Glück kann man kaufen – wenn man weiss, wie

Ein Konsumverhalten, das Glück vergrössert anstatt verkleinert, ist lernbar.

Doch, doch: Auch Konsum kann glücklich machen. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Doch, doch: Auch Konsum kann glücklich machen. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Christian Fichter@cfichter

«Glück kann man nicht kaufen!» Diese Ansicht gilt in unserer wohlstandsverwöhnten Überflusskultur als vornehm. Meinungs-Avantgardisten beklagen eine Glorifizierung des Konsums. Sie diagnostizieren überbordenden Materialismus, der uns zu Geiseln des kapitalistischen Systems mache, gierig auf Güter, süchtig nach Shopping. Aber letztlich unzufrieden. Steht es so schlimm? Nein. Kaufen kann glücklich machen, wenn man weiss, wie.

Glück ist ja nichts anderes als ein befriedigender Zustand, der uns anzeigt, dass wir ein gutes Leben haben. Dass wir satt sind, gesund, beschützt und beliebt. Und dass unser Leben einen Sinn hat.

Die Glücksforschung sagt: Wir tun das, was uns diesen Zielen näherbringt. Dafür steht uns ein feines Sensorium zur Verfügung. Solange wir die Ziele nicht erreicht haben, lösen die Sensoren negative Emotionen aus. Diese wiederum führen zu Handlungen. Kaufhandlungen zum Beispiel. Wenn wir dann Güter kaufen, die unsere Zielerreichungssensoren befriedigen, werden positive Emotionen ausgelöst, und wir vergrössern unser Glück. Haben wir Hunger, kaufen wir einen Schokoriegel. Spüren wir Kälte, einen Pulli. Fühlen wir uns jemandem verbunden, kaufen wir ihm ein Geschenk. Es ist also ganz einfach, Glück zu kaufen, nicht wahr? Nur leider gibt es da ein paar Fallstricke.

Im sozialen Vergleich mit Millionen Konkurrenten gibt es immer einen, der über mehr Geld, PS, Muskeln oder Schönheit verfügt als ich.

Erstens: Wir kaufen zu viel. Unsere Sensoren haben sich in längst vergangenen Zeiten knapper Ressourcen gebildet. Unsere Urahnen mussten um jede Kalorie kämpfen. Heute leben wir im Überfluss, aber das starke Verlangen nach süssen, fettigen und schmackhaften Speisen ist uns geblieben. Deshalb konsumieren wir mehr, als uns guttut. Das gilt auch für Alkohol, Zigaretten, Drogen.

Zweitens: Wir kaufen das Falsche. Statt in Erlebnisse und gemeinsame Erfahrungen zu investieren, geben wir zu viel Geld für materielle Güter aus. Diese sind leichter verfügbar. Sie verleiten dazu, fehlende soziale Beziehungen und einen Mangel an befriedigenden Erlebnissen zu kompensieren. Das funktioniert, aber leider nur am Anfang. Das erste Paar Schuhe vergrössert unser Glück ungemein. Das zehnte Paar nur noch ganz wenig.

Drittens: Wir kaufen zu viele positionale Güter – teure oder überflüssige Dinge, mit denen wir unsere soziale Position heben wollen. Das schnelle Auto, das mich zum Herrscher der Autobahn macht. Die riesige Wohnung, um die mich meine Nachbarn beneiden. Besitz signalisiert Status, auch heute noch. In einem Dorf mit begrenzten Vergleichsmöglichkeiten funktioniert das, aber in Insta-City nicht. Im sozialen Vergleich mit Millionen Konkurrenten gibt es immer einen, der über mehr Geld, PS, Muskeln oder Schönheit verfügt als ich.

Wir kaufen überteuerten Mist, der mit hohlen Markenversprechen aufgeladen ist.

Viertens: Wir gewöhnen uns an das Gekaufte. Egal, wie schön der Ring, wie gross das Haus, wie schnell der Computer: Eine Weile sind wir zufrieden, aber bald schon wollen wir mehr. Wir sind in einer hedonischen Tretmühle gefangen. Die Natur will uns so zur Verbesserung motivieren. Aber glücklich macht das nicht.

Fünftens: Wir kaufen überteuerten Mist, der mit hohlen Markenversprechen aufgeladen ist. Sonnenbrillen, Handtäschchen, High Heels, Uhren – in fast jeder Produktgruppe gibt es aufgeblähte Luxusartikel mit Spitzenimage, aber ohne funktionalen Mehrwert. Diese Güter werden bewusst so vermarktet, dass sie auf uns eine grosse Anziehungskraft ausüben. Leider saugt diese Kraft auch unser Geld ein. Geld, das wir sinnvoller ausgeben könnten.

Einfach ist es also nicht, Glück zu kaufen. Aber ein Konsumverhalten, das Glück vergrössert anstatt verkleinert, ist lernbar. Vorausgesetzt, man weiss um die Fallstricke und umgeht sie diszipliniert. Dazu müssen wir als Konsumenten Mass halten, mehr Erlebnisse und weniger positionale Güter kaufen, uns an unserem Besitz länger erfreuen und unser Geld nicht für überflüssige Markenprodukte verschwenden. Gelegenheit zum Üben haben wir derzeit genug. Viel Glück!

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