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«Der Schmerz lehrte mich, das Leben zu verstehen»

Anna Schreiber hat zwei Jahre als Prostituierte gearbeitet. Heute unterstützt sie Paare als Psychotherapeutin. Teil 2 unseres Interviews.

«Ein Mann, der um seine eigene männliche Würde weiss und um die Würde der Frau, will keinen Sex gegen Geld»: Anna Schreiber. Foto: Fotostudio Thomas

«Ein Mann, der um seine eigene männliche Würde weiss und um die Würde der Frau, will keinen Sex gegen Geld»: Anna Schreiber. Foto: Fotostudio Thomas

Mathias Morgenthaler@_Morgenthaler_

Sie beschreiben in Ihrem Buch «Körper sucht Seele», wie Sie in einem emotional unterkühlten katholischen Elternhaus aufgewachsen sind und versucht haben, unsichtbar zu sein und nicht zu stören – auch dann noch, als ein Verwandter Sie missbraucht hat. Wurden damals die Voraussetzungen geschaffen für die spätere Arbeit als Prostituierte?
Nach meiner Erfahrung gibt es für die Prostitution drei grundlegende Bedingungen: zum einen der materielle Aspekt, meist massive Geldnot; dann die Geschichte davor: Das kann sexualisierte Gewalterfahrung sein in der Kindheit, aber auch emotionale Vernachlässigung oder Bindungsstörungen; der dritte Faktor ist das Gegenwartssystem, zum Beispiel ein Partner, der die Prostitution einfordert oder zumindest nicht verhindert. Die Frau, die sich einfach so, aus Lust und Laune heraus, prostituiert, gibt es nicht. Das ist ein Mythos. Heute opfern sich viele Frauen für ihr Gegenwartssystem. Sie verkaufen ihren Körper, damit ihre Kinder oder ihre Familien in einem anderen Land nicht verhungern. Das ist eine humanitäre Katastrophe.

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