«Das ist definitiv keine Blase»

Interview

Warum kein Ende des Börsenrallys in Sicht ist, wie hoch der SMI noch steigt – und warum der Schweizer Finanzplatz gar nicht so schlecht dasteht: Vermögensverwalter Alfred Strebel im Interview.

«Wie ein kranker Patient, der auf dem Operationstisch lag»: Broker in einer portugiesischen Bank.

«Wie ein kranker Patient, der auf dem Operationstisch lag»: Broker in einer portugiesischen Bank.

(Bild: Keystone)

Simon Schmid@schmid_simon

Am heutigen Tag sind die Börsen etwas ruhiger gestartet. Doch in den letzten Wochen spielte sich ein wahres Feuerwerk ab: Seit Anfang Jahr ist der SMI von 6800 auf 7800 Punkte gestiegen, der Dow Jones steht mit 14'539 Punkten auf einem Allzeithoch. Täglich spekulieren auch deutsche Wirtschaftsmedien, auf welchen Stand der DAX wieder klettern wird. Gestern stieg der Nikkei auf ein Viereinhalbjahreshoch.

Was ist dran an diesem Boom – und wie besorgniserregend ist es, dass die Börse ungeachtet der realwirtschaftlichen Entwicklung die Rekorde am Laufband knackt? Alfred Strebel, Schweiz-Chef des Vermögensverwalters Fidelity, sieht in der aktuellen Lage deutlich mehr Licht als Schatten.

Herr Strebel, bauscht sich an den Börsen eigentlich eine gigantische Blase auf? Das ist definitiv keine Blase. Es ist einfach so, dass Investoren ihr geparktes Bargeld jetzt wieder investieren. Von Banken wissen wir, dass Kunden noch letztes Jahr bis zu 40 Prozent in Cash hielten. Nun fliesst dieses Geld wieder in die Märkte.

Dieser Sinneswandel wirkt geradezu irrational. Die Baissen von 2003 und 2007/08 lagen vielen Anlegern noch tief in den Knochen. Kombiniert mit den Problemen auf der Länderebene – Italien, Spanien, Griechenland – führte dies bis Mitte 2012 zu einer verheerend negativen Marktpsychologie. Vom anschliessenden Boom waren auch viele Profi-Investoren überrascht.

Nun stehen Indizes wie der Dow Jones wieder auf dem Niveau, dass sie unmittelbar vor der Finanzkrise hatten. Das hat schon seine Berechtigung, denn die Bewertungen der Unternehmen sind noch nicht exorbitant. Was in den letzten Jahren vergessen ging, war, dass es den Gesellschaften gar nicht so schlecht lief. Auch bei der Konjunktur ist der Tiefpunkt nun überstanden, die Vorlaufindikatoren zeigen nach oben.

Trotzdem: Der Normalbürger sagt sich, da kann doch etwas nicht stimmen. Fakt ist, dass die massive Injektion von Kapital seitens der Notenbanken nun langsam greift. Wie ein kranker Patient, der auf dem Operationstisch lag, hat man die Weltwirtschaft stabilisiert und zu neuem Leben erweckt. Man kann die Börse in diesem Sinn selbst als Vorlaufindikator für die Wirtschaft betrachten.

Es gibt Analysten, die aktuell von einem «Meltup»-Szenario sprechen – und in ein paar Jahren den grossen «Meltdown» prognostizieren. Es gibt immer Stimmen, die irgendwas voraussagen. Gewisse Sorgen sind schon berechtigt. Würde zum Beispiel in Frankreich etwas schiefgehen und das Land müsste um Hilfe aus Deutschland anfragen, dann wird es ernst. Doch das Hauptszenario bleibt: Europa wächst, wenn auch langsamer als die USA und Asien. Und viele Anleger, die lange unterinvestiert waren, kommen nun unter Druck.

Wie hoch steigt der SMI noch? Im Vergleich zu anderen Börsen ist die Schweiz nicht der günstigste Markt. Gerade in der Krise wurden qualitativ hochstehende Unternehmen wie Roche mit einer Bewertungsprämie belohnt. Aktuell steht der SMI bei rund 7850 Punkten, der Höchststand liegt bei 9210. Zehn Prozent liegen meiner Ansicht nach noch drin – das wären dann 8630 Zähler. Stärker aufwärts geht es jedoch in den USA, nach einer Verschnaufpause auch in Japan, in den Schwellenländern und in China.

Müsste man langfristig gesehen nicht gerade jetzt in Europa investieren? Bis die strukturellen Probleme gelöst sind, dauert es noch einige Zeit. Über die nächsten fünf bis zehn Jahre würde ich Europa höchstens neutral gewichten. Was aber nicht heisst, dass in Europa kein Geld verdient werden kann.

Das heisst? Im aktuellen Umfeld geht es ums «Stockpicking»: Gute Unternehmen haben Erfolg, die schlechten Gesellschaften erhalten Probleme. Auch in Italien oder Frankreich gibt es starke Firmen. Insgesamt gingen die Märkte auf dem Kontinent rund 20 Prozent hoch. Manche Fonds machten in dieser Zeit in Europa aber 30 Prozent Rendite.

Hoch im Kurs sind aber gerade die passiv gemanagten ETFs – wegen der tiefen Gebühren und der höheren Sicherheit. Im Index, auf den sich ein ETF vielfach bezieht, ist einfach alles drin. Für die europäischen Unternehmen gilt aber: Die Spreu wird sich vom Weizen trennen. Um diese Unterschiede auszunutzen, braucht es aktive Manager. Manche Investoren haben dies realisiert. Man sieht es auch an den Schweizer Banken: In der Vermögensverwaltung laufen die Geschäfte wieder besser, die Margen weiten sich aus.

Dies klingt erstaunlich, angesichts der Probleme am Bankenplatz. Man ist zuletzt stark auf die Kostenbremse gestanden. Nun zieht die Kundenaktivität wieder an, das schenkt ein. Global gesehen fliessen den Schweizer Banken Gelder zu. Swiss Private Banking ist nach wie vor sehr angesehen, das Service-Level ist hoch.

Höher als in anderen Ländern? Letzte Woche wollte ich in Südafrika tausend Franken in Rand wechseln – bei einer ausländischen Geschäftsbank. Ich musste dafür 25 Minuten warten, 3 Belege unterschreiben, es wurden 10 Kopien angefertigt. Von solchen Verhältnissen sind wir in der Schweiz Lichtjahre entfernt. Auch das Hypothekargeschäft ist in der Schweiz sehr speditiv und unkompliziert. Unsere Banken haben gut ausgebildete Mitarbeiter und sind technologisch weit fortgeschritten.

Aber die Konkurrenz schläft nicht. Zum Beispiel im Asset Management, wo starke Anbieter aus den USA oder anderen Industrieländern den Markt dominieren. Konkurrenz gibt es immer und überall. Zum Beispiel in der Gastronomie: Sie werden in Österreich sicher Betriebe finden, die einen exzellenten Service anbieten. Doch das Gros der Betriebe ist auch in der Schweiz sehr gut. Was die Finanzindustrie betrifft, sind drei Dinge wichtig: Der Service, die Performance und der Preis. Bei den letzten beiden Punkten haben die Schweizer Banken noch Defizite wettzumachen.

Ist die Verlagerung ins Internet eine Bedrohung für die Bankentanker? Ich denke nicht. Unter den E-Banking-Anbietern wird es sicher ein oder zwei Gewinner geben. Doch die Grossbanken schlafen auch nicht. Ihr Vorteil ist, dass sie global wachsen können – eine Bank Julius Bär zum Beispiel in Hongkong oder Brasilien. Nur elektronisch wird es meiner Ansicht nach nicht funktionieren: Kundenservice und persönliche Beratung bleiben wichtig. Ein guter Tipp eines Beraters bleibt Gold wert.

Welchen Spielraum haben Bankaktien an der Börse? Mit Titeln wie der UBS oder der Credit Suisse haben sich viele Anleger die Finger verbrannt. Die UBS notiert heute bei 15.50 Franken – sie stand aber auch schon unter 10 Franken. Wer damals kaufte, konnte immerhin 50 Prozent verdienen. Die Bank verdient bereits jetzt wieder viel Geld. Trotz der Kapitalverwässerung, die in der Finanzkrise stattgefunden hat, kann die Aktie in den nächsten drei bis fünf Jahren deutlich zulegen. Eine Kursverdoppelung würde mich nicht überraschen. Allerdings müssten die vielen Gerichtsprozesse, welche die Grossbanken plagen, dann einmal aufhören.

Welche Finanzinstitute werden gestärkt aus der Krise gehen? Banken wie die UBS, Pictet oder Julius Bär gehören zu den Favoriten. Auch eine Partners Group mit ihrer Stärke in Private Equity. Oder die VZ-Bank mit ihrer soliden Arbeit und dem Service am Kunden. Man darf aber nicht vergessen: Im Finanzsektor wird weiter konsolidiert.

Hat der Arbeitsplatzabbau bald sein Ende erreicht? Auf dem Arbeitsmarkt bleibt es noch ein paar Jahre lang sehr hart. Der Abbau von Überkapazitäten, beispielsweise im Investmentbanking, wird den Finanzplatz noch längere Zeit beschäftigen. Zu einem Personalaufbau könnte es frühestens in zwei bis drei Jahren wieder kommen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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