Politik der kleinen Innovationsschritte

Die Bankenbranche war lange im technologischen Dornröschenschlaf. Jetzt holt die Credit Suisse Google-Kompetenz in den Verwaltungsrat. Wie steht es um die Innovationsfreudigkeit anderer Banken?

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Simon Schmid@schmid_simon

Sebastian Thrun ist einer der kreativsten Köpfe im Silicon Valley und Spezialist für künstliche Intelligenz. Bei Google tüftelt er am Auto der Zukunft, das ohne menschlichen Fahrer auskommen und alleine durch die Strassen navigieren soll. Nun holt ihn die CS in ihren Verwaltungsrat. Die Verpflichtung ist auch ein Zeichen: Innovation ist ein Thema, das bei Banken wie der CS zuoberst auf der Agenda stehen muss. Für die Schweizer Banken wäre das eine Zäsur. Erst mit Pilotprojekten und vorsichtigen Neuerungen tappen sie sich derzeit ins Banking der Zukunft vor.

Eine virtuelle 500-Milliarden-Bank

Ein Beispiel dazu findet sich bei der Credit Suisse selbst. Die Bank hat vor einem Jahr mit der Vernetzung ihrer externen Vermögensverwalter begonnen – einer Gruppe von rund zweitausend Unternehmen, die ihre Kunden unabhängig beraten, aber die CS als Depotbank nutzen. Für sie hat die CS eine Art internes Facebook eingerichtet, es heisst Eamxchange. Dort wird über die Geldanlage, aber auch über Lifestylethemen wie die Uhrenmesse diskutiert: Die CS bringt so ihr Research an den Mann, und kann sich langfristig einiges an gedruckten Broschüren einsparen. Aktuell steht das zweite Release der Plattform an.

Auch die bankeigenen Experten tummeln sich im Diskussionsforum. Als «virtuelle 500-Milliarden-Privatbank» bezeichnet Departementschef Daniel Renner die Plattform für die externen Vermögensverwalter, von denen viele auch noch Gelder bei anderen Banken anlegen. Weltweit ist die CS die erste Bank, wo diese Zielgruppe derart systematisch übers Internet vernetzt wird. Doch die Reise in die Zukunft hat erst begonnen: Bis das Prinzip auf grössere Kundenschichten ausgedehnt werden kann, «bedarf es noch viel strategischer Denkarbeit». Erst ansatzweise wird die Weisheit der Masse auf EAM Exchange genutzt, die Arbeit mit realen Handelsdaten ist Tabu.

Elektronische Gesundheitschecks

Schritt für Schritt tastet sich auch die UBS vor. In der Schweiz erntete die Bank einiges an Lob für ihr neues E-Banking: Gerade am heutigen Freitag wurde sie mit dem Master der «Best of Swiss Web Awards» ausgezeichnet, einem Digitalpreis. Die UBS-Applikation hat jetzt einen persönlichen Finanzassistenten eingebaut, der Retailkunden bei ihren Haushaltsbudgets helfen soll. «Wir wollen den digitalen Lead übernehmen», sagt Andreas Kubli, Digitalstratege der Bank in der Schweiz. Technische Neuerungen im Private Banking sind elektronische Gesundheitschecks, die reiche Kunden über ihr Anlageportfolio laufen lassen können.

Das Geschäft grundsätzlich zu revolutionieren, ist aber auch nicht Priorität der UBS. Die aktuelle Stossrichtung betont die Wahlfreiheit der Kunden für verschiedene Kanäle: Die Bank will neben der klassischen Beratung mit Applikationen fürs Handy und fürs Tablet auftrumpfen. Erst in den USA existiert ein Pilotversuch, bei dem Kundenberater über die Social-Media-Plattform Linkedin im Kundenkontakt stehen. 16'000 Mitarbeiter nutzen mittlerweile eine interne Kollaborationsplattform bei der UBS. Doch auch hier sind die Grenzen zwischen Innen und Aussen hart wie Stein.

Bär will ins nächste Zeitalter

Die Vorsicht der Schweizer Banken hat regulatorische und kulturelle Hintergründe. Der Ruf des hiesigen Finanzplatzes lebt nach wie vor vom Bankkundengeheimnis, Diskretion hat einen hohen Stellenwert. Dies im Gegensatz zu den USA, wo Kundenbereitschaft und Erwartungen stärker in Richtung der sozialen Vernetzung gehen. Auch in Ländern wie Grossbritannien oder Spanien herrscht eine offenere Kultur, die Türkei gilt als sehr innovativer Markt. Eingeschränkt wird die Öffnung der Banken durch umfangreiche Archivierungspflichten, die in vielen Ländern bestehen.

Auch die Bank Julius Bär wartet mit technischen Neuerungen auf. Die neu lancierte Handelsplattform Market Link richtet sich an den börsenaffinen Privatkunden. Rund um die Uhr können darauf Aktien, Devisen und Edelmetalle gehandelt werden, Geschäfte werden mit wenigen Klicks über PC, Handy oder Tablet ausgeführt. Laut dem Bankchef Boris Collardi entspricht man damit einem heutigen Kundenbedürfnis. Julius Bär führe das Private Banking «ins nächste Zeitalter», lässt er sich in einer Mitteilung zitieren.

Online-Schwatz mit dem Experten

Collardis Auslegung mutet merkwürdig an. Wenn ein vergleichsweise simples Kommunikationstool wie Whatsapp einen Wert von 19 Milliarden Dollar hat – wie sieht dann die wahre Privatbank der Zukunft aus? Irgendwie sozial, müsste man meinen. Doch diese Funktionen bietet Market Link nicht. Bislang haben erst Neulinge wie Ayondo oder Wikifolio versucht, das onlinebasierte und gemeinsame Geldanlegen zum Kernprinzip ihres Geschäfts zu machen. Auf diesen Tradingplattformen können sich Privatleute ihr Geld gegenseitig anvertrauen. Man setzt auf Transparenz; wer die beste Rendite erzielt, kann mit Geldzuströmen aus seinem Freundeskreis rechnen.

Neue Wege geht auch die dänische Saxo Bank. Das Institut mit Ableger in der Schweiz hat dieses Jahr den Tradingfloor lanciert, eine Plattform, über die Kunden gleichzeitig Handeln und miteinander kommunizieren können. Das Spezielle daran: Auch die Spezialisten von Saxo haben ein Profil. So lässt sich etwa der Rohstoffspezialist Ole Hansen auf der Plattform auch mal auf einen Schwatz mit einem Bankkunden ein. Diese Art läuft der Tradition, wonach der Kunde stets über einen ausgewählten Berater mit der Bank kommuniziert, diametral entgegen.

Wer zieht die Masse zu sich?

Wenn der Kunde es will, werden auf dem Tradingfloor auch die eigenen Handelsdaten veröffentlicht. Wenn jemand gestern Novartis-Aktien gekauft hat und heute Roche verkauft, so ist das für den virtuellen Freundeskreis ersichtlich. «Die Plattform lebt vom Inhalt, den die User produzieren», sagt Lars Seier Christensen, Co-Chef der Saxo Bank. Einfaches Onlinebanking und -trading anzubieten, werde künftig nicht mehr reichen, sagt er. Kollektive Intelligenz und Integration würden den Ausschlag geben. «Die erste Bank, die das richtig macht, wird exponentielle Wachstumsraten verbuchen.»

Die Umschau bei den Schweizer Banken ergibt, dass man sich des digitalen Investitionsbedarfs durchaus bewusst ist. Wie der Logistik-Chef der Zürcher Kantonalbank kürzlich einem IT-Portal sagte, will die Bank in den nächsten Jahren 100 Millionen Franken in die Entwicklung neuer Apps stecken. Ein erstes Gadget wurde vor kurzem schon auf den Markt gebracht: Mittels QR-Codes können sich ZKB-Kunden nun in Echtzeit Geld von Handy zu Handy überweisen. Bereits drei Schritte weiter ist die türkische iGaranti. Die vollintegrierte, um 23 Apps herumgebaute Onlinebank bietet Überweisungen via Facebook und Twitter an.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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