die Republikaner unterstützt, gleichzeitig Millionen für gemeinnützige Projekte stiftet und ein glühender Verfechter der Homo-Ehe ist. Offensichtlich faszinieren die «ungewöhnlichen Ansichten» dieses Hedgefonds-Managers, der Argentinien soeben an den Rand des Staatsbankrotts getrieben hat.

Die Fragen zielen am Thema vorbei. Im Kern ist es ziemlich egal, was Paul Singer von Barack Obama hält und warum er sich für Schwule und Lesben einsetzt (es hat mit seinem Sohn zu tun). Frappant an diesem US-Amerikaner ist seine Erfolgsgeschichte selbst: Singer hat im Lauf der Jahre mit seiner gerichtlichen Kampftaktik nicht nur Milliarden verdient, sondern ist heute fähig, ganze Länder zu destabilisieren. Eine verhältnismässig kleine Transaktion, die er vor über zehn Jahren getätigt hat, löst heute bei Tausenden von Argentiniern eine existenzielle Wirtschaftsangst aus.

Die Vergangenheit ist längst bereinigt

Zwei Zahlen zeigen die Absurdität des Rechtsstreits. Erstens die 48 Millionen Dollar, die Singer im Jahr 2002 für ein Paket argentinischer Bonds bezahlt haben soll. Singers Hedgefonds Elliott Management Corp. konnte die Papiere damals zu einem Bruchteil des Nennwerts erwerben, weil Argentinien nach dem Staatsbankrott umschulden musste. Heute verlangt Singer für die Schulden – zum Nennwert plus Zinsen – über eine Milliarde Dollar. Die zweite Zahl heisst 120 Milliarden Dollar: Drittforderungen in dieser Höhe könnten wegen juristischer Klauseln ausgelöst werden, sollte Argentinien die Hedgefonds wie verlangt auszahlen.

Eine solche Summe aufzubringen, ist für das südamerikanische Land schlicht unmöglich. Weil bis gestern Abend keine Einigung erzielt wurde, ist Argentinien heute «technisch bankrott». Was das genau für Konsequenzen hat, weiss derzeit niemand. Fakt ist, dass Argentinien anstehende Zinszahlungen über eine halbe Milliarde Dollar nicht leisten darf, obwohl es das Geld dazu eigentlich hätte. Wegen widersprüchlicher Gerichtsentscheide und davon abhängigen Kreditausfallversicherungen sind die Finanzmärkte nun in Aufruhr – obwohl Argentinien seine Vergangenheit mit den kooperationsbereiten Gläubigern eigentlich längst bereinigt hat.

Die zynische Seite der Kritik

Singer selbst vertritt den Standpunkt, dass sich das Land all dies selbst zuzuschreiben hat. Die Wirren seien «selbst verschuldet», sagte der 69-jährige Singer im Januar bei seinem Besuch in Davos. Die «entsetzliche Wirtschaftspolitik» der Regierung von Präsidentin Cristina Kirchner und ihrer Vorgänger habe zur jetzigen, «traurigen» Situation geführt. Es sei zu hoffen, dass das Land jetzt den «Weckruf» höre und auf den rechten Weg zurückfinde. Schliesslich betrage die Zusatzlast, die Argentinien zuletzt wegen mangelnden Investorenvertrauens auf seine Schulden bezahlen musste, fast hundert Milliarden Dollar, so der studierte Psychologe und Jurist.

Der Geier als selbst ernannter Wohltäter – man mag Singers berechtigte Kritik an Argentiniens Führung gutheissen oder ihm den Zynismus gegenüber dem dortigen Volk übel nehmen. Besser als die persönliche ist die systemische Deutung. Die Person Paul Singer verkörpert einen blinden Fleck in der Finanzarchitektur: den Systemfehler, dass die Gesellschaft bis heute nicht richtig mit Staatsbankrotten umgehen kann (und es vielleicht auch nie können wird). Singer macht sich dies eiskalt zunutzen und spielt mit seiner kruden Juristenlogik jegliche wirtschaftliche Vernunft aus.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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