«Um Köche muss man sich keine Sorgen machen»

Berufe

In fünf bis zehn Jahren werden intelligente Roboter weltweit Millionen von Arbeitsplätzen verschlingen, prognostiziert Futurist und Strategieberater Gerd Leonhard.

Für Gerd Leonhard steht fest: Künftig wird die Bedeutung von Politikern und Ethikern steigen.

Für Gerd Leonhard steht fest: Künftig wird die Bedeutung von Politikern und Ethikern steigen.

(Bild: zvg/Friedel Ammann)

Lucie Machac@liluscha

Herr Leonhard, wie wird man Futurist?
Gerd Leonhard: Also studiert habe ich es nicht (lacht). Als Futurist muss man vor allem gut beobachten und komplexe Sachverhalte kombinieren können. Ich mache Prognosen, die sich auf die nächsten fünf bis zehn Jahre beziehen. Das könnten im Prinzip viele. Nur können sich die wenigsten den Luxus leisten, sich ausschliesslich mit der Zukunft zu beschäftigen. 99,9 Prozent der Menschen sind mit dem Hier und Jetzt zu 100 Prozent ausgelastet.

Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit der Zukunft?
Seit rund 13 Jahren. Davor habe ich versucht, meine Zukunftsvisionen als Geschäftsmodell umzusetzen. In den Neunzigern habe ich zum Beispiel versucht, Musik über eine Internetplattform zu lizenzieren. Damit bin ich aber gescheitert, weil es noch zu früh war. Also habe ich beschlossen, meine Ideen lieber an grosse Unternehmen weiterzugeben, die das Potenzial haben, längerfristig zu planen.

Wie oft lagen Sie mit Ihren Prognosen schon daneben?
Nicht sehr oft. Ich habe mich manchmal beim Timing getäuscht. Ich dachte etwa, dass wir schon per Ende des 20.Jahrhunderts Musik aus der Cloud beziehen werden. Es hat dann aber noch 15 Jahre gedauert.

Wie lange wird es dauern, bis intelligente Roboter unsere Arbeit übernehmen?
Das wird graduell in den nächsten fünf bis zehn Jahren passieren. Heute ist künstliche Intelligenz noch recht primitiv – denken Sie etwa an Siri, die persönliche Assistentin auf dem iPhone. Aber künstliche Intelligenz entwickelt sich exponentiell, und sie lernt auch exponentiell schnell.

Wie das?
Intelligente Software versteht Zusammenhänge und checkt innerhalb von Sekundenbruchteilen Millionen von Möglichkeiten ab – dank Algorithmen, die diverse Daten miteinander verknüpfen. Künstliche Intelligenz bedeutet auch, dass sich ein Roboter selbstständig Dinge beibringt und selber entdeckt, wie er immer besser wird. Und dies zigfach schneller als ein Mensch.

Aber davon sind wir noch Jahrzehnte entfernt.
Das glaube ich nicht. Die Technologisierung unserer Arbeitswelt schreitet schon heute sehr rasch voran. Ich gehe davon aus, dass in fünf Jahren die meisten Regierungen und Institutionen künstliche Intelligenz benutzen werden.

In welchen Bereichen?
Zum Beispiel im Kundenservice. Wir werden nicht mehr mit einem Menschen, sondern mit einer Software sprechen, die unser Problem erkennt, weil sie Daten über uns gesammelt und intelligent miteinander verknüpft hat. Google baut ja schon heute an einem selbst steuernden Auto, und den intelligenten Roboter Baxter kann man für erschwingliche 27'000 Dollar das Stück kaufen.

Was kann dieser Roboter genau?
Er kann Menschen nachahmen. Wenn man Baxter zeigt, wie etwas funktioniert, lernt er es. In Japan werden Roboter in der Altenpflege bereits eingesetzt, um Menschen aus dem Bett zu heben. Sie könnten aber auch die Küche putzen. Oder iPads zusammenbauen. Heute braucht es in China 340 Mitarbeiter, um ein iPad zusammenzubauen. Mit Baxter bräuchte es nur noch zehn. Künftig werden also Millionen von Arbeitsplätzen verloren gehen, weil Menschen durch intelligente Maschinen ersetzt werden.

Welche Berufe sind besonders gefährdet?
Gemäss einer aktuellen Oxford-Studie werden in zwanzig Jahren je nach Land 40 bis 65 Prozent der heutigen Berufe automatisiert sein, sprich durch Technologie ersetzt werden. Gefährdet sind vor allem Jobs, die auf Zahlen oder Analysen von Daten basieren. Den Job des Buchhalters zum Beispiel wird schon bald eine Software übernehmen können. Oder nehmen wir die Baubranche.

Computer werden selbstständig Häuser und Brücken bauen?
Oder Bürogebäude. Solange eine Konstruktion nach einem immer ähnlichen Plan, also nach bestimmten Mustern entworfen wird, kann das eine intelligente Software sehr schnell lernen.

Was wird eine intelligente Maschine nie lernen?
Im Prinzip das, was uns menschlich macht. Dazu gehören Fähigkeiten wie Vorstellungskraft, etwas erfinden oder designen können, Sachverhalte werten, verhandeln, soziale und emotionale Intelligenz. Einer Maschine wird es wohl niemals gelingen, einen globalen Konflikt zu analysieren oder in diesem gar zu verhandeln. Oder Situationskomik zu erkennen. Oder einen Witz adäquat zu übersetzen.

Aber die Google-Übersetzung ist schon heute relativ gut.
Sie wird aber noch lange keinen guten UNO-Dolmetscher ersetzen können, der auch die Zwischentöne der Verhandlungspartner aufnimmt und mitdenkt. Aber sicher wird es bald keine Übersetzer mehr für Produktanleitungen brauchen.

Welche Berufe werden überleben?
Um spezialisierte handwerkliche Berufe wie Maurer, Elektriker oder Köche muss man sich noch lange keine Sorgen machen. Ein Roboter wird vielleicht nach Rezept Spaghetti carbonara kochen können, aber sobald es darum geht, ein Geschmackserlebnis zu kreieren, sei dies nur ein tolles Thai-Curry, wird er schnell an seine Grenzen stossen. Berufe wie Politiker oder Ethiker sind ebenfalls nicht gefährdet. Ihre Bedeutung wird künftig sogar eher steigen.

Weshalb?
Weil Technologie keine Ethik kennt und deshalb früher oder später sozial, politisch und ethisch reguliert werden muss. Lange gingen wir von der Maxime aus: Alles, was technologisch möglich ist, ist gut. Weil es die Effizienz steigert und die Kosten verringert. Mittlerweile müssen wir uns aber fragen, ob das, was möglich ist, auch in Anbetracht der ungewollten Konsequenzen gut ist. Mit der ständigen Effizienzsteigerung laufen wir Gefahr, in einem System zu leben, das komplett von Technologie bestimmt und überwacht ist, wo Menschen am Ende zu ineffizientem Ballast werden könnten.

Das klingt nach Big-Brother-Science-Fiction.
Wahrscheinlich leider nicht. Schon bald wird es immer häufiger eine Art Daten-Fukushima geben.

Ein Daten-Fukushima?
Es wird zu Pannen und Zwischenfällen kommen, die weit über ein gehacktes iCloud- Konto hinausgehen und bei denen eine Menge Leute zu Schaden kommen. Wenn das Internet und alle anderen digitalen Netzwerke ausfallen, wird zum Beispiel kein einziges Flugzeug mehr abheben können. Oder es werden ganz normale Menschen nicht mehr reisen dürfen, weil sie auf irgendeiner schwarzen Liste stehen, die eine fehlerhafte Software aufgrund ihrer Daten erstellt hat. Solche Zwischenfälle werden uns bewusst machen, dass wir neue Standards und Regeln im Umgang mit Technologie brauchen.

Berner Zeitung

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