Der Run auf die Tausendernoten

Hintergrund

Angst und tiefe Zinsen lassen den Schweizer Bargeldbedarf emporschnellen. Neue Zahlen zeigen, dass die Menge von Franken-Papiergeld schneller wächst als diejenige jeder anderen Währung.

Simon Schmid@schmid_simon

Innerhalb eines Jahres hat sich der Notenumlauf von Schweizer Franken um 13 Prozent erhöht: Dies schreibt die Researchabteilung der UBS in einem Bericht, den sie basierend auf Zahlen der SNB und weiteren Notenbanken erstellt hat. Die Daten zeigen, dass Frankennoten als Wertaufbewahrungsmittel beliebter sind denn je. Pro Schweizer Einwohner sind aktuell 6900 Franken Bargeld im Umlauf. Das ist umgerechnet mehr als doppelt so viel wie in den USA – dem Land, das nach wie vor die wichtigste Reservewährung der Welt stellt. Nur in Japan zirkuliert pro Kopf mit umgerechnet 7500 Franken noch mehr Bargeld.

Obwohl «zirkulieren» wohl nicht ganz das richtige Wort ist. Grosse Teile der neu gedruckten Hunderter-, Zweihunderter- und Tausendernoten werden von Anlegern im Tresor gehortet. Dies aus zweierlei Gründen. Einerseits ist der Nutzen gering, Geld auf der Bank zu deponieren: Auf dem Giro- oder Sparkonto bringt das Geld wenig Zinsen ein. Laut UBS sind es derzeit je rund 0,15 respektive 0,3 Prozent. Auch die Geldanlage auf dem Finanzmarkt ist wenig lukrativ. Bei Eidgenössischen Anleihen mit einer Laufzeit von bis zu vier Jahren liegen die Zinsen sogar im negativen Bereich. Andererseits scheuen Anleger das Risiko: Wenn das Geld schon kaum Ertrag abwirft, so will es immerhin zu hundert Prozent sicher aufbewahrt sein.

Nur Singapur hat wertvollere Banknoten

«Bargeld zu halten, ist immer eine Preisfrage», erklärt Ökonom und Berichtsautor Caesar Lack. Die Sicherheit von Banknoten wird von der Nationalbank garantiert. Bei allen anderen Arten von Geld besteht die Gefahr, dass die Gegenpartei ihren Verpflichtungen nicht nachkommen kann. Inexistent beim Bargeld ist etwa das Risiko, dass eine Depotbank plötzlich zusammenbricht. «Kleinanleger, aber auch professionelle Investoren halten vermehrt Vermögensanteile in Banknoten», sagt Lack. Der deutlichste Zuwachs an Bargeld findet sich bei Tausendernoten, deren Anzahl innert Jahresfrist um über 16 Prozent gestiegen ist. Auch die Anzahl Hunderternoten wuchs zuletzt überdurchschnittlich stark an.

Die Auswertung zeigt, dass der Schweizer Bargeldumlauf unter allen wichtigen Währungen in den vergangenen zwölf Monaten am stärksten zugenommen hat. Das liegt zum einen am Status des Frankens als sicherem Hafen und an der Fälschungssicherheit des von der SNB bedruckten Papiers: Nur jede millionste Tausendernote wurde im vergangenen Jahr als Fälschung entlarvt. Schweizer Franken werden etwa viermal weniger oft gefälscht als Euros. Andererseits gibt es weltweit nur eine einzige Note, die mehr Wert hat als der violette Franken-Tausender: Es ist die 10'000-Dollar-Note aus Singapur, deren Wert umgerechnet bei 7700 Franken liegt. Aus dem Bericht der UBS geht hervor, dass auch der Singapur-Dollar im letzten Jahr öfter in Bargeldform genutzt wird.

Zahlen die Schweizer bald mit Zehntausendernoten?

«Das dürfte auch am starken Wirtschaftswachstum in Singapur liegen», sagt UBS-Ökonom Caesar Lack. Interessant ist auch das Gegenbeispiel Schweden. Obwohl die Krone im Zuge der Eurokrise eine Aufwertung erfuhr, nimmt der Status des Bargelds in der skandinavischen Wirtschaft laufend ab. Schweden setzt ganz auf bargeldloses Zahlen: Kreditkarten, Smartphones und SMS werden immer häufiger für Transaktionen genutzt; in den Bussen und Strassenbahnen vieler Städte wird Bargeld bereits nicht mehr als Zahlungsmittel akzeptiert. Geld abheben und bündelweise unter der Matratze verstecken? Auch in Norwegen deuten die Daten auf nichts dergleichen hin.

Zudem ist ein anderer Faktor in Skandinavien absent: Es ist die Geldpolitik der SNB, die vor etwas über einem Jahr ein Limit für den Wert der Fluchtwährung Franken festsetzte. Seither erhalten Anleger von der Nationalbank für einen Euro mindestens 1.20 Franken. Durch die Intervention der SNB und deren Vorbereitung im Juli 2011 wurde reichlich Frankenliquidität geschaffen, was zu einem Rückgang des Zinsniveaus führte. Sowohl Banken als auch Grosskonzerne aus dem In- und Ausland mit Konto bei der SNB weiteten ab diesem Zeitpunkt ihre Guthaben bei der Nationalbank aus. Anlegern und Unternehmen mit ähnlichen Absichten zur Haltung von Notenbankgeld – aber ohne entsprechendes SNB-Konto – blieb als Ausweichmöglichkeit einzig die Haltung von Cash.

«Der Trend zum Bargeld dürfte so lange anhalten, wie das Tiefzinsumfeld bestehen bleibt», sagt Caesar Lack. Eine prekäre Situation dürfte nach seiner Einschätzung eintreten, sollte sich die SNB zur Einführung von Negativzinsen auf ihre Giroguthaben entscheiden. Eine solche Massnahme zur Schwächung des Frankens ist laut Lack nicht ausgeschlossen. Dann könnte die Notennachfrage explodieren, so der Volkswirt – und die SNB könnte sogar in Lieferschwierigkeiten kommen. Der Wert einer Banknote könnte unter diesen Umständen sogar die Zahl übersteigen, mit der sie bedruckt ist. Und die Nationalbank müsste sich dann vielleicht sogar überlegen, neue Banknoten mit noch höherem Wert auszugeben.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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