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Unternehmen und Moral – passt das?

Es wird Zeit, Ökonomie und Moral nicht mehr als unvereinbare Gegensätze zu sehen. Dieser Denkansatz könnte helfen.

Schluss mit Plastik! Greenpeace-Aktivisten beim Nestlé-Sitz in Vevey. Foto: Reuters
Schluss mit Plastik! Greenpeace-Aktivisten beim Nestlé-Sitz in Vevey. Foto: Reuters

«Spitzelvorwürfe gegen H&M», «Palmöl: Der Tod des Regenwaldes», «Ausbeutung in der Textilindustrie» – das sind allesamt Zeitungsschlagzeilen der letzten Wochen. Unternehmen, so scheint es, nehmen es mit der Moral nicht allzu ernst. Kein Wunder, könnte man sagen, sie folgen eben dem ökonomischen Prinzip! Das bedeutet: Mit möglichst geringem Aufwand maximalen Ertrag erwirtschaften. Und beim Geld, da hört die Freundschaft bekanntlich auf – und eben auch die Moral.

Mit einem Kasten Bier die Abholzung des Regenwaldes eindämmen?

Was soll man aber auch machen, die Welt ist, wie sie ist. Nur die Stärksten werden überleben. Moral ist etwas für Idealisten. Und für Marketingprofis. Denn zunehmend stellen Kunden, aber auch neue oder potenzielle Mitarbeiter Fragen: Woher kommen eigentlich die Produkte? Wie wurden sie hergestellt? Wie werden sie später entsorgt? Wie sind eigentlich die Arbeitsbedingungen von Mitarbeitern und Lieferanten? Und wie sieht es mit der CO2-Bilanz aus?

Auf diese Fragen braucht es passende Antworten, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Also lässt man sich einiges einfallen: Mit einem Kasten Bier kann man die Abholzung des Regenwaldes eindämmen, beim Kauf eines aus Plastikmüll fabrizierten Sportschuhs etwas gegen die Vermüllung der Ozeane unternehmen. Bei näherem Hinsehen entpuppen sich viele solcher Aktionen allerdings als lupenreines Greenwashing. Nichts als Schein.

Wie sollen sich Unternehmen verhalten?

Da stellt sich die Frage: Sind Ökonomie und Moral tatsächlich unvereinbare Gegensätze? Auf den ersten Blick sieht es ganz danach aus. Unternehmen sind keine Wohlfahrtsorganisationen. Sie müssen Rendite erwirtschaften, wachsen und wettbewerbsfähig bleiben. Und das geht eben nicht immer so, wie man es sich wünschen würde. Zwei Beispiele: Was nützt es einem Unternehmen, wenn es auf den Einsatz von Robotern zugunsten der Weiterbeschäftigung von Mitarbeitern verzichtet, wenn am Ende die laufenden Kosten so hoch sind, dass dennoch eine Massenentlassung droht? Was bringt es dem Unternehmen, auf die Beimischung von Palmfetten zu verzichten, um die Umwelt zu schützen, wenn der Produktpreis anschliessend nicht wettbewerbsfähig ist?

Glauben gehört in die Kirche, Moral in den Elfenbeinturm. Mit der Unternehmenspraxis hat das nicht viel zu tun. Um was also geht es hier eigentlich? Wie sollen sich Unternehmen verhalten? Werfen wir doch kurz einen zugegebenermassen sehr vereinfachenden Blick in die Geschichte. Im vorindustriellen Zeitalter bestand der Zweck von Unternehmen schlicht darin, die Menschen mit Gütern und Dienstleistungen zu versorgen, die sie für ihr Leben benötigten. Erst mit der Industrialisierung konnten so viele Güter produziert werden, dass sich der Zweck der Unternehmen davon löste. Nunmehr stand nicht mehr der Mensch mit seinen Bedürfnissen, Wünschen und Zielen im Vordergrund, sondern das prosperierende Unternehmen. Angesichts des zunehmenden Wettbewerbs, hoher Personalkosten oder auch internationaler Verflechtungen ergaben sich zunehmend Sachzwänge, denen alle anderen, auch moralische, Überlegungen untergeordnet wurden.

Heute erleben wir faktisch die Trennung zwischen unternehmerischen und menschlichen Interessen. Der Begriff der «betriebsbedingten Kündigungen» bringt es gewissermassen auf den Punkt. Diese Trennung macht aber insofern keinen Sinn, als dass Unternehmen im Gegensatz zu uns selbst keine Wünsche, Bedürfnisse oder Ziele besitzen und schon gar nicht Sachzwängen folgen müssen. Unternehmen und Menschen sind nicht zwei Kontrahenten, wenn es um die Verteilung von Gütern oder die moralische Beurteilung von Handlungen geht. Unsere Wirtschaft und die darin tätigen Unternehmen bleiben den menschlichen Entscheidungen und Anforderungen stets untergeordnet. Und daher gilt das Primat der Moral.

So geht gutes Handeln

Unternehmen sind zweckgebundene Organisationen, unser Leben dagegen ist reiner Selbstzweck. Wenn wir daher an unser eigenes Handeln moralische Ansprüche stellen, dann ist nicht einzusehen, warum wir das nicht auch an unser Handeln im Unternehmen tun sollten. Unternehmerisches Handeln ist stets Handeln von Menschen mit einem bestimmten Zweck. Warum sollten also hier andere moralische Massstäbe gelten als dort?

Wenn wir es demnach falsch finden, andere Menschen zu betrügen, sie auszunützen oder ungerecht zu behandeln, dann gilt das immer. Es gibt kein Unternehmen, mit dem wir aushandeln müssten, was nun gut und richtig ist. Wir allein bestimmen das jederzeit. Was also wäre angesichts dieser Überlegungen idealerweise zu tun?

Wenn wir in Unternehmen moralisch handeln wollen, dann müssen wir zuallererst gute Ziele verfolgen. Und die versuchen wir mit guten Entscheidungen und Handlungen zu erreichen. Das bedeutet zum Beispiel, dass die gewählte Strategie unseren moralischen Ansprüchen genügen muss. Gleiches gilt für die Ablauf- und Aufbauorganisation und das Miteinander aller Beteiligten und von unternehmerischen Entscheidungen betroffenen Personen. Dazu gehört dann selbstverständlich auch die Etablierung einer entsprechenden Unternehmens- und Führungskultur. Und was ist gut?

Wir wissen, dass wir die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen verhindern sollten.

In vielen Fällen wissen wir das im unternehmerischen Kontext genauso gut wie im Privaten und müssen dazu nicht erst auf ein Handbuch der Ethik zurückgreifen. Wir wissen, dass Ausbeutung nicht gut ist. Wir wissen, dass Ungerechtigkeit nicht gut ist. Wir wissen, dass wir die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen verhindern sollten. Und wenn wir dann doch irgendwann Zweifel haben, dann können wir uns an Immanuel Kants berühmten kategorischen Imperativ halten: Handeln wir einfach so, dass unser Handeln zum allgemeinen Gesetz erhoben werden könnte.

Stellen wir uns also gedanklich öffentlich auf den Marktplatz und berichten den anderen von unseren Entscheidungen und Handlungen und fordern sie auf, es uns gleichzutun. Wenn wir das mit gutem Gefühl machen können, dann ist das schon einmal ein sehr gutes Kriterium für gutes Handeln. Und wenn das jeder im Unternehmen beherzigen würde, von der Geschäftsführung angefangen bis hin zur Aushilfskraft, dann wären Unternehmen und Moral keine Widersprüche, sondern der Regelfall. Genauso, wie ein gutes Handeln auch die Regel beim Umgang mit unseren Kindern, Freunden oder Nachbarn ist. Einverstanden, das mag sich vielleicht reichlich ideal anhören. Aber wo stünden wir heute, wenn Ideale nicht stets Leitbild und Richtschnur unserer Entscheidungen und Handlungen gewesen wären?

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