Jetzt kommt der Einheits-Bancomat

Die Banken vereinheitlichen ihr Netz der Geldautomaten. Dadurch sparen sie viel Geld.

Künftig werden die meisten Bancomaten dieselbe Benutzeroberfläche aufweisen. Foto: Urs Jaudas

Künftig werden die meisten Bancomaten dieselbe Benutzeroberfläche aufweisen. Foto: Urs Jaudas

Jorgos Brouzos@jorgosbrouzos

Roger wurde bereits ausgemustert. Der Roboter hat seine Arbeit getan. Er stand in den vergangenen Monaten beim Finanzdienstleister Six im Dauer­einsatz. Im Akkord testete er unterschiedliche Bancomaten verschiedener Geldhäuser. So überprüfte er, ob die Maschinen auch nach dem Wechsel auf die neue Software von Six noch verlässlich funktionierten. Bis Ende 2019 sollen über 6000 Schweizer Bancomaten mit einer einzigen Software ausgerüstet sein, heisst es bei Six. Bislang gab es 26 verschiedene Softwarelösungen und vier verschiedene Liefer­anten von Bancomaten.

Zu den ersten Instituten, die umsteigen, gehören die UBS, die Credit Suisse und Raiffeisen. Möglichst viele sollen folgen. Nur Postfinance ist mit ihren rund 1000 Automaten derzeit nicht Teil des Projekts. Die Banken führen nun die Software ein. Zurzeit ist etwa die Hälfte des Automatennetzes der Credit Suisse auf die neue Software umgestellt, so eine Sprecherin. Bis Ende Jahr werde der Wechsel fast komplett sein. Bei der UBS laufen rund 10 Prozent der Automaten mit der neuen Software. Bei Raiffeisen, der Bank mit den meisten Geldautomaten in der Schweiz, sei die Testphase im Gang. Wann weitere Banken umsteigen, gibt Six nicht bekannt.

Für die Banken ist der Geldautomat eine Dienstleistung, die sich immer weniger lohnt. Schweizer bezahlen öfter mit der Karte, die Geldbezüge an den Automaten gehen zurück, dies zeigen Daten der Schweizerischen Nationalbank. Gab es 2015 durchschnittlich mehr als 11 Millionen Bezüge pro Monat, waren es 2017 schon 10 Prozent weniger. In den ersten Monaten dieses Jahres sind die Werte noch einmal gesunken. Die dabei bezogenen Beträge bleiben in etwa gleich. Im Schnitt werden etwa 220 Franken pro Transaktion abgehoben.

Sinkende Anzahl Geräte

Obwohl die Bezüge rückläufig sind, stieg in den letzten Jahren die Zahl der Bancomaten an. Doch scheint nun auch dort der Trend in die andere Richtung zu gehen. Die sinkende Anzahl der Bancomaten verdeutlicht für Andreas Dietrich, Professor am Institut für Finanzdienstleistungen in Luzern, einen Wendepunkt. «Das Zahlverhalten ändert sich, das Bargeld beginnt in der Schweiz langsam an Bedeutung zu verlieren.»

Der Rückgang der Transaktionen an den Geldautomaten ist ein Problem für die Banken. Denn je mehr Geldbezüge an den Maschinen ablaufen, desto mehr Umsatz generiert das Institut mit ihnen. Es lohnt sich, wenn Kunden von anderen Banken Bargeld beziehen. Je nach Institut werden dann 2 Franken Gebühren fällig. Die Banken verrechnen sich die Fremdbezüge gegenseitig, eine kleine Marge bleibt für sie dabei aber oft übrig.

«Mit dieser vereinheitlichten Lösung profitieren die Banken dank der Standardisierung von substanziellen Kosteneinsparungen.»Six

An einem guten Standort generiert eine Bank ein Einkommen von durchschnittlich 30 Rappen pro Transaktion, heisst es in der Branche. Laufen zu wenig Transaktionen ab, weil der Geldautomat an einem wenig frequentierten Ort steht, kostet er aber Geld. Der Finanzdienstleister Six, der auch die Schweizer Börse betreibt, soll das ändern. «Mit dieser vereinheitlichten Lösung profitieren die Banken dank der Standardisierung von substanziellen Kosteneinsparungen», so ein Sprecher von Six.

Von den Einsparungen dürften die Bankkunden aber wenig haben. Denn die Kosten für Bargeldbezüge werden sich vorerst nicht ändern. Bei Raiffeisen heisst es, dass die Preiskonditionen unverändert bleiben. Für Kunden der Genossenschaftsbank sind die ersten zwölf Bargeldbezüge an Fremdbancomaten in der Schweiz gratis, jeder weitere kostet 2 Franken. Bei den Grossbanken sind die Bezüge an Fremdautomaten für Kunden, die ein Dienstleistungspaket haben, über die Jahresgebühr abgegolten. Daran soll sich nichts ändern.

Die Kosten für Bargeldbezüge am Geldautomaten sind laut André Bähler, Leiter Politik und Wirtschaft bei der Stiftung für Konsumentenschutz, aber immer wieder ein Thema bei der Beratungs­stelle. Viele Konsumenten forderten, dass der Aufschlag für Bargeldbezüge gesenkt oder ganz abgeschafft wird. Zudem seien die Gebühren­modelle für viele Bankkunden intransparent.

Ständig steigende Gebühren

Bähler bemängelt, dass die Bankgebühren in der Schweiz in den letzten 15 Jahren deutlich angestiegen seien. «Dass nun Einsparungen beim Bancomatennetz nicht an die Kunden weitergegeben werden, passt leider zu diesem Trend», so der Konsumentenschützer. Er fordert die Finanzinstitute daher auf, auf die Kunden zuzugehen, und empfiehlt den Konsumenten, bei der Auswahl der Hausbank auch darauf zu achten, dass sie in der Nähe ihrer Wohnung oder ihres Arbeitsplatzes gratis Bargeld beziehen können.

Zwar werden die Kunden aufgrund der Umstellung kaum sparen, sie erhalten aber neue Funktionen. Das Erscheinungsbild der Automaten wird nach Umrüstung bei den teilnehmenden Banken gleich sein. Die Kunden werden daher eine andere Benutzeroberfläche mit neuen Eigenschaften vorfinden. So soll es möglich sein, bei Geldbezügen und -einzahlungen das Belastungs- respektive das Gutschrift-Konto zu wählen. Neu wird man auch den Bargeldbezug in einer Smartphone-App vorbereiten können. Das Handy zeigt dann einen QR-Code an, den man am Bancomaten einliest.So kommt man schneller an sein Geld. Den Bargeldbezug per QR-Code erachtet Andreas Dietrich vom Luzerner Institut für Finanzdienstleistungen als spannende Idee. Es werde aber einige Zeit brauchen, bis die neue Technologie von den Konsumenten angenommen werde, ergänzt der Fachmann.

Basis für weitere Leistungen

Die einheitliche Software soll zudem die Basis für weitere Dienstleistungen von Six sein. Dazu zählt die Kontrolle der Automaten durch den Finanzdienstleister. So kann dieser feststellen, ob eine Karte klemmt oder der Maschine bald das Geld ausgeht. «Wir rechnen mit gut 3000 Automaten, die wir bis Ende 2018 überwachen», so ein Sprecher.

Six bietet den Banken auch an, das ganze Automatennetz zu bewirtschaften. Die Firma würde die Noten einfüllen und die Maschinen warten. Six würde sogar über die Standorte mitentscheiden und von der Installation bis zur Entsorgung der Geräte einen Rundumservice bieten.

Offenbar stellt man beim Finanzdienstleister noch weitere Überlegungen an. Würden viele Banken ihre Geldautomaten an den Finanzdienstleister auslagern, könnte dieser das Netz vereinheitlichen und straffen. An Plätzen, wo heute zwei oder drei Bancomaten von verschiedenen Instituten stehen, wäre dann nur noch einer zu finden. Die Bancomaten wären dann äusserlich neutral gehalten – erst wenn der Kunde seine Karte einführen würde, erschiene das ihm bekannte Design seiner Hausbank.

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