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Italien wehrt sich gegen die Lebensmittelampel

Pasta, Pesto und Parmesan kämen nicht gut weg, heisst es. Es geht aber nicht nur um Kultur, sondern auch um Geld.

Ulrike Sauer
Italienisches Olivenöl gilt weltweit als gesund – auf der Nährwertskala Nutri-Score schneidet es jedoch schlecht ab. Foto: iStock
Italienisches Olivenöl gilt weltweit als gesund – auf der Nährwertskala Nutri-Score schneidet es jedoch schlecht ab. Foto: iStock

Italienische Babys haben es gut. Gleich mit dem ersten Löffel Brei kosten fünfmonatige Säuglinge Olivenöl und Parmesan. Dafür sorgen die Kinderärzte, sobald das Abstillen losgeht. Auf kalt gepresstes Olivenöl, das südlich der Alpen über den Status eines Lebenselixiers verfügt, und auf Parmigiano Reggiano, den König der italienischen Hartkäsesorten, zu verzichten, würde für die Mediziner bedeuten, die Gesundheit des Nachwuchses zu gefährden.

Andere Länder, andere Sitten, andere Überzeugungen. In Grossbritannien, Frankreich, Belgien und demnächst wohl auch in Deutschland warnt der Staat vor dem Verzehr der vermeintlichen Dickmacher. In der Schweiz will Aldi den aus Frankreich stammenden Nutri-Score einführen, der verarbeitete Lebensmittel je nach Fett-, Zucker- und Süssgehalt bewertet. Die Nahrungsmittelriesen Nestlé und Danone haben diese Variante der Ampel bereits in Eigenregie hierzulande eingeführt. Migros und Coop wehren sich noch dagegen.

Das Imitat schneidet besser ab

Auf der fünfstufigen Nährwertskala Nutri-Score wird aber natives Olivenöl, das als Freund des Herzens gepriesen wird, mit einem orangefarbenen D gebrandmarkt. Besonders absurd: Rapsöl kommt mit einem gelben C besser weg. Dabei warnt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) in einer Studie vor Erucasäure, einer einfach ungesättigten Fettsäure im Rapsöl, die auch in Croissants, Kindernahrung und Geflügelfutter vorkommen kann.

Auch der original Parmigiano Reggiano mit geschützter Herkunftsbezeichnung, dessen leicht verdauliche Proteine, Vitamine, Mineralien und essenzielle Aminosäuren dem Wachstum von Säuglingen so förderlich sein sollen, wird mit der zweitschlechtesten Note D geächtet. Ein im Ausland industriell hergestelltes Parmesan-Imitat steht genau wie fettreduzierte Kartoffelchips mit der hellgrünen Note B weitaus besser da. Wie kann das sein?

Die Frage beschäftigt nicht nur Ernährungswissenschaftler und Verbraucher. Sie spaltet auch Europa in zwei Lager. Die EU-Kommission in Brüssel wird im Frühjahr über eine einheitliche Etikettierung von Lebensmitteln entscheiden. Und die Italiener rüsten für den Kampf gegen die Fünf-Farben-Ampel. «Nutri-Score ist irreführend», sagt Gesundheitsminister Roberto Speranza. Ein Modell, das Rapsöl besser bewertet als Olivenöl, werde Italien niemals akzeptieren, versprach er neulich den italienischen Bauern.

Auf Anhieb verständlich

In dem Streit um ein gemeinsames Label geht es nicht nur um die Esskultur und Gesundheit von 500 Millionen Europäern. Auf dem Spiel stehen die Interessen von Lebensmittelindustrie und Landwirtschaft auf einem Milliardenmarkt. Die Italiener rufen empört: Weg mit den Ampeln! Die Briten setzen schon seit fünf Jahren auf die klassische Drei-Stufen-Ampel. In Skandinavien ist ein Schlüsselloch-Etikett verbreitet. Die Franzosen führten 2016 das fünffarbige Nutri-Score ein.

Die Ampel ist auf Anhieb verständlich. Wesentlich komplizierter ist die Formel, die der Bestimmung der Signalfarben zugrunde liegt. Die Kritik der Italiener setzt am Grundprinzip der Ampeln an: Sie berechnen den Nährwert eines einzelnen Produkts jeweils in einer einzigen Standardmenge von 100 Gramm oder 100 Milliliter. Im Heimatland der mediterranen Diät aber ist man der Ansicht, dass kein Produkt an sich gesundheitsschädlich ist. Entscheidend sei die Menge. «Eine gesunde Diät fusst auf einer abwechslungsreichen und ausgewogenen Ernährung», argumentiert der Verband der italienischen Nahrungsmittelindustrie.

Die Italiener halten die Ampel für einen Angriff im Handelskrieg gegen ihr Land.

Italiener leben besonders lang. Das liegt wohl auch an ihrer «mediterranen Diät». Diesen Begriff prägten vor 60 Jahren die amerikanischen Wissenschaftler Margaret und Ancel Keys. Sie hatten in den 1950er-Jahren die Essgewohnheiten von Stahlarbeitern in Neapel untersucht. Im Vergleich zu einer Gruppe vermögender US-Manager stellte das Paar fest, dass die Süditaliener sich viel gesünder ernährten. Ihr frugales Essen, das aus Getreide, Gemüse, Hülsenfrüchten, Obst, Fisch und wenig Fleisch bestand, war der opulenten, fetthaltigen Fleischküche in Amerika haushoch überlegen.

Die Italiener halten die Ampel für einen Angriff im Handelskrieg gegen ihr Land. Dass Strafzölle ein Problem sind, darüber sei man sich in der EU einig, sagt Verbandschef Ivano Vacondio. «Setzt sich in Europa die französische Etikettierung durch, dann wird der Schaden für den Export italienischer Nahrungsmittel viel grösser sein», warnt er. Mit 145 Milliarden Euro Umsatz und 400’000 Beschäftigten ist die Nahrungsbranche Italiens zweitwichtigster Industriezweig. Die Hersteller haben ihren Export 2019 erneut gesteigert, um sechs Prozent auf 32,5 Milliarden Euro. Die weltweite Italianisierung der Esskultur macht es möglich. Nun fürchtet man eine Benachteiligung der handwerklich hergestellten Erzeugnisse gegenüber den oft im Chemielabor modifizierten Industriewaren.

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