«Wer weniger konsumiert, hat mehr Spass»

Der britische Wissenschafter Tim Jackson fordert eine Abkehr von der Konsumwut in den Industrieländern. Ökologisch sei diese nicht mehr länger haltbar. Er trat am Symposium der ­Universität St. Gallen auf.

Visionärer Blick: Der britische Wissenschafter Tim Jackson plädiert für weniger Konsum und für mehr soziale Beziehungen.

Visionärer Blick: Der britische Wissenschafter Tim Jackson plädiert für weniger Konsum und für mehr soziale Beziehungen. Bild: Donato Caspari

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Das Schweizervolk wird am 5. Juni über die Einführung eines bedingungslosen Grund­einkommens abstimmen.
Finden Sie als Wachstums­skeptiker dies eine gute Idee?
Tim Jackson: Es ist eine interessante Idee. Sie wird möglicherweise dazu führen, dass das Wachstum gebremst wird. Die Leute könnten beispielsweise eher unattraktive Fabrikjobs ablehnen, wodurch die Produktivität sinkt. Höchstwahrscheinlich wird das Grundeinkommen zu einer grösseren Gleichheit führen. Wenn die Einkommen gleichmässiger verteilt sind, braucht man weniger materielle Dinge, um seinen Status zu markieren. Das senkt den Ressourcenverschleiss. Zudem kann dieses Modell viel Kreativität freisetzen.

Viele Ökonomen beurteilen die Idee kritisch, weil man Geld
ohne Gegenleistung erhält.
Auch ich sehe, dass ein unbedingtes Grundeinkommen auch Nachteile hat. Beispielsweise sendet es das Signal aus, dass die Gesellschaft keine Gegenleistung für das Grundeinkommen erwartet. Sie sagt, dass es ihr egal ist, ob man zu Hause auf dem Sofa liegt, Computergames spielt und zu viel Bier trinkt oder ob man etwas Nützliches tut. Ich fände es besser, wenn man das Grundeinkommen an gewisse Bedingungen knüpfen würde. Der Staat würde so den Bürgern klar­machen, dass es nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten gibt.

Wenn Sie ein Schweizer wären, würden Sie Ja oder Nein in die Urne legen?
Ich würde Ja stimmen. Auch weil das Grundeinkommen eine Anerkennung für Haus- und Pflegearbeit darstellt, die heute nicht entschädigt werden. Das sind extrem wichtige Leistungen.

Sie haben ein Buch mit dem Titel «Wohlstand ohne Wachstum» geschrieben, in dem Sie sich sehr kritisch mit dem Wachstumsglauben auseinandersetzen. Was ist denn so schlecht an Wachstum?
Zunehmender Wohlstand ist nicht gleich Wachstum. Zufälligerweise kann es das Gleiche sein. Wohlstand hängt nicht nur vom Einkommen ab, sondern beispielsweise auch stark von der Qualität der sozialen Beziehungen oder von der Möglichkeit, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Entscheidend ist, ein anständiger Bürger in einer anständigen Gesellschaft zu sein. Meine Botschaft ist: Wer weniger konsumiert, hat ein besseres Leben. Oder anders formuliert: Mit weniger materiellen Gütern hat man mehr Spass.

Doch jeder will das neuste iPhone – auch wenn das alte noch perfekt läuft.
In unserer Gesellschaft stehen tatsächlich materielle Dinge im Zentrum. Sie spielen eine zentrale Rolle im sozialen Leben. Wir kaufen ein modernes Gerät und wollen damit zeigen, dass wir am gesellschaftlichen Leben teilhaben, und unseren Status markieren. Bei Jugendlichen zeigt sich dies besonders ausgeprägt: Das wichtigste Gesprächsthema ist, wer welches Smartphone hat. Mit ihrem Gerät zeigen die Jungen, dass sie dazugehören, dass sie aktiv sind und dass ihre Eltern über genügend Einkommen verfügen. Wir alle – und nicht nur die ­Jugendlichen – brauchen Konsumgüter als symbolische Sprache. Damit kann man sehr erfolgreich sein. Zumindest vordergründig.

Wie meinen Sie das?
Der Misserfolg dieser Entwicklung ist programmiert: Schon morgen ist das neue iPhone nicht mehr das neuste Gerät. Und jeder spürt, dass immer mehr ­ma­terielle Dinge uns nicht wirklich befriedigen. Weil letzten ­Endes für den Menschen der Austausch mit anderen Menschen viel wichtiger ist als Materielles. In einem Süsswarenladen wird niemand glücklich. Und es zeigt sich zudem immer klarer, dass diese Lebensweise nicht nachhaltig ist. Der weltweite Verschleiss an Ressourcen ist viel zu gross. Der Prozess führt zu einer Selbstzerstörung der Menschheit.

Was wird das Wachstum stärker bremsen: die Tatsache, dass Öl und die Rohstoffe irgendeinmal verbraucht sein werden, oder der Klimawandel?
Wir wissen nicht genau, wie lange es dauern wird, bis die Rohstoffe aufgebraucht sein werden. Prognosen in Bezug auf den Zeitpunkt sind riskant. Das wissen wir seit den Prognosen des Club of Rome, der in den Siebzigerjahren ­voraussagte, dass bis zum Jahr 2000 viele Rohstoffe aufgebraucht sein werden. In Bezug auf den Zeitpunkt lag der Club of Rome falsch. Aber mit seiner Grundaussage hatte er recht: Die Rohstoffe werden zur Neige ­gehen.

Im aktuell rekordtiefen Ölpreis widerspiegelt sich dies derzeit überhaupt nicht.
Der tiefe Ölpreis zeigt nicht, dass wir noch über Generationen Ölressourcen zur Verfügung haben werden. Er ist die Folge davon, dass vor allem in den USA kleinere Ölvorkommen angezapft werden. Doch die Unternehmen, die dies tun, rentieren kaum. Auch beim Öl werden wir in einigen Jahrzehnten den Punkt der maximalen Produktion erreichen. Danach ändert die ganze Dynamik: Es wird immer teurer werden, die verbleibenden Ressourcen auszubeuten.

Und wie dringend ist ein Wandel der Wirtschaft angesichts des Klimawandels?
Das Klimaabkommen von Paris ist im Prinzip ein ausserordent­liches Abkommen. Es setzt das Ziel, dass die globale Temperatur im Durchschnitt um maximal 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit steigen soll. Das heisst, wir dürfen weltweit insgesamt noch maximal 240 Milliarden Tonnen CO2 ausstossen. Doch der jährliche Ausstoss liegt bereits bei 40 Milliarden Tonnen. Dies zeigt, dass wir den Ausstoss sehr rasch senken müssen, wenn wir das 1,5-Grad-Ziel erreichen wollen. Doch die meisten Länder haben keinen Plan, wie sie dieses Ziel ­erreichen ­wollen.

Dann haben die Politiker in Paris einfach leere Versprechen abgegeben?
Offenbar wollen die Machthaber die Mathematik, die ihren Versprechen zugrunde liegt, nicht verstehen.

Die Reduktion des CO2-Ausstosses führt zu Kosten und Einschränkungen für die Bürger. Doch die Politiker wollen ­wiedergewählt werden.
Genau. Und dennoch haben einige Länder längerfristige Pläne für eine drastische Reduktion des CO2-Ausstosses erarbeitet. Mein Land Grossbritannien gilt nicht gerade als Vorreiter in Sachen Ökologie. Doch das Parlament hat ein Gesetz verabschiedet, das eine kontinuierliche Senkung des CO2-Ausstosses verlangt. Dies zeigt, dass es durchaus einen institutionellen Weg dafür gibt, eine Senkung zu erreichen.

Was bedeutet die Senkung des CO2-Ausstosses für die Bürger?
Die genauen Folgen lassen sich derzeit noch nicht genau abschätzen. Aber ein Umbau der Wirtschaft wird notwendig sein. Die Produktion von Gütern wird an Bedeutung verlieren, und Dienstleistungen werden wichtiger werden. In den Bereichen Pflege, Bildung, Handwerk, ­Museen und Pärke gibt es viel Wachstumspotenzial. In diesen Sektoren können viele Arbeitsplätze entstehen.

Dann müssen Sie aber auch den Konsumenten umerziehen, dass er einen Sprachkurs besucht, statt sich ein neues Smartphone zu kaufen.
Das haben wir schon einmal gemacht: Nach dem Zweiten Weltkrieg haben Marketingleute, Werber, die Medien, aber auch die Regierungen, die Arbeitsplätze schaffen wollten, den Konsumenten geschaffen. Damit hat man bestimmte Bedürfnisse der Menschen sehr gut befriedigt. Eine gewisse Konsumlust ist in jedem Menschen vorhanden. Doch der Mensch ist viel mehr als einfach ein Konsument. Er ist viel komplexer und hat noch ganz andere Bedürfnisse. Zum Beispiel der Austausch mit anderen Menschen, das Ausleben von Kreativität und das Spielen mit Kindern. Alle diese Bedürfnisse wurden in der Konsumgesellschaft an den Rand gedrängt.

Viele Unternehmen werden aber dagegen sein, dass sich die ­Gesellschaft in diese Richtung entwickelt.
Es wird natürlich Widerstand ­geben. Von den Unternehmen, aber auch von den Regierungen. Aber ich denke, es gibt auch grosse Chancen für neue Geschäfts­modelle.

Sind Sie mit Ihren Thesen ein Outsider unter den Wirtschaftsprofessoren.
Ich vertrete nicht die gängige Lehrmeinung. Aber ich habe den Eindruck, dass meine Kollegen meine Stimme immer mehr als diejenige eines interessanten Outsiders wahrnehmen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 14.05.2016, 10:48 Uhr

Die Gegenthese

Danny Leipziger gehört zur Mehrheit der Wirtschaftswissenschafter, die Wachstum für ein wichtiges Mittel dafür halten, den Wohlstand zu verbessern: «Für einen Paraguayer, der vielleicht mit 1000 Dollar im Jahr lebt, ist es weit hergeholt, wenn man ihm sagt, er soll künftig mehr Freizeit statt mehr Einkommen haben», sagt das langjährige Kadermitglied der Weltbank. «Die Reduktion der Armut ist in vielen Ländern immer noch eine Notwendigkeit», betont er. Es werde nicht möglich sein, ohne Wachstum den Lebensstandard in diesen Ländern zu steigern. Entscheidende Faktoren für eine erfolgreiche Entwicklung eines Landes seien Investitionen in die Infrastruktur und die Bildung, eine visionäre Regierung, eine effiziente, nicht korrupte Bürokratie und eine Exportorientierung der Wirtschaft.sny

Zur Person

Tim Jackson ist Professor für nachhaltige Entwicklung an der Universität Surrey im Südosten Englands. Der 58-Jährige studierte ­Mathematik, Philosophie und Physik. Seine Erkenntnisse hat er im 2012 erschienenen Buch «Wohlstand ­ohne Wachstum» zusammengefasst. Jackson trat am St.-Gallen-Symposium auf. Dabei handelt es um eine zweitägige Veranstaltung, die von Studenten der Uni organisiert wird. 2000 Teilnehmer aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft waren dabei.sny

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