Wenn es sich nicht lohnt, mehr zu arbeiten

Viele möchten mehr verdienen. Doch vom zusätzlichen Franken bleibt manchmal nur wenig übrig. Die Grenzsteuersätze geben darüber Auskunft, ob es sich lohnt, mehr zu arbeiten. Im Kanton Bern sind die Sätze vergleichsweise hoch.

Bild: ESTV

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Noch vor wenigen Jahrzehnten waren die Rollen in der Familie klar verteilt: Der Mann verdiente Geld, die Frau war für Haushalt und Kinderbetreuung zuständig. Seit Männer und Frauen vermehrt Teilzeit arbeiten, stellt sich zunehmend auch die Frage, wieweit es sich lohnt, ein Arbeitspensum zu erhöhen. Denn vom zusätzlich verdienten Geld geht ein stattlicher Teil an den Fiskus. Wer einen Tag weniger arbeitet, verliert umgekehrt weniger, als mit dem Lohn wegfällt, weil auch seine Steuerlast sinkt. Wer sich überlegt, ob er mehr Freizeit oder mehr Lohn will, der erhält mit Grenzsteuersätzen Auskunft über die finanziellen Folgen. Sie sind leicht verständlich: Ein Grenzsteuersatz von beispielsweise 30 Prozent bedeutet, dass von 100 zusätzlich verdienten Franken 30 an den Fiskus abgeliefert werden müssen.

Bern liegt hinten

Im interkantonalen Vergleich der Grenzsteuersätze schneidet der Kanton Bern nicht besonders gut ab. Er rangiert durchwegs im hinteren Drittel – mit einem in der Regel knapp doppelt so hohen Satz wie die Spitzenreiter. Die Grafiken unten beziehen sich auf die Grenzsteuersätze in den Kantonshauptorten (inklusive Bundessteuer) – berechnet nach dem jährlichen Bruttoeinkommen. Daraus ist auch die unterschiedliche Steuerpolitik von Kantonen und Gemeinden ersichtlich: Bei Familien und Alleinerziehenden schneidet beispielsweise Sion im Vergleich wesentlich besser ab als bei den Doppelverdienern – hier werden also Familien gezielt entlastet. Beim Kanton Bern kommen die Schwerpunkte der Steuerpolitik nicht so klar zum Ausdruck.

Ein Vergleich von Grenzsteuersätzen ist zum Beispiel für jüngere Leute interessant, die sich beruflich entwickeln wollen. Bei ihnen steigt das Gehalt von einem Jahr aufs andere öfters beträchtlich. Bei der Wahl des Wohnorts kann es sich lohnen, die Grenzsteuersätze zu vergleichen. Denn je nach Wohnsitz bleibt vom zusätzlichen Einkommen der nächsten Jahre mehr oder weniger übrig.

Mit Kindern wirds teuer

Familien verlieren mit einem grösseren Arbeitspensum teilweise mehr Geld, als sie zusätzlich einnehmen. Das gilt auch für die übrige Schweiz. Die Universität St.Gallen publizierte 2006 eine Studie zu diesem Thema mit dem Titel «Arbeiten lohnt sich nicht – ein zweites Kind noch weniger». Auch die kantonalbernische Fachstelle für die Gleichstellung von Frauen und Männern untersuchte diese Frage. 2009 veröffentlichte sie folgende Schlussfolgerung: Insbesondere in Familien mit zwei Kindern lohne es sich finanziell nicht immer, die Erwerbstätigkeit um einen Arbeitstag zu erhöhen. In bestimmten Konstellationen könne der Zweitverdienst am vierten oder fünften Arbeitstag nach Abzug von Steuern und Kinderbetreuungsausgaben sogar mehr kosten, als er einbringe.

Tatsächlich zeigt ein konkretes Rechenbeispiel, dass sich bei einem mittleren Einkommen und zwei Kindern im Vorschulalter die Arbeit für Berner Eltern bald einmal nicht mehr lohnt, wenn sie ihre Sprösslinge in die Kindertagesstätte geben. Die externen Betreuungskosten eingerechnet, steigt die Grenzbelastung somit auf über 100 Prozent. Das heisst, die Familie zahlt mehr, als sie zusätzlich verdient. Der Grund für den starken Anstieg: Bei den Eltern fallen nicht nur mehr Steuern und zusätzliche Kosten für externe Kinderbetreuung an, auch der Tarif für die Kinderbetreuung steigt. Die Familie zahlt also für einen Tag Betreuung mehr als mit tieferem Einkommen. Dies gemäss dem im Kanton Bern geltenden Tarifsystem. Solche Grenzbelastungen, die zusätzliche Arbeit finanziell bestrafen, sind politisch umstritten. Hier ist von Grenzbelastung die Rede, weil Steuern und Betreuungskosten kombiniert werden.

Optimal Steuern sparen

Lukas Scheidegger, Partner und Leiter Steuer- und Rechtsberatung von PwC Bern, arbeitet unter anderem auch bei Pensionskasseneinkäufen und bei Vermögensanlagen mit Grenzsteuersätzen. So kann Steuern sparen, wer bei der Pensionskasse Lücken hat: Einzahlungen darf der Steuerpflichtige voll abziehen. Wenn er über ein Vermögen verfügt, sollte er jedoch genau prüfen, ob er die gesamte Summe auf einmal oder verteilt über mehrere Jahre in seine Vorsorgeeinrichtung einzahlen will.

Bei sehr hohen Einkommen von beispielsweise 500'000 Franken bringt es laut Scheidegger steuerlich in der Regel nichts, den Pensionskasseneinkauf auf mehrere Jahre zu verteilen. Denn hier sinkt die Grenzsteuerbelastung kaum. Bei mittleren Bruttoeinkommen in Höhe von etwa 130000 Franken sinkt der Grenzsteuersatz hingegen substanziell, wenn der Steuerpflichtige zum Beispiel eine Erbschaft über mehrere Jahre verteilt in die Pensionskasse einzahlt. Dies ist aus der Tabelle mit den Grenzsteuersätzen nach Bruttoeinkommen ersichtlich (Zahlen von der Eidg. Steuerverwaltung). Eine Familie (zwei Kinder) mit 130'000 Franken Bruttoeinkommen senkt den Grenzsteuersatz von 24 auf 12,6 Prozent, wenn sie ein Vermögen von 150'000 Franken in zwei Tranchen in die Pensionskasse einzahlt. Von diesem positiven Effekt profitiert sie zwei Jahre lang. Bei einem Bruttoeinkommen von 500'000 Franken sinkt der Grenzsteuersatz bei zwei Tranchen nur von 39,5 auf 39,2 Prozent (siehe Tabelle).

Welche Geldanlage?

Bei der Wahl von Geldanlagen gibt der Grenzsteuersatz Auskunft darüber, bei welcher Variante unter dem Strich am meisten Rendite winkt. So zum Beispiel bei einem Vergleich zwischen Aktien und Obligationen. Bei Aktien locken vor allem die steuerfreien Kapitalgewinne. Bei Obligationen die steuerpflichtige Zinsrendite. Mit dem Grenzsteuersatz lässt sich berechnen, wie viel von der Rendite nach Steuern übrig bleibt. So ist sehr gut möglich, dass mit einem Kapitalgewinn von 4 Prozent und ohne Dividende unter dem Strich mehr Geld auf dem Konto ist als bei einer Obligation, die zu 5 Prozent verzinst wird, wie Scheidegger erläutert.

Ebenfalls leicht nachvollziehbar geben Grenzsteuersätze darüber Auskunft, ob zum Beispiel eine Erbschaft besser in Wertschriften oder Immobilien angelegt wird. Bei Immobilien kann der Erbe die Grenzsteuern für die Mietzinsen mit einer einfachen Prozentrechnung herausfinden.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 22.02.2011, 10:18 Uhr

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