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Selbstverwirklichung für alle!

Work-Life-Balance, Homeoffice, Co-Working: Unsere Expertin verrät, wie uns «New Work» zufriedener machen könnte.

Kennen Sie den «Flow»? Wer etwas wirklich gerne tut, leistet bessere Arbeit. Foto: iStock
Kennen Sie den «Flow»? Wer etwas wirklich gerne tut, leistet bessere Arbeit. Foto: iStock

Immer öfter hören wir von «New Work». Was heisst immer öfter, mittlerweile scheinen alle mit Begriffen wie Agilität, Digitalisierung, Co-Working oder, eben, New Work herumzuhantieren. Was ist dran an diesem Trend? Hat sich unsere Arbeit wirklich so verändert, oder sind das nur weitere Slogans, um überflüssige Weiterbildungen zu verkaufen?

Der Begriff New Work jedenfalls ist alles andere als neu: Der Erfinder, Frithjof Bergmann – ein aus Österreich stammender Philosoph –, kam mit dem Konzept bereits in den Siebzigern auf. Sein 1977 erschienenes Buch «On being free» beschrieb eine Utopie der perfekten Freiheit. Bergmann verstand darunter die Möglichkeit, etwas tun zu können, das wirklich, wirklich wichtig ist.

Und wirklich, wirklich wichtig ist laut Bergmann das, was man machen möchte, weil man fest daran glaubt. New Work soll also Arbeit ermöglichen, die persönlich bedeutungsvoll ist und Raum für Kreativität und Selbstverwirklichung schafft.

Ernüchternder Zeithorizont

So weit, so gut. Nur: Wie soll das möglich sein? Bergmanns Lösung besteht aus drei Teilen: Jeder Arbeitnehmende sollte zu einem Drittel «klassische Erwerbsarbeit» leisten, zu einem Drittel technisch unterstützte Selbstversorgung betreiben und das letzte Drittel der Zeit dazu nutzen, sich selbst zu verwirklichen. Sehr fortschrittlich, wenn man bedenkt, dass in den 70er-Jahren die Technik noch bei weitem nicht so «smart» war wie heute.

Und auch etwas ernüchternd, da wir heute, rund 50 Jahre später, noch immer über ähnliche Themen diskutieren – und diese als neu bezeichnen.

Jeder und jede sollte sich überlegen, was er oder sie wirklich braucht.

Wieso aber die drei Drittel? Da es durch die Automatisierung in industrialisierten Gesellschaften immer weniger traditionelle Arbeit gibt, schlug Bergmann vor, dass alle Menschen nur noch Teilzeit arbeiten sollen, damit es genügend Arbeit für alle gibt.

Die Selbstversorgung soll ermöglicht werden durch «digitale Fabrikatoren», die Güter autonom produzieren – in etwa wie die heutigen 3-D-Drucker. Dazu kommt ein gewisser Minimalismus: Jeder und jede sollte sich überlegen, was er oder sie wirklich braucht, um mit bloss einem Drittel des Gehaltes über die Runden zu kommen. Laut Bergmann kein allzu grosses Problem, da wir Unmengen von Gütern besitzen würden, die eigentlich überflüssig seien. Durch diese Selbstversorgung oder das Herunterschrauben der materiellen Bedürfnisse sollten wir unseren Lebensstandard auch mit weniger Erwerbsarbeit beibehalten können.

Wo bleibt die Zufriedenheit?

Und zuletzt die wichtigste Komponente von New Work: Selbstverwirklichung. Arbeit also, die man wirklich, wirklich gerne macht. Da Arbeit endlos ist, so Bergmann, sollte jeder Mensch die Möglichkeit haben, eine Tätigkeit zu finden, die persönlich erfüllend ist, die uns hilft, uns selbst zu verwirklichen, und die wir als wichtig, nützlich und sinnvoll erachten.

Bergmann strebte in den Siebzigern keinen radikalen Wandel an, sondern vielmehr einen fliessenden, natürlichen Übergang. Und in genau dieser «Umdenkphase» stecken wir nun heute. Viele Unternehmen bieten Teilzeitarbeit an, und immer mehr Menschen, gerade in der Schweiz, arbeiten lieber Teilzeit, um sich weiterzubilden oder selbstständig zu machen, ein eigenes Unternehmen aufzubauen oder um mehr Zeit für ein Hobby oder für die Familie zu haben.

Die meisten von uns kennen sich selbst nicht gut genug, um zu wissen, was sie wirklich wollen.

Hört sich alles toll an. Wieso sagen die Statistiken dann etwas anderes? In der Schweiz geben fast ein Drittel der Arbeitnehmenden an, mittelmässig bis gar nicht zufrieden mit ihrer Arbeit zu sein. Obwohl wir im internationalen Durchschnitt gut dastehen, scheint doch jede oder jeder Dritte unmotiviert und unglücklich die Minuten während der Arbeitszeit herunterzuzählen. Bergmanns Begründung hierfür wäre: «Selbstunkenntnis».

Die meisten von uns kennen sich selbst nicht gut genug, um zu wissen, was sie wirklich wollen (und können), um sich unabhängig zu machen. Zudem sieht unsere Realität leider oft noch so aus, dass Teilzeitarbeit aus diversen Gründen nicht für alle möglich ist. Dennoch kann es sich lohnen, sich zu überlegen, ob die eine oder andere Idee von Bergmann nicht doch zur persönlichen Zufriedenheit beitragen könnte. Folgende Anregungen könnten helfen:

Sich über die eigenen Möglichkeiten informieren

Ein fester Bestandteil des Konzeptes von New Work sind sogenannte «Zentren für Neue Arbeit». In diesen sollen Menschen mithilfe von Mentoren Selbstunkenntnis überwinden und herausfinden, was die eigenen Begabungen, Wünsche und Träume sind. Solche Zentren existieren zwar bereits im deutschsprachigen Raum, jedoch noch nicht in der Schweiz. Hierzulande kann ein Besuch bei einem Berufsberater lohnenswert sein, um neue Karrieremöglichkeiten kennen zu lernen. Wer sich lieber selbst informiert, kann das aus einer Vielzahl von Büchern oder natürlich online machen.

Entrümpeln und loslassen

Was brauche ich wirklich zum Leben? Muss es zweimal im Jahr Strandurlaub sein, oder wäre Urlaub auf «Balkonien» mit einem guten Buch auch etwas? Brauchen wir wirklich beide Autos, oder wäre Carsharing eine Option? Und wie wäre ein selbst organisierter Kleidertausch anstelle einer Shoppingtour? Dank solcher wiederholter Ersparnisse wird eine Pensenreduktion – oder auch die Finanzierung einer Weiterbildung – eher möglich.

Was mache ich wirklich, wirklich gerne?

Wissen Sie eigentlich, worin Sie besonders gut sind? Was sind Ihre Stärken? Und wie oft können Sie diese bei Ihrer Arbeit einsetzen? Wenn wir etwas machen, worin wir gut sind und was uns Spass macht, kommen wir in einen sogenannten Flow. Flow ist der Zustand völliger Vertiefung und des Aufgehens in einer Tätigkeit. Er tritt auf, wenn die Passung zwischen den eigenen Fähigkeiten und der zu erledigenden Aufgabe optimal ist. Wer im Flow ist, ist motivierter, leistet bessere Arbeit und hat erst noch mehr Spass daran.

Helfen und sich helfen lassen

Gemeinsam sind wir stärker. Ein wichtiger Punkt in Bergmanns Konzept ist die aktive Beteiligung in lokalen Gemeinschaften und der Gesellschaft, um Güter und Aufgaben teilen zu können und Unterstützung zu erhalten. Ein gutes soziales Netzwerk hat jedoch auch noch weitere positive Auswirkungen auf unser Leben: Durch aktives Vernetzen kommen wir nicht nur an die neuesten Informationen, wir erhalten auch soziale Unterstützung. Und soziale Unterstützung ist ein wichtiger Schutzfaktor für unsere körperliche und psychische Gesundheit, stärkt unser Selbstbewusstsein und hilft uns, Stress zu bewältigen. Viele Menschen fühlen sich unwohl, wenn sie jemanden um Hilfe bitten müssen. Dabei ist wissenschaftlich belegt, dass Menschen, die anderen helfen, auch sich selbst etwas Gutes tun: Prosoziales Verhalten mildert die Auswirkungen von Stress und führt zu einer besseren psychischen Gesundheit.

Wenn Sie bei der Lektüre übrigens dachten: Was weiss ein abgehobener Philosophieprofessor in seinem Elfenbeinturm denn schon über das Leben und die Arbeit? Mehr, als man denken würde! Mit 19 Jahren gewann Frithjof mit einem Aufsatz über die «Welt, in der wir leben wollen» ein Studienjahr in den USA von der österreichischen US-Botschaft. Nach diesem Studienjahr entschloss er sich jedoch, in den USA zu bleiben, und schlug sich als Tellerwäscher, Hafenarbeiter und Preisboxer durch.

Später lebte er als Selbstversorger auf dem Land und sparte sich aus Teilzeitjobs das Geld für ein Philosophiestudium zusammen. Dieses beendete er nicht nur erfolgreich, sondern er schaffte es auch, an der renommierten Princeton-Universität eine Doktoratsstelle zu ergattern und anschliessend eine eigene Professur an der ebenfalls namhaften University of Michigan zu besetzen. Seither gründete er mehrere solcher Zentren für Neue Arbeit, berät Firmen und Regierungen in Fragen zur Arbeit und setzt sich ein, Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen und Jobs für Obdachlose zu finden. Hört sich so an, als ob er gefunden hätte, was er wirklich, wirklich machen möchte.

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