Aktien kosteten nur noch einen Cent

Für einige Minuten schien gestern an der New Yorker Börse die Welt unterzugehen. 1000 Punkte verlor der weltweit wichtigste Börsenindex Dow Jones. Langsam wird klar, was los war.

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Es war 14 Uhr in New York, an der Börse schien sich ein weiterer Tag mit Kursverlusten abzuzeichnen. Einen, wie man ihn kennt, mit Rückgängen bis zu zwei Prozent. Ängste um Griechenland drückten die Stimmung, der Euro kriselte weiter und die Anleger waren leicht nervös. So wie oft in den letzten Tagen.

Doch wer 40 Minuten später wieder auf die Kurse blickte, traute seinen Augen nicht. Minus 415 Punkte stand es beim Dow Jones Industrial – ein Minus von vier Prozent. Das war schon aussergewöhnlich. Amerikanische TV-Sender begannen zu analysieren, zeigten Bilder aus Athen, wo erneut Menschen auf den Strassen randalierten.

War das nun die grosse Panik?

Doch noch während sie versuchten zu erfassen, warum der Dow Jones vier Prozent verlor, sackte der Index schon weiter ab: minus sechs Prozent. Es waren kaum ein paar Minuten vergangen. Plötzlich flimmerte die Nachricht als «Breaking News» über den Schirm. «Stocks plunge on woes of greek deficit».

Waren das nun Panikverkäufe, wie einige Marktkommentatoren erklärt hatten? Nahm alles seinen Lauf, wie es die schlimmsten Skeptiker prognostiziert hatten? Griechenland geht pleite, reisst andere europäische Länder und Banken mit in den Abgrund? Ein Szenario, das ähnlich schon mit der Lehman-Pleite drohte, dann in letzter Minute aber abgewendet werden konnte.

Wie ein Spuk

Es war 14:46 Uhr in New York, als der Spuk erst richtig unheimlich wurde. Das Minus hatte sich nun auf über acht Prozent ausgeweitet, der Puls bei Anlegern schnellte in den kritischen Bereich. Es machte sich Panik breit. «Es geschah so schnell, es war wie ein Torpedo», zitiert das «Wall Street Journal» einen Händler. Noch nie in der New Yorker Börsengeschichte hat der Dow Jones während einer Sitzung 1000 Punkte verloren. Um 14:47 Uhr schien es so weit: Minus 998.5 Punkte, der Index war innert Minuten auf unter 10'000 Punkte abgestürzt.

Die 1000-Punkte-Marke wurde aber nicht geknackt, plötzlich drehte der Wind und die Kurse legten wieder zu. Massiv sogar. Am Schluss resultierte noch ein Minus von gut drei Prozent. Tief durchatmen hiess es in New York.

«Es ist plausibel, dass das ein Fehler war»

Nun beginnt das grosse Rätselraten. Die Griechen-Angst gilt heute plötzlich nicht mehr als Hauptgrund für den wilden Börsenritt. Händler zweifeln inzwischen am politischen Hintergrund des Absturzes. «Jeder versucht nun herauszufinden, warum das passierte und es ist plausibel, dass das ein Fehler war», meint ein anderer Händler.

Beobachtet wurde, dass einige Titel, deren Kursverlauf in der Regel äusserst stabil ist, für wenige Minuten teilweise fast die Hälfte ihres Wertes verloren. Procter & Gamble ist so einer. 35 Prozent verlor die Aktie. Das muss einen anderen Hintergrund als die Griechenkrise haben. Zumal Procter & Gamble als sehr solide, wenn auch langweilige Aktie gilt.

Kurse sacken fast auf null ab

Mehrere Beobachter am amerikanischen Aktienmarkt wollten bemerkt haben, dass eine grosse Börsenfirma aus Versehen ein Programm ausgelöst hat, welches mit Derivaten auf grossgewichtige Aktien handelte. Dadurch seien die Kurse der unterliegenden Aktien gedrückt worden. Händler haben auch beobachtet, dass es bei börsengehandelten Fonds, sogenannten ETF, ungewöhnliche Bewegungen gegeben hat. So sackte der iShares Russel 1000 Value Fund von 60 Dollar auf gerade noch 75 Cent ab.

Auch die Kurse einiger Unternehmen verloren für einen kurzen Moment praktisch 100 Prozent ihres Werts. So zum Beispiel der Bierbrauer Boston Beer, die bis auf einen Cent fielen. Zum Börsenschluss standen sie wieder bei 55 Dollar. Auch die Aktien des Unternehmensberaters Accenture wurden zeitweise für gerade Mal 1 Cent gehandelt. Kurz bevor waren sie noch 44 Dollar Wert.

Tiefstkurse als Chance

«Du sieht keine Blue Chips so tauchen, einfach so», hiess es an der New Yorker Börse. Damit hat er wohl recht. Selbst von der Börse wird der Handel automatisch gestoppt, wenn der Absturz zu gravierend ist. Warum das gestern nicht geschah, bleibt noch offen. Die Börsenaufsicht hat schon mal eine Untersuchung eingeleitet.

Übrigens reagierten nicht alle geschockt. Wer die Nerven behielt, konnte aus der gestrigen Situation sogar Profit schlagen. «Das war die ultimative Kaufgelegenheit», zitiert das «Wall Street Journal» einen Pensionären, der sich sofort an den Computer setzte und bei seinem Ersparten mit Umschichtungen in Aktien begann.

Völlig erledigte Händler

Nach Börsenschluss bildete sich vor der New York Stock Exchange eine Medientraube. Jeder wollte wissen, was los war. Die Händler aber waren so geschafft, dass sie wortlos den Ort des Geschehens verliessen. Ein denkwürdiger Handelstag nahm so sein Ende. Das Geschehene wird aber wohl noch länger zu reden geben. Und die Nervosität an den Märkten verschwindet nicht so schnell.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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