Selbstbestimmt den Worst Case planen

Wer nicht will, dass sich die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) im Alter in Familienangelegenheiten einmischen, sollte frühzeitig einen Vorsorgeauftrag erstellen.

Wer das Alter selbstbestimmt planen will,  sollte rechtzeitig einen Vorsorgeauftrag erstellen.

Wer das Alter selbstbestimmt planen will, sollte rechtzeitig einen Vorsorgeauftrag erstellen. Bild: Fotolia

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Über 100'000 Menschen leiden in der Schweiz an Demenz. Wegen der Alterung der Gesellschaft dürfte die Zahl in den kommenden Jahren deutlich zunehmen. Niemand wünscht sich das unheilbare Vergessen, doch längst ist es eine Volkskrankheit.

Wer sie hat, verliert schleichend seine Urteilsfähigkeit. Und ist diese einmal diagnostiziert, greifen die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) ein, die bisher vor allem in Zusammenhang mit der Fremdplatzierung von Kindern in die Schlagzeilen geraten sind. Weniger bekannt sind ihre Interventionen bei Erwach­senen.

Informieren Verwandte, Betreuer oder Ärzte die Kesb über die Urteilsunfähigkeit einer Person, leiten diese ein Erwachsenenschutzverfahren ein. Dies geschieht nicht nur bei einer Demenz, sondern zum Beispiel auch wenn jemand vorübergehend an psychischen Störungen leidet oder nach einem Unfall nicht mehr ansprechbar ist. In solchen Situationen werden Sozialdienste eingeschaltet.

Fachleute besuchen die Betroffenen, sie führen Gespräche mit Angehörigen, kontaktieren Banken, um sich über das vorhandene Vermögen ins Bild zu setzen, und wenn noch kein Arztzeugnis vorliegt, lassen sie eines erstellen. Die Ergebnisse fliessen in einen Bericht ein. Anschliessend entscheiden die Kesb, wer als Beistand welche Aufgaben wahrnimmt (siehe auch Box Beistandschaft).

Kesb wollen Infos zu Finanzen

Aufgrund des Berichts entscheiden die Kesb über Form und Person der Beistandschaft. Ein Familienangehöriger kann diese Aufgabe übernehmen. Die Kesb setzen mitunter aber auch aussenstehende Fachpersonen ein. Diese erstattet regelmässig Bericht, unter anderem über Gesundheitszustand und Vermögen.

Sind Angehörige verantwortlich, lässt die Stadtberner Kesb mehr Spielraum bei Rechenschaftsberichten, sagt deren Präsidentin Charlotte Christener-Trechsel. Doch ohne Formalitäten geht auch das nicht: Die Kesb will in der Regel über die Finanzen unterrichtet bleiben, damit Angehörige nicht Vermögen beiseite schaffen, das zum Beispiel für die Finanzierung von Gesundheitskosten im Pflegeheim benötigt wird.

Es gibt Ausnahmen

Wenn Angehörige die Betreuung übernehmen wollen, dann stimme die Kesb in aller Regel zu, sagt Christener-Trechsel. Es gibt aber auch Ausnahmen. Der Zürcher Anwalt Bernhard Maag nennt als Beispiel den Fall einer Familie, deren Vater gestorben war.

Die Kesb lehnte es ab, dass die Mutter das von den Kindern geerbte Vermögen verwaltet. Das Bundesgericht gab schliesslich der Mutter recht. Doch auch Maag, der sich im Kindes- und Erwachsenenschutzrecht auskennt, bestätigt, dass die Kesb nach Gesetz bevorzugt Familienangehörige mit der Betreuung beauftrage.

Wer nicht will, dass beim Verlust der Urteilsfähigkeit die Kesb entscheidet, kann dies mit einem Vorsorgeauftrag vermeiden. Es kommt zum Beispiel vor, dass ­wegen familiärer Spannungen explizit eine aussen­stehende Person gewünscht wird. Der Vorsorgeauftrag ermöglicht, im Voraus selber zu bestimmen, wer bei gesundheitlichen Beeinträchtigungen welche Aufgaben übernimmt.

Recht auf Selbstbestimmung

Maag empfiehlt, dieses Recht auf mehr Selbstbestimmung zu nutzen und eine optimal auf die ­Familiensituation massgeschneiderte Lösung zu formulieren. Der Vorsorgeauftrag hat den Vorteil, dass die Aufsicht durch die Kesb weitgehend entfällt. Sie bewilligt («validiert») die Einsetzung des Beauftragten, der anschliessend im Rahmen der Vorgaben selbstständig handeln kann.

Folgende Punkte sind zu beachten:

  • Der Vorsorgeauftrag muss frühzeitig erstellt werden, wenn der Verfasser volljährig sowie geistig urteilsfähig ist.
  • Es ist erlaubt, den Vorsorge­auftrag selber handschriftlich zu Papier bringen oder von einem Notar öffentlich beurkunden zu lassen. Bernhard Maag empfiehlt den Notar aus folgenden Gründen: So wird der Vorsorgeauftrag auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten. Der Inhalt wird klar und gut leserlich verfasst. Eigenhändig verfasste Dokumente sind bei älteren Menschen oft interpretationsbedürftig. Interessierte finden im Internet aber auch problemlos und gratis Mustervorlagen.
  • Als Beauftragter kann sowohl eine beliebige natürliche wie auch eine juristische Person genannt werden. Führen Sie auch Ersatzpersonen auf. Denn nach einem Zeitraum von mehreren Jahren kann oder will die ursprünglich erwähnte Person den Auftrag vielleicht nicht mehr wahrnehmen.
  • Ein Vorsorgeauftrag kann auch unter Ehepartnern Sinn machen. Es ist zwar so, dass Ehepartner ­einander vertreten, falls jemand urteilsunfähig wird. Aber ohne Vorsorgeauftrag muss zum Beispiel bei grösseren Investitionen die Kesb einbezogen werden.
  • Definieren Sie genaue Vorgaben zur Vermögensverwaltung. So zum Beispiel, ob und wie der Beauftragte die Anlagestrategie ändern darf. Sind mehr Risiken erlaubt? Oder nur konservativere Anlagen als bisher?
  • Der Vorsorgeauftrag kann an einem beliebigen Ort aufbewahrt werden. Es ist aber sinnvoll, diesen dem Zivilstandsamt mitzuteilen, dann wird der Hinterlegungsort in einer schweizweiten Datenbank registriert. Das Dokument kann aber auch gleich bei den Kesb hinterlegt werden, die im Fall einer Urteilsunfähigkeit gleich darauf zugreifen könnten.
(Berner Zeitung)

Erstellt: 08.08.2017, 07:59 Uhr

Beistandschaft

Wenn die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden bei Urteilsunfähigkeit entscheiden, kommt es in der Regel zu einer Vertretungsbeistandschaft. Dieser Beistand unterschreibt für die urteilsunfähige Person und kümmert sich unter anderem um Vermögensverwaltung, Steuererklärung, Sozialversicherungen und juristische Verfahren. Er entscheidet auch, wo der Betroffene untergebracht wird, und falls keine Patientenverfügung (siehe Box) vorliegt, auch in gesundheitlichen Fragen. Möglich ist nebst weiteren Formen auch eine Mitwirkungsbeistandschaft. In diesem Fall darf die betroffene Person nur unter Mitwirkung eines Beistands bestimmte Geschäfte abschliessen. Denkbar ist das zum Beispiel dann, wenn jemand regelmässig auf Schwindler hereinfällt und leichtfertig grosse Vermögen oder Eigentum verschenkt. ki

Patientenverfügung

Wer selbstbestimmt entscheiden will, was bei gesundheitlichen Beeinträchtigungen geschieht, sollte neben Vorsorgeauftrag auch Testament und Patientenverfügung erstellen. Für das Testament gelten ähnliche Regeln wie für den Vorsorgeauftrag: Es kann entweder selber handschriftlich oder durch einen Notar verfasst werden. Für die Patientenverfügung gibt es vorgefertigte Formulare, die zum Beispiel die FMH auf ihrer Internetseite zur Verfügung stellt. Im Kern geht es bei dieser Verfügung um die Frage: Wie viel medizinischen Aufwand sollen die Ärzte betreiben, einen bei schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen am Leben zu erhalten, und wer soll solche Entscheide fällen? ki

Artikel zum Thema

Rassismus vor der Kamera: Vater von SVP-Glarner verurteilt

Der Vater des Asylpolitikers beleidigte in einem SRF-Dokfilm Dunkelhäutige. Das hat jetzt Konsequenzen. Mehr...

Eine Woche bei der Kesb

Oft kritisiert, selten gelobt: Keine öffentliche Institution steht häufiger in der Kritik als die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden. Doch: Wie funktioniert sie überhaupt, diese Kesb? Eine Woche auf der Behörde. Mehr...

Kesb: Seit vier Jahren unter genauer Beobachtung

Die neuen Fachbehörden für den Kindes- und Erwachsenenschutz sind nun vier Jahre im Einsatz. Mindestens ebenso lange sind es ihre Kritiker. Mehr...

Newsletter

Immer die Region zuerst. Am Wochenende.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende.
Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Foodblog Si und Dave, die Töfflibuben

Gartenblog Blütenlos schön

Die Welt in Bildern

Auf Abfall gebettet: Ein Arbeiter einer Wertstoffdeponie in Peschawar, Pakistan, ruht sich auf einem riesigen Berg Plastikmüll aus. (17. August 2017)
(Bild: Fayaz Aziz) Mehr...