Im Kampf gegen die Konkurs-Mafia

Kriminelle haben jahrelang mit Pleitefirmen Geld verdient. Ein Pensionär brachte über 120 Firmen in den Konkurs – nun wurde er verurteilt.

Falsche Konkurse gibt es gerade in der Baubranche: Baustelle in Zürich.

Falsche Konkurse gibt es gerade in der Baubranche: Baustelle in Zürich.

(Bild: Keystone)

Ernst Meier@tagesanzeiger

Im vergangenen Jahr kam es in der Schweiz zu 13'000 Firmen und Privatkonkursverfahren. Diese Rekordzahl erstaunt, denn in der Wirtschaft läuft es gut. Vor allem Handwerker werden händeringend gesucht, doch gerade sie sind besonders häufig unter den Konkursen zu finden.

Längst nicht jede Firmenpleite ist auf einen schlechten Geschäftsgang zurückzuführen. So kommt es auch zu «falschen Konkursen», die absichtlich herbeigeführt werden, wie Andrea Höhener, Chefin Ermittlungsabteilung Wirtschaftskriminalität der Kantonspolizei Zürich, erklärt. «Rund um Firmenkonkurse hat sich in den letzten Jahren eine regelrechte kriminelle Branche entwickelt», erklärt sie.

Ein Akteur dieser Szene musste sich gestern vor dem Bezirksgericht Zürich verantworten. Der 67-Jährige wurde von den Ermittlern als Kopf eines kriminellen Netzwerks von Firmen und Mittelsmännern bezeichnet. Diese Darstellung hält der pensionierte Treuhänder für völlig übertrieben, wie er sagt. Während Jahren habe er überschuldeten Gesellschaften geholfen – vorwiegend Kleinstbetrieben aus den Branchen Transport, Reinigung, Bau und Gastronomie. Wie die Anklageschrift zeigt, kamen viele AG- und GmbH-Inhaber aus einem Balkanland. Die Anklage listet 126 Gesellschaften auf, die der Treuhänder zwischen 2010 und 2015 an sogenannte Firmenbestatter weiterreichte. Dabei kümmerte er sich um alle Formalitäten und kassierte zwischen 3000 und 6000 Franken. Rund 500 bis 1500 Franken zahlte er den Firmenbestattern. Diese übernahmen die überschuldete Gesellschaft.

Weiter Waren bestellt

Dabei kam es vor, dass sie die Pleite hinauszögerten und im Namen der Firma weiter Ware bestellten. Um die Spuren zum Ex-Besitzer zu verschleiern und die Kreditwürdigkeit sicherzustellen, wurden auch Name, Zweck und Sitz der Gesellschaft geändert.

Solche Machenschaften seien lange nicht strafrechtlich verfolgt worden, weil man den Vorgängen keine Beachtung geschenkt habe, sagt Andrea Höhener. Dem Betrüger auf die Schliche kam die Kantonspolizei Zürich bei Ermittlungen in einem Drogenfall. Als man herausfand, dass auch mit Pleitefirmen gehandelt wurde und dabei ein volkswirtschaftlicher Schaden von bis zu 1 Milliarde Franken entstanden war, begann die Polizei 2014, das Phänomen mit einer Sonderkommission zu durchleuchten. Heute arbeitet man schweizweit mit den Konkurs- und Handelsregisterämtern zusammen. Die Strafanzeigen haben seither deutlich zugenommen.

Der 67-jährige Treuhänder wurde gestern wegen Anstiftung zur Misswirtschaft verurteilt. Sein Vermittlungshonorar von 189'000 Franken muss er dem Staat abliefern. Von den 22 Monaten Freiheitsstrafe werden ihm 9 Monate Untersuchungshaft angerechnet, der Rest ist bedingt ausgesprochen.

Der Mann schloss einen Deal mit der Staatsanwaltschaft, weshalb das Verfahren verkürzt werden konnte. Er sei heute noch traumatisiert von der Untersuchungshaft, sagt der Pensionär.

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