Mit bezahlten Umschulungen die Arbeitswelt revolutionieren

Wer in der Industrie den Job wechseln oder von aussen einsteigen will, soll sich umschulen lassen können. Knacknuss ist die Finanzierung.

Polymechaniker sind gesucht. Die Umschulung soll bei der Rekrutierung helfen. Foto: Michael Zanghellini (Keystone)

Polymechaniker sind gesucht. Die Umschulung soll bei der Rekrutierung helfen. Foto: Michael Zanghellini (Keystone)

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Die Digitalisierung stellt die Arbeitswelt auf den Kopf. Die Angestellten in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie) können davon ein Liedchen singen: Viele Jobs in ihrer Branche sind in den letzten Jahren der Digitalisierung und Automatisierung zum Opfer gefallen. Zwar sind auch neue Stellen entstanden. Doch wer seinen Job verliert, verfügt oft nicht über die richtigen Qualifikationen dafür. Gleichzeitig ringen die Unternehmen darum, die neuen Stellen zu besetzen.

Das Problem liesse sich entschärfen, indem sich die Angestellten laufend weiterbilden oder umschulen lassen, wenn ihr Job zu verschwinden droht. Nur geschieht das in der Praxis selten: Viele können es sich nicht leisten, während einer mehrjährigen Umschulung auf ihr Einkommen zu verzichten. Und genau hier setzen die Sozialpartner der MEM-Industrie an.

Sowohl der Arbeitgeberverband Swissmem wie auch die Gewerkschaften sind sich einig, dass es eine regelrechte Umschulungsoffensive braucht. Wer innerhalb der Branche den Job wechseln möchte oder von aussen in die MEM-Industrie einsteigen will, soll die Möglichkeit haben, sich umschulen zu lassen. So soll sich der Schweisser zum Polymechaniker ausbilden lassen können oder der Buchhalter zum Automatiker. Unia-Industriechef Corrado Pardini spricht von einer «kleinen Revolution» der Berufsbildung.

Damit es nicht bei reinen Absichtserklärungen bleibt, soll diese Umschulungsoffensive im Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der MEM-Industrie festgehalten werden. Das bestätigen Unia-Mitglied Pardini und Syna-Industriechef Mathias Regotz. Die GAV-Verhandlungen sind noch im Gange und dauern bis im Juni.

Knacknuss Finanzierung

Ein Stolperstein ist allerdings die Finanzierung: Wer kommt für die Umschulung des Mitarbeiters auf? Klar ist, dass verschiedene Finanzierungsquellen nötig sein werden. Nebst einer teilweisen Übernahme durch den Mitarbeiter hoffen die Arbeitnehmerorganisationen auf die Unterstützung der Unternehmen, der Branche (durch den bereits existierenden Weiterbildungsfonds), des Bundes (durch die Finanzierung von Pilotprojekten), der Kantone (indem sie die Altersgrenzen bei Stipendien aufheben) und der Arbeitslosenversicherung (indem sie neu auch Umschulungen bezahlt).

Wie gross die Bereitschaft zur finanziellen Beteiligung vonseiten der Arbeitgeber und der Branche ist, bleibt offen. Swissmem-Sprecher Ivo Zimmermann will diesbezüglich mit Verweis auf die laufenden GAV-Verhandlungen nicht in die Details gehen. Er nennt die Frage nach der Finanzierung aber «eine der grössten Herausforderungen». Gleichzeitig verweist er darauf, das die Swissmem selber ein Umschulungsmodell eingebracht hat. «Von daher ist es logisch, dass wir alles daransetzen, dass die Umsetzung zustande kommt.»

Grosses Echo

Tatsächlich war es Swissmem-Präsident Hans Hess, der die Diskussion im vergangenen Jahr angestossen hatte. Hess schlug damals eine Lehre für Erwachsene vor – und war vom riesigen Echo selber überrascht. Die Gewerkschaften begrüssten die Stossrichtung, störten sich aber am Namen «Erwachsenenlehre» und stellten sofort die Frage, wer für die Lohneinbussen der Angestellten aufkommen soll.

Die Lehre heisst bei Swissmem inzwischen «Umschulung» und was die Finanzierung betrifft, haben die Gewerkschaften nun eigene Vorschläge eingebracht. So präsentierte die Unia gestern ihr eigenes Umschulungsmodell, das die Gründung eines Vereins mit dem Namen «Berufspasserelle 4.0» vorsieht und die Äufnung eines Umschulungsfonds. Dieser würde sowohl von Arbeitgebern als auch Arbeitnehmern mit 0,1 Lohnprozenten finanziert. Wie Pardini betont, ist das allerdings erst ein Vorschlag.

Während sich die Modelle von Swissmem und Unia in einigen Punkten un­terscheiden, überwiegen die Gemeinsamkeiten. Um die Kosten zu begrenzen, sollen Mitarbeiter in einer Ausbildung erstens nur jene Kurse belegen, die für sie wirklich neu sind. Das informelle Wissen, das sie sich während des Berufslebens angeeignet haben, können sie sich anrechnen lassen. Zweitens soll die Ausbildung mit der Arbeit vereinbar sein: ein Teilzeitstudium, das auf Modulen aufbaut und sich unterbrechen lässt. Sowohl Swissmem als auch Unia wollen im nächsten Jahr mit je einem Pilot­projekt erste Erfahrungen sammeln.

Die Gewerkschaft Angestellte Schweiz wendet das Prinzip dank einer Zu­sammenarbeit mit dem Verein Modell F bereits an. Allerdings haben die Teilnehmer die Kosten selber zu tragen; in gewissen Fällen kommt die Arbeitslosenversicherung dafür auf. Auch bei diesen Weiterbildungen setzt man auf Teilzeitstudium, Module, die Anrechnung von bestehenden Kompetenzen. Die Erfahrungen sind laut Geschäftsführerin Rebekka Risi durchgehend positiv.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2018, 23:16 Uhr

Weiterbildung

Zum Cyberkrieger auf dem zweiten Bildungsweg

Die angereisten Medienschaffenden haben kaum Platz genommen, da kommt Lino Guzzella bereits zur Sache: «Wir verzeichnen immer mehr Cyberattacken auf Firmen und staatliche Institutionen.» Der ETH-Präsident lässt dem Warnaufruf einen Schnellabriss über «die Welt im digitalen Wandel» folgen, eine Aufzählung der Chancen und Gefahren, die sich daraus ergeben würden: «Wir müssen uns für diesen Kampf rüsten – und zwar sofort!» Das Wettrüsten für die Zukunft illustriert der Hellraumprojektor mit einem prominenten ETH-Studenten aus längst vergangener Zeit: Der Physiker Albert Einstein, gekleidet in ein Muskelshirt, im Armdruckduell mit einer jungen Frau. Darunter der Satz: «Lernen von den Besten.»

Das «immense Fachwissen» der ETH, wie Guzzella es nennt, soll nun verstärkt nach aussen getragen werden. Ab Herbst startet die Hochschule ihre ersten Weiterbildungsprogramme im Bereich Cyber Security. Hauptzielgruppe: Informatiker in Firmen, Verwaltungen und der Armee. Sie sollen die Grundlagen im Bereich der Informationssicher- heit erlernen und sich mit aktuellen Ergebnissen aus der Forschung auseinandersetzen.

Swissmem bittet um Fachkräfte

Dazu kommen weitere Angebote, die die ETH in Zusammenarbeit mit der Schweizer Wirtschaft entwickelt hat. Etwa ein neuartiges Angebot im Bereich Werkstoffe und Prozesstechnologien. Als Partner wurde der Industrieverband Swissmem zugezogen: «Die Schweiz braucht dringend mehr Fachkräfte in diesem Segment», sagt Präsident Hans Hess. Wie viel und ob der Verband der ETH Geld zur Verfügung stellt, wollte Hess nicht sagen.

Sämtliche Weiterbildungsangebote werden künftig unter dem Namen «School for Continuing Education» gebündelt. Dazu gehören vier Teilbereiche: «Environment, Infrastructure & Architecture», «Technology, Management & Innovation», «Public Policy & Gouvernance» sowie «Health, Life & Natural Science.» «Die Halbwertszeit von Wissen ist in vielen Branchen extrem kurz geworden», sagt Guzzella. Mindestens alle fünf Jahre bräuchten die Angestellten deshalb eine Auffrischung.

Kein Geschäftsmodell

Die ETH folgt mit der Weiterbildungsoffensive einem Trend, der in der Schweiz schon länger besteht. Hochschulen, die im Rekordtempo neue Studiengänge – sogenannte Master of Advanced Studies (MAS) oder Certificates of Advanced Studies (CAS) – schaffen und damit zusätzliche Einnahmen generieren. Die ETH erweiterte dieses Angebot in den letzten fünf Jahren um mehr als 50 Prozent.

Gemäss Guzzella will die ETH damit kein Geld verdienen, sondern den gesetzlichen Leistungsauftrag der Hochschule erfüllen. Das Angebot soll lediglich kostendeckend sein: «Unser Ziel ist es, eine schwarze Null zu schreiben», sagt Guzzella. Der Tarif der Weiterbildungsangebote variiert zwischen 12 000 und 18 000 Franken. Im Vergleich zu den Angeboten anderer Hochschulen ist dies ein verhältnismässig tiefer Betrag.
Martin Sturzenegger

(Tages-Anzeiger)

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