Eine Steuer, die Vermögenden wehtut

Steuern tun zwar immer weh. Als deutlich schmerzhafter als die Ein­kommenssteuern werden aber die Vermögenssteuern empfunden. Es wird deshalb auch mehr Aufwand be­trieben, diese zu vermeiden.

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Man reibt sich die Augen. Ausgerechnet im angeblichen Steuerparadies Schweiz zahlt man am meisten Steuern, Vermögenssteuern, genauer gesagt. Die Vermögenssteuer trägt zwar bloss ­etwa 3,5 Prozent zu den Steuereinnahmen unseres Landes bei, mit diesem Wert liegt es aber unter OECD-Ländern klar an der Spitze (siehe Tabelle rechts).

Die Schweiz liegt auch ziemlich quer zum internationalen Trend: Viele Industrienationen, darunter Deutschland, Italien und Österreich, haben die Vermögenssteuer im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte abgeschafft. Mitte Oktober zog auch die französische Nationalversammlung nach. Und das mit gutem Grund, wie die beiden Ökonomen Marius Brülhart (Uni Lausanne) und Kurt Schmidheiny (Uni Basel) in einer Studie nachweisen. Denn auf Veränderungen der Vermögenssteuern reagieren Steuerzahler doppelt so heftig wie auf Veränderungen der Einkommenssteuer.

Klares Resultat

Die Auswertung von Daten aus ­allen Schweizer Kantonen und aus den Gemeinden des Kantons Bern geben ein klares Resultat: «Eine Anhebung des Vermögenssteuersatzes um einen Promillepunkt reduziert den Umfang der ausgewiesenen Vermögen um ungefähr 3 Prozent. Damit ist die Wirkung (in der Fachsprache Elastizität) der Vermögenssteuer im Vergleich zur Einkommenssteuer mindestens doppelt so gross», haben die beiden Öko­nomen festgestellt. Oder mit andern Worten: Vermögen respektive deren Inhaber reagieren auf Steuern deutlich empfindlicher als Einkommensbezüger.

Wie genau aber reagieren die Vermögenden auf Steuerunterschiede? Am gravierendsten für einen Kanton oder eine Ge­meinde ist, wenn ein Steuerzahler wegen höherer Vermögenssteuern weniger arbeitet oder den Wohnort wechselt. Wenn die Reaktionen dagegen rein buchhalterischer Natur sind, schmälern Vermögenssteuern zwar die steuerbaren Vermögen, nicht aber die tatsächliche wirtschaftliche Leistung. Ein Beispiel dafür ist die Umschichtung von Ver­mögen in steuerbefreite Anlageformen. Das Vermögen kann aber auch verschenkt, hinterzogen oder schlicht konsumiert werden.

Bern: Kaum Wohnortswechsel

Individualdaten aus dem Kanton Bern zeigen: «Insbesondere legt dieses Resultat den Schluss nahe, dass im Bereich der Vermögenssteuern nicht von wirklichem Steuerwettbewerb die Rede sein kann», erklären Brülhart und Schmidheiny. Allerdings habe es in der untersuchten Zeitperiode nur geringfügige Veränderungen der Vermögenssteuersätze in den Berner Gemeinden gegeben. Die viel grösseren Veränderungen zwischen den Schweizer Kantonen könnten deshalb durchaus zu Wohnortwechseln geführt haben. Aufgrund der Datenlage könnten hier aber keine Aus­sagen gemacht werden.

Rote Linie: Freigrenze

Wenn nicht mit Wohnortswechsel, wie reagieren die Vermögenden dann auf höhere Vermögenssteuern? Einerseits gibt es die ­erwähnte Umschichtung in steuerbefreite Anlageformen. Sie machen 43 Prozent der gesamten Vermögen aus. Solche Optimierungen sind beispielsweise möglich durch Verschiebungen zwischen Firmen- und Privat­vermögen, mittels Einzahlungen in die steuerbefreite Altersvorsorge 2a und 3a oder schlicht und einfach durch simple Nichtde­klaration. Anderseits stellten Brülhart und Schmidheiny eine «Bündelung» der ausgewiesenen Vermögen unterhalb der Steuerfreigrenze fest. Logischer Schluss der beiden Ökonomen: Viele Steuerzahler scheinen bewusst und mit Erfolg ein steuerbares Vermögen knapp unterhalb der steuerfreien Limite anzupeilen.

Zusammengefasst deuten die Befunde der Studie darauf hin, dass die festgestellte Steuer­empfindlichkeit der ausgewie­senen Vermögen stärker auf ­Konsumentscheide und buch­halterische Optimierungen zurückzuführen ist als auf Wohnortswechsel. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.11.2017, 16:28 Uhr

Schädliche Steuer?

Ein zentrales Kriterium bei der Bewertung der meisten Steuer­arten ist, wie stark sie das Ver­halten der Steuerzahler be­einflussen. Einfach gesagt, ist eine Steuer weniger wünschbar, wenn die Steuerzahler empfindlicher («elastischer») auf sie reagieren. Zudem ist eine Steuer umso schädlicher, je stärker solche Reaktionen nicht nur buchhalterischer Art sind, sondern die tatsächliche wirtschaft­liche Leistung beeinflussen. Vermögenssteuern sind also vor allem dann schädlich, wenn sie die Steuerzahler zum Wohnortswechsel oder dazu veranlassen, weniger zu arbeiten. Wie im Privat- gilt auch im Unternehmenssektor die Kapital- und Vermögenssteuer als ineffizient. Der Bund hat sie deshalb in den 90er-Jahren abgeschafft, nicht so die Kantone. In Deutschland gilt sie als überholt. Das Bundesverfassungsgericht hat sie als verfassungswidrig erklärt. fg

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