Südafrikas Goldtaler ist begehrt wie schon lange nicht mehr

In Krisenzeiten steigt die Nachfrage nach dem Krügerrand. Ein Besuch in der Geburtsstätte der Goldmünze vom Kap.

1970 erstmals produziert: Vom Krügerrand wurden bislang 47 Millionen Stück hergestellt.

1970 erstmals produziert: Vom Krügerrand wurden bislang 47 Millionen Stück hergestellt. Bild: Reuters

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Jannie Geyer spannt den knapp 3 Meter langen, rund 15 Zentimeter breiten und exakt 2,8 Millimeter dicken Metallstreifen unter die Stanze und drückt den roten Knopf. Kreischend saust das Herzstück einer archaisch anmutenden britischen Caxton-Maschine auf den golden glänzenden Streifen herab: Nach jedem Stoss fallen vier kreisrunde Metalltaler in ein Plastikeimerchen unter der Stanze. Jeder der rund 34 Gramm schweren Rohlinge für den Krügerrand ist gut eintausend Euro wert. «So machen wir das schon seit ewigen Zeiten», sagt der bereits seit 25 Jahren bei der Rand Refinery tätige Stanzer. Was seit einigen Tagen allerdings geändert hat, ist die Häufigkeit, mit der die 35 Jahre alte Caxton den goldenen Streifen zu traktieren hat: Waren es bisher 500-mal am Tag, so muss die Stanze heute schon 700- und bald sogar 1000-mal am Tag niedersausen. «Wir werden wohl bald neue Maschinen brauchen», meint Chris Horsley, Logistikchef des Unternehmens.

Judith Rampai kommt mit der Arbeit schon heute kaum noch nach. Die 23-jährige Supervisorin sitzt vor einem Berg von Talern, die sie mit ihren Kollegen inspizieren muss: Denn jedes Goldstück, das die in Germiston wenige Kilometer östlich der Wirtschaftsmetropole Johannesburg gelegene Fabrik verlässt, muss einzeln auf Macken untersucht werden. Um mit dem wachsenden Nachschub fertig zu werden, hat die schwarze Kontrolleurin bereits Wochenendschichten einzulegen, denn die Rand Refinery erlebt derzeit einen Auftragsboom wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Sicherheit wie in Fort Knox

«Etwas Ähnliches», sagt Debra Thomson, die Schatzmeisterin des Unternehmens, «habe ich noch nicht erlebt.» Für die kommenden sechs Wochen liegen Thomson bereits Bestellungen von mehr als 180'000 Krügerrand im Wert von 180 Millionen Euro vor – so viel wurde im ganzen Jahr 2008 nicht produziert. Und täglich kämen weitere Aufträge hinzu. Im von der Euro-Krise gebeutelten Deutschland sei der Run auf die Goldtaler besonders gross, fährt die Schatzmeisterin fort: Allein eine Bank, deren Namen sie nicht nennen will, habe mehr als 30'000 der historischen Münzen bestellt. «Wenn sie mehr wollen, dann bekommen sie auch mehr», meint Supervisorin Rampai und reibt einen weiteren Krügerrand blank: «Es wäre dumm, wenn wir uns darüber beklagen würden.»

Judith Rampai und Jannie Geyer einen Besuch abzustatten, ist fast so schwierig, wie in die Gewölbe von Fort Knox zu gelangen: Die Sicherheitsvorkehrungen der Rand Refinery sind lückenlos. Ausser Stacheldrahtzaun und Überwachungskameras sorgen 15 Zentimeter dicke Stahltüren dafür, dass sich kein ungebetener Gast Zutritt verschaffen kann: Sämtliche Hallen der Firma, in denen mit dem wertvollen Edelmetall umgegangen wird, sind fensterlos, das Fotografieren ist verboten. Seit ihrer Gründung im Jahr 1920 wurden in der Fabrik über 40'000 Tonnen Gold veredelt, ohne dass es zu grösseren Zwischenfällen gekommen wäre: Wer die Produktionshallen verlässt, muss sich sogar durchleuchten lassen.

Rohstoff kommt aus der Luft

Plötzlich wird das Kreischen der Stanze von Rotorenlärm übertönt: Vor der Fabrik landet ein Helikopter. Er bringt den Rohstoff, den über die Strasse herbeizuschaffen im Verbrecher-Eldorado Südafrika zu gefährlich wäre. Auch so möchte Logistikchef Horsley möglichst wenig Details über Flugroute und Frequenz der Nachschubversorgung weitergeben. Kein Geheimnis ist indessen, dass der Helikopter das Gold teilweise direkt aus den südafrikanischen Bergwerken anliefert, wo es bereits zu einem über 80 Prozent reinen Edelmetall geschmolzen und geschieden wurde. In Germiston wird das Gold bis zu einem Reinheitsgrad von 99,99 Prozent weiterveredelt. Derzeit treffen täglich bis zu vier Flüge ein, bald könnten es sechs werden.

Nur noch gut die Hälfte des Rohstoffs werde von den südafrikanischen Minen bezogen, so Horsley, denn der Ertrag aus den über 4000 Meter tief in den Boden gehauenen Bergwerken am Kap der Guten Hoffnung geht immer weiter zurück. Das Germistoner Unternehmen rettet sich über den Engpass, indem es mittlerweile 42 Prozent seines Bedarfs aus anderen afrikanischen Staaten bezieht: Vor allem aus Ghana, Mali und Tansania; auch der gesamte Ertrag der von Robert Mugabes verfehlter Politik schwer angeschlagenen zimbabwischen Goldbergwerke wird nach Germiston gebracht. Nur aus Ländern wie dem Kongo, die mit einem Waffenembargo der UNO belegt sind, will Horsley keine Unze beziehen: Schliesslich möchte man den legendären Krügerrand nicht mit dem Image von «Blut-Gold» beschmutzen.

Offizielles Zahlungsmittel

Denn die Münze lebt, ausser von ihrem Bestandteil, auch von ihrem Ruf. Der erstmals 1970 serienmässig und in grösseren Mengen hergestellte Taler ist in aller Welt bekannt: Keine Bank, die die in Südafrika als offizielles Zahlungsmittel anerkannte Münze nicht, ohne zu zögern, entgegennehmen würde. Auf den Wert des aus Härte-Gründen mit einem Kupferanteil von rund acht Prozent angereicherten Goldstücks ist Verlass: Nur die Rand Refinery darf im Auftrag der südafrikanischen Zentralbank die Rohlinge herstellen, die schliesslich in der staatlichen Münze geprägt werden. Bis heute wurden in Germiston bereits 47 Millionen Taler gestanzt – im von der Ölkrise gezeichneten Jahrzehnt zwischen 1974 und 1984 hatte der Krügerrand seine bislang beste Zeit. Damals wurden in einem Jahr zwischen zwei und sechs Millionen Münzen produziert. Dass solche Hochzeiten bald wieder erreicht werden, hält Logistikchef Horsley für eher unwahrscheinlich. Allerdings wird in diesem Jahr zum ersten Mal seit 26 Jahren aller Voraussicht nach wieder die 1-Million-Marke überschritten werden.

Längst hätte die Rand Refinery ihren Personalstand von 340 Mitarbeitern deutlich ausweiten müssen, käme dem von den grossen, in Südafrika ansässigen Goldkonzernen anteilig gehaltenen Unternehmen nicht ein Umstand zugute. Wann immer der Goldpreis und mit ihm die Nachfrage nach dem Krügerrand steigt, fällt der Bedarf nach dem zweiten, von der Raffinerie hergestellten Produkt: dem vor allem von der Schmuckindustrie angefragten, bis zu einer Reinheit von 99,95 Prozent veredelten Feingoldbarren. Zu Boomzeiten pflegen vor allem die indischen Goldschmiede entweder auf ihre Bestände oder auf andere Materialien zurückzugreifen: Chris Horsley kann dann fast das gesamte mit der Barren-Produktion beschäftigte Personal auf die Herstellung der Krügerrand umschichten.

Dem Unternehmen kommt das gelegen. Denn für die Münzen kann Schatzmeisterin Thomson einen höheren Zuschlag auf den reinen Goldpreis als für die Barren berechnen: Je nach Auftragshöhe legt die mittlerweile auch für das weltweite Marketing des Krügerrands zuständige Raffinerie einen Aufpreis von drei bis fünf Prozent fest.

Kommt der «Mandela-Rand»?

Weil die Münze derzeit so gefragt ist, seien Interessierte auf dem Sekundärmarkt sogar bereit, für sie bis zu acht Prozent mehr, als den blossen Goldpreis zu bezahlen, weiss Thomson: «Angesichts der anhaltenden Sprunghaftigkeit auf den Märkten ist der Krügerrand so begehrt wie schon lange nicht mehr.» Doch wie lange die Anziehungskraft des Goldstücks anhalten wird, weiss auch die Finanzexpertin nicht zu sagen: Die letzte grosse Boomzeit während der Ölkrise dauerte immerhin ein ganzes Jahrzehnt. Die Fachleute der Edelmetall-Beratungsfirma GFMS wollen indessen wissen, dass der Goldpreis bereits in den kommenden drei Jahren von derzeit 1200 auf höchstens 850 US-Dollar gefallen sein wird.

Eine Bedrohung für die prominente Münze würde das noch lange nicht bedeuten: Der Krügerrand hat bereits Goldpreise von weniger als 300 US-Dollar überlebt. Wirkliche Gefahr droht dem Taler höchstens aus dem eigenen Stall: Die Tatsache, dass ausgerechnet das Antlitz von Paul Krüger den Goldtaler schmückt – jenem umstrittenen Buren-Führer, der einst den Krieg seiner «Afrikaaner» gegen die Engländer vom Zaun brach und als einer der Urväter der weissen Vorherrschaft über die schwarze Bevölkerungsmehrheit gilt –, ist am befreiten Kap der Guten Hoffnung vielen ein Dorn im Auge. «Man hat bereits eine Alternative vorgeschlagen», lacht Supervisorin Judith Rampai verschmitzt: «Die wäre natürlich der Mandela-Rand.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.06.2010, 22:44 Uhr

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