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2014: Die drei entscheidenden Fragen

Kommt der wirtschaftliche Aufschwung in Europa tatsächlich? Wird China eine weiche Landung gelingen? Und gibt es überhaupt noch echte Innovation?

Zündeleien im Elsass: Brennende Autos in Strasbourg. (1. Januar 2014)
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Reuters
An vielen Orten starteten Mutige ins neue Jahr mit einem Sprung ins kalte Wasser: Zum Beispiel im niederländischen Scheveningen...
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AFP
Feuerwerk in Melbourne. (31. Dezember 2013)
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Keystone
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Noch nie seit Ausbruch der Krise waren die Neujahrsprognosen so optimistisch wie in den letzten Tagen. 2014 kann eigentlich nichts schiefgehen: Die Weltwirtschaft kommt wieder in Schwung, die Eurokrise ist ausgestanden und auch in den Schwellenländern geht es wieder aufwärts. Gerade wenn der Himmel wolkenlos ist, sollte man jedoch auf der Hut sein. Damit die hochfliegenden Versprechen nächstes Jahr auch in Erfüllung gehen, müssen drei entscheidende Fragen geklärt werden.

Ist die Eurokrise tatsächlich ausgestanden?

Holger Schmieding, Chefökonom der deutschen Bank Berenberg, gibt sich in Bezug auf Europa geradezu euphorisch: «Alle relevanten Wirtschafts- und Finanzindikatoren legen tatsächlich nahe, dass die systemische Krise vorbei ist», erklärte er kürzlich. Was meint er damit? Die Gefahr, dass die Eurozone erneut in eine Rezession abrutscht, ist derzeit gering. Gleichzeitig haben die meisten Aktienbörsen zwischen 20 und 30 Prozent zugelegt, ein Boom, von dem vor Jahresfrist niemand auch nur geträumt hat. Gleichzeitig haben sich die Obligationenmärkte beruhigt, Spreads sind derzeit kein Thema. Irland kann sich wieder auf den Finanzmärkten bedienen, Spanien meldet einen Exportüberschuss, und selbst in Griechenland zeichnet sich ein positiver Saldo im Primärhaushalt ab (Einnahmen vor Zinszahlungen). Das ist weit mehr, als bis vor kurzem möglich schien. Trotzdem gibt es jedoch noch mehrere, fette Aber:

  • An der politischen Front sieht es weit weniger gemütlich aus. Mit grosser Wahrscheinlichkeit werden die Anti-EU-Populisten an den Europawahlen im kommenden Mai grosse Gewinne zu verzeichnen haben. Der wirtschaftliche Aufschwung ist bisher nämlich erst an den Finanzmärkten, aber nicht in der realen Wirtschaft angekommen. Angesichts der nach wie vor horrenden Arbeitslosigkeit in den Peripherieländern, den stark gesunkenen Löhnen und der um sich greifenden Hoffnungslosigkeit bei den Jugendlichen wäre alles andere als ein Sieg von Marine Le Pen & Co. eine grosse Überraschung.
  • Nach wie vor hängt das deutsche Verfassungsgericht wie ein Damoklesschwert über Euroland. Im kommenden Frühjahr müssen die Richter entscheiden, ob das Vorgehen der Europäischen Zentralbank mit den Verträgen von Maastricht kompatibel ist oder nicht. Ein Nein aus Karlsruhe hätte unabsehbare und wahrscheinlich katastrophale Folgen, und so unwahrscheinlich ist ein solches Nein nicht.
  • Die Bankenunion ist zwar inzwischen beschlossene Sache, aber in einer Form, die nur dann überlebensfähig ist, wenn die Sonne sehr lange scheint. Von einer Bankenunion à la USA ist Europa noch weit entfernt. Nach wie vor sind es in erster Linie die einzelnen Staaten respektive deren Steuerzahler, die im Krisenfall zur Kasse gebeten werden. Das Bonmot des ehemaligen Gouverneurs der Bank of England, Mervyn King, gilt immer noch: «Banken sind global, wenn sie lebendig sind, im Tod sind sie national.»
  • Die Kritik an den stetig grösser werdenden deutschen Exportüberschüssen scheint langsam Früchte zu tragen. Die Deutschen tun endlich, was eigentlich normal ist: Sie geniessen die Früchte ihrer Arbeit selbst. Die Grosse Koalition hat Mindestlöhne und eine Erhöhung der Renten beschlossen, der Binnenkonsum zieht an. Doch die Schäden der jahrelangen Austeritätspolitik sind noch nicht behoben. Die Unternehmen haben nach wie vor einen grossen Investitionsbedarf, genauso wie die vernachlässigte Infrastruktur. Und ob die Deutschen ihrem Exportwahnsinn tatsächlich abgeschworen haben, ist nach wie vor fraglich.

Wie steht es eigentlich um China?

Über den Zustand von China gibt es zwei diametral entgegengesetzte Diagnosen. Die Optimisten argumentieren wie folgt: Die Chinesen sind exzellente Staatsmänner – China war schliesslich der erste Staat überhaupt – und haben den wirtschaftlichen Aufbau der letzten 30 Jahre meisterhaft gemanagt. Dass es dabei immer wieder zu Pannen und Rückfällen kommt, ist normal. Die Strategie stimmt jedoch: Zuerst wurde mit sehr viel Aufwand die Basis einer neuen Wirtschaftsordnung gelegt (Stahl, Infrastruktur etc.) Auch in den nächsten Jahren wird dies noch nötig sein, deshalb wird die chinesische Wirtschaft zwar nicht mehr jährlich um mehr als zehn Prozent wachsen, das neue Ziel von sieben Prozent jedoch locker erreichen. Gleichzeitig wird der einheimische Konsum mässig gefördert und damit verhindert, dass China in die «Falle der mittleren Einkommen» plumpst. Mit Xi Jinping hat China schliesslich einen neuen starken Mann, der viel mehr verspricht als sein etwas langweiliger Vorgänger Hu Jintao.

Die Pessimisten schütteln über solche Szenarien nur den Kopf: Für sie ist China eine Zeitbombe, die jeden Moment hochgehen kann: Eine gewaltige Immobilienblase, ein zerrüttetes Bankensystem, eine korrupte Führung und unlösbare Umweltprobleme werden als Beweis dafür angeführt. Eine harte Landung mit nicht voraussehbaren Folgen für die Weltwirtschaft und politisches Chaos sind die wahrscheinlichen Folgen, sobald die Zeitbombe explodiert.

Gibt es nun Innovation oder nicht?

Die Situation ist ähnlich wie bei China, die Experten widersprechen sich fundamental. Für die Optimisten stehen wir am Anfang einer neuen industriellen Revolution. Getrieben wird diese Revolution von der nach wie vor rasanten Entwicklung der IT. Denken Sie etwa daran, wie unglaublich schnell sich Smartphones und Tablets durchgesetzt und welchen Einfluss sie heute schon auf unseren Alltag haben. Das war erst der Anfang, jubeln IT-Enthusiasten. Weil sich die Speicherkapazität der Computerchips nach wie vor alle zwei Jahre verdoppelt, wird diese Entwicklung sich fortsetzen, und zwar exponentiell. Das bedeutet, dass smarte Roboter, selbstlenkende Fahrzeuge und jede Menge intelligente Software nur noch eine Frage der Zeit sein werden. Zusammen mit einem «smart grid» für nachhaltige Energie sind wir so auf dem Weg in eine Zukunft, in der sich so viel ändern wird wie noch nie in der Geschichte der Menschheit.

Für die Pessimisten ist dies alles dummes Technogeschwätz. Big Data, künstliche Intelligenz etc. sind allenfalls gut genug, um niedliche Katzenvideos rund um den Erdball zu schicken oder den wachsenden Narzissmus einer verweichlichten Generation zu befriedigen. Wahrhafte Innovationen wie das Flugzeug, die Waschmaschine, ganz zu schweigen von elektrischem Strom und Auto, gibt es nicht mehr. Was wir heute mehrheitlich erleben, ist eine mehr oder weniger sinnvolle Weiterentwicklung von bereits Bekanntem. Typisch ist etwa Microsoft, dessen Betriebssystem Windows mit jedem Relaunch schlechter wird. Die fehlende Innovationskraft wird negative Folgen für unsere Wirtschaft haben. Der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers hat dafür den Begriff «säkulare Stagnation» geprägt. Gemeint ist damit ein lang anhaltender Stillstand der Wirtschaft, verbunden mit steigender Arbeitslosigkeit und sinkenden Einkommen.

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