Aktien auch im Alter? Ja, unbedingt

Im Pensionsalter bitte keine Aktien mehr. Das ist zwar nicht gerade ein kategorischer Imperativ, aber ein immer wieder gehörter Rat vieler Anlageexperten. Doch einige legen sich quer: Gerade im Alter Aktien, raten sie.

Gilt dieser skeptische Blick den Aktien? ?Experten empfehlen, auch im Alter auf Dividendenpapiere zu setzen.

Gilt dieser skeptische Blick den Aktien? ?Experten empfehlen, auch im Alter auf Dividendenpapiere zu setzen.

(Bild: Fotolia)

Zum Einmaleins des Anleger­lateins zählt die Empfehlung, das Risiko mit zunehmendem Alter sukzessive zu reduzieren. Zweckmässig sei es, die Aktienquote nach der Formel «100 minus Lebensalter» festzulegen. Doch nicht immer ist, was logisch erscheint, auch zielführend. «Im Gegenteil, diese Regel ist kreuzfalsch», behaupten einige Ex­perten, die sich auf Anlagen im Rentenalter spezialisiert haben.

Pensionäre, die möglichst lange einen Teil ihres Vermögens für den Konsum verwenden wollen, sollten nämlich genau das Gegenteil tun, raten der US-Finanz­professor Wade Pfau, Professor am American College in Bryn Mawr im US-Bundesstaat Philadelphia, und sein Co-Autor Michael Kitces.

Quote erhöhen statt senken

Die Ausgangsfrage ihrer Forschungen: Wie soll ein Pensionär sein Geld auf Aktien und Obligationen aufteilen, wenn er plant, 30 Jahre lang 4 oder 5 Prozent des bei Rentenbeginn vorhandenen Vermögens zu verbrauchen?

Die überraschende Antwort: Angehende Rentner, die 20 bis 40 Prozent Aktien in ihrem Portfolio halten, sollten diese Quote mit fortschreitendem Alter nicht senken, sondern sukzessiv auf 40 bis 80 Prozent ausbauen. Bei dieser Strategie sei nicht nur die Chance am grössten, die Entnahmen über den gesamten Zeitraum vornehmen zu können, sondern auch die Gefahr am geringsten, dass das Vermögen früh aufgebraucht sei.

Begründen lässt sich das verblüffende Resultat damit, dass der Anlageerfolg über einen langen Anlagezeitraum von 30 Jahren mit Aktien deutlich grösser ist als mit Obligationen.

Die grösste Gefahr des traditionellen Vorgehens liege darin, dass Verluste einer frühen Aktienbaisse später mit einer dann niedrigeren Aktienquote fast nicht aufzuholen seien. Ein Fakt, den auch viele Schweizer Pensionskassen in den letzten Jahren immer wieder schmerzlich erfahren haben.

Vorsicht mit Faustregeln

Schweizer Banken zeigen sich gegenüber dieser These eher zurückhaltend. Christian Gattiker, Anlagestratege der Bank Julius Bär, hält es für gefährlich, mit Faustregeln zu operieren. Julius Bär empfehle ebenso wenig eine altersabhängige Aktienquote wie eine nach Geschlecht oder Herkunftsland. Im Wesentlichen hängt die Quote von der Fähigkeit der Kunden ab, Risiken zu nehmen, wie auch vom Willen, Risiken zu tragen.

Nach einer Umfrage der «Finanz und Wirtschaft» wäre eine erdrückende Mehrheit der kommenden Rentner bereit, mehr als 35 Prozent Aktien im Alter von 65 zu halten. Die Fakten sprechen aber eine andere Sprache: Gemäss einer Erhebung der Schweizerischen Nationalbank halten Schweizer Privatanleger derzeit 44 Prozent ihrer Aktiven in Immobilien, 23 Prozent liegen im PK-Vermögen, knapp 20 Prozent sind Cash und nicht einmal 7 Prozent Aktien.

Bei Rentnern dürfte diese bescheidene Quote nochmals tiefer ausfallen. Noch bemerkenswerter: Bei der Jahrtausendwende lag die Aktienquote mit 15 Prozent noch mehr als doppelt so hoch wie heute.

«So magere Aktienquoten sind ganz eindeutig suboptimal», sagt Thomas Braun, Partner des Zürcher Fondsunternehmens Braun, von Wyss & Müller (BWM): «Wer rational handelt, der investiert das für den Ruhestand ange­sparte Vermögen ab der Pensionierung nicht bloss zu 40 bis 80 Prozent, sondern gleich zu 100 Prozent in Aktien.

«Unsere jahrelangen Studien zeigen ein un­umstössliches Resultat: Die beste Lösung ist es, die privaten Vorsorgegelder zu 100 Prozent in ­Aktien zu investieren und das Kapital dann diszipliniert zu verbrauchen.»

Rendite: 5,8 Prozent

Das Fondsunternehmen hat sich intensiv mit dem optimalen Anlageverhalten im Alter auseinandergesetzt. Nach Angaben von Braun enthält die Datenbasis des Unternehmens weltweite Börsen- und Obligationenrenditen sowie Inflationsdaten von 112 Jahren.

Auf Basis dieser Daten rentierten Weltaktien in Franken von 1899 bis 2014 im jährlichen Durchschnitt und nach Berücksichtigung aller Depotbankgebühren, Vermögenssteuern und Einkommenssteuern auf Dividenden beachtliche 5,8 Prozent.

Die langfristige Überlegenheit der Aktien ist der Hauptgrund dafür, dass es sich nach Ansicht der BWM-Experten lohnt, auch nach der Pensionierung hundertprozentig auf diese Anlageklasse zu setzen.

Denn schliesslich beträgt der Anlagehorizont für sehr viele Rentner bei der Pensionierung immer noch 21 Jahre und mehr. In dieser Zeit könnten vor­übergehende Rückschläge an den Aktienmärkten, wie sie immer wieder vorkommen, in aller Regel mehr als nur wettgemacht ­werden.

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