Der ungewöhnliche Karriereschritt eines Topmanagers

Zahlen und Buchhaltung waren die Welt von Reto Baumgartner. Zum 50. Geburtstag entscheidet sich der Finanzchef der BLS, den Beruf zu wechseln. Er wird Uhrmacher und lanciert seine eigene ­Marke.

Ein radikaler Berufswechsel hilft Reto Baumgartner, die Midlife-Crisis zu bewältigen: Der 50-Jährige hat seine Tätigkeit als Finanzchef der BLS an den Nagel gehängt und wagt einen Neubeginn als Uhrmacher.

Ein radikaler Berufswechsel hilft Reto Baumgartner, die Midlife-Crisis zu bewältigen: Der 50-Jährige hat seine Tätigkeit als Finanzchef der BLS an den Nagel gehängt und wagt einen Neubeginn als Uhrmacher.

(Bild: Urs Baumann)

Jon Mettler@jonmettler

Auf Quereinsteiger wartet in der stolzen Zunft der Uhrmacher niemand. Wer den Beruf nicht von der Pike auf erlernt hat, hat kaum Chancen, in diesem traditionsreichen Metier Fuss zu fassen. Reto Baumgartner, bis Ende Juni 2016 Finanzchef des Berner Bahnunternehmens BLS, liess sich von dieser hohen Hürde nicht abschrecken. Er hat sich als Uhrmacher selbstständig gemacht und die Marke RB Baumgartner lanciert.

Es ist der Eintritt in eine komplett neue Welt. Als Finanzchef musste Baumgartner in groben Zügen denken und die grossen Zusammenhänge erkennen. Im Uhrmacherberuf steht die Prä­zision im Vordergrund. Hier muss Baumgartner im Kleinen grübeln.

Wir sitzen in Baumgartners Atelier, das er in Aarberg im Laden für Innendekoration seiner Partnerin Cornelia Hermann eingerichtet hat. Baumgartner hat einen weissen Uhrmacher­kittel mit dem Logo seiner Marke übergestreift. Mit der Lupe prüft der ehemalige BLS-Finanzchef für einen aktuellen Auftrag die Ganggenauigkeit eines Uhrwerks.

Preise bis zu 1800 Franken

In einer Vitrine vor dem Uhrmachertisch, an dem Baumgartner sitzt, funkeln mechanische Uhren für Damen und Herren. Sogar eine Taucheruhr liegt im Schaufenster. Ein Blick auf die Preisschilder zeigt: Uhren von RB Baumgartner kosten zwischen 650 und 1750 Franken.

Der berufliche Quereinstieg ins Uhrmacherhandwerk beginnt für Baumgartner am Weiterbildungszentrum für Erwachsene im bernjurassischen Tramelan. Hier besucht der gelernte Kaufmann mit Managementausbildung einen mehrtägigen Grundkurs.

Die Bekanntschaft zu Maarten Pieters, dem umtriebigen Direktor der internationalen Uhrmacherschule Wostep in Neuenburg, führt zum nächsten Schritt auf der Karriereleiter. Baumgartner erhält eine Einladung für einen Einstufungstest. Das Wo­step will herausfinden, ob der ­unerfahrene Branchenneuling überhaupt qualifiziert genug ist, um sein Grundwissen mit Zusatzkursen zu vertiefen.

Baumgartner muss sich nicht allzu ungeschickt angestellt haben. Im vergangenen Frühling schliesst er am Wostep die Chronometerausbildung ab. Diese erlaubt es ihm, hochpräzise mechanische Uhren zu bauen. Auch die Ausbildner der Stiftung Battenberg für berufliche Integration in Biel sowie der Ausbildungsleiter der Uhrwerkeherstellerin Ronda in Stabio im Kanton Tessin helfen Baumgartner, seine Kenntnisse laufend zu vertiefen.

Im vergangenen Frühling schloss er am Wostep in Neuenburg die Chronometerausbildung ab. Bild: Urs Baumann

Trotzdem ist der Lehrling nicht ganz zufrieden mit sich selber. «Bei den feinen Bewegungen bin ich noch zu ungeschickt – etwa beim Richten der Spirale, die zum Antriebsmechanismus der Uhr gehört», sagt Baumgartner. Im Herbst steht deshalb die nächste Weiterbildung an. Dann wird er lernen, kleinste Uhren­teile selber herzustellen – der Uhrmacher spricht von «drehen» – und in Zeitmessern einzusetzen. Es soll ihm helfen, seine Fingerfertigkeit zu verbessern.

Den Wechsel vom Topmanager zum Uhrmacher bezeichnet Baumgartner als «meine Art, die Midlife-Crisis zu bewältigen». Im Alter von 50 Jahren habe er etwas Neues machen wollen. «Möglicherweise scheitere ich in meiner neuen Tätigkeit», sagt er. «Aber ich will mit 65 nicht auf mein Leben zurückblicken und bereuen, dass ich es nicht versucht habe.»

Mit viel Fingerspitzengefühl bei der Arbeit: Reto Baumgartner. Video: Jon Mettler

Der Entscheid, sich beruflich komplett neu zu orientieren, ist bei Baumgartner über längere Zeit gereift. Vor 25 Jahren begann er damit, Uhren zu sammeln. «Das hat eine Leidenschaft in mir geweckt. Ich wollte wissen, wie Zeitmesser genau funktionieren. Also habe ich mir alte Uhrwerke besorgt und diese auseinandergeschraubt.»

Im Sommer 2015 fasst er den endgültigen Beschluss, sich selbstständig zu machen. «Das war ein Bauchentscheid und keine rationale Angelegenheit», sagt Baumgartner. «Wie es sich für einen richtigen Finanzchef gehört, habe ich einen Soll-Haben-Vergleich aufgestellt und bin zum Schluss gekommen, dass die ­Vorteile überwiegen», fügt er lachend an.

Kopfschütteln im Umfeld

Im Familien- und Freundeskreis stösst Reto Baumgartner teil­weise auf Kopfschütteln und fragende Blicke: Warum freiwillig auf eine angesehene Funktion und einen gut bezahlten Job verzichten?

«Auf meine gesellschaftliche Stellung habe ich noch nie etwas gegeben», sagt Baumgartner. «Aber ich bin nicht naiv. Ich weiss, dass ich im Moment nicht allein von der Uhrmacherei leben kann.»

Mandate als Berater

Für ein zusätzliches Einkommen sorgen Mandate als Unternehmensberater. Baumgartner überlegt sich jedoch, seine Uhrenfirma breiter aufzustellen. «Ich ­prüfe, ob ich in den Handel mit Furnituren einsteige. Das würde für regelmässigere Einnahmen sorgen.» Als Furnituren werden in der Uhrenindustrie Ersatzteile für mechanische Uhren be­zeichnet.

Für die Herstellung und Qualitätsprüfung einer einzelnen Uhr benötigt der frischgebackene Uhrmacher etwa eine Woche. Bild: Urs Baumann

Die Marke RB Baumgartner steht für Individualität: Kunden können die Zeitmesser entweder nach persönlichen Vorlieben gestalten und zusammenbauen lassen oder in Kleinstserien beziehen. Die wichtigsten Komponenten wie Uhrwerke und Zifferblätter bezieht Reto Baumgartner von Zulieferern.

Ziel: 200 Uhren pro Jahr

Für die Herstellung und Qualitätsprüfung einer einzelnen Uhr benötigt der frischgebackene Uhrmacher etwa eine Woche. Im Moment peilt Baumgartner ein Produktionsvolumen von 75 Stück pro Jahr an. Sein Ziel ist es, den Ausstoss auf 200 Uhren pro Jahr zu erhöhen. Dabei helfen soll ein Shop im Internet, der im kommenden September aufgeschaltet wird.

Bis jetzt bereut Baumgartner seinen radikalen Berufswechsel nicht. Es sind kleine Erfolgserlebnisse, die ihn dazu ermutigen, weiterzumachen. «Kürzlich kam ein Kunde ins Ladenlokal in Aarberg und kaufte spontan eine Uhr von mir. Das hat mich echt aufgestellt.»

Berner Zeitung

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