Ein Bit im Auge der US-Regierung

Hintergrund

Mit der Schliessung des Portals Silk Road führen die Behörden ihren Kreuzzug gegen den Bitcoin fort. Mehr staatliche Kontrolle: Die libertäre Onlinewährung steht nun an einem Wendepunkt.

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Simon Schmid@schmid_simon

Bitcoins im Wert von 3,6 Millionen Dollar wurden bei Silk Road sichergestellt. Dies sagt das US-Justizministerium, das am Dienstag zum entscheidenden Schlag gegen das Onlineportal ausgeholt hat. Die Fahnder nahmen den Betreiber des als «Ebay für Drogen» bekannten Dienstes, William Ulbricht, in Gewahrsam und nahmen die Seite vom Netz. Dem in der Community als «Dread Pirate Roberts» bekannten Ulbricht werden Delikte im Zusammenhang mit Drogenhandel, Hacking und Geldwäscherei vorgeworfen. 600'000 Bitcoins oder umgerechnet rund 80 Millionen US-Dollar an Kommissionen soll Silk Road über die letzten Jahre verdient haben, schätzt das FBI.

Die Festnahme trifft nicht nur den Silk-Road-Betreiber, sondern auch die Onlinewährung selbst. Deren Kurs rasselte am Mittwochabend von 140 auf rund 115 Dollar ab. Heute Morgen wurde ein Bitcoin nach Angaben der Site Bitcoin.de wieder zu 130 Dollar bzw. zu 88 Euro gehandelt. Dem Ruf des Bitcoin ist dies nicht eben einträglich. Schon im April war der Bitcoin grossen Schwankungen unterworfen gewesen. Innerhalb derselben Woche fluktuierte eine Einheit der Onlinewährung zwischen 84 und 266 Dollar, ohne klar ersichtlichen Grund. Wegen der Unsicherheiten in Zypern wurde der Bitcoin damals bereits als neues «digitales Gold» betrachtet, später lachten Kommentatoren über das Online-Währungssystem.

Vorladungen gegen zwanzig Bitcoin-Firmen

Seither ist das Umfeld für den Bitcoin nicht einfacher geworden. Die US-Behörden wollen die digitale Währung strengeren Regeln unterwerfen: Unternehmen, die mit Bitcoins handeln und somit eigentliche Onlinebanken sind, sollen dieselben «Know your customer»-Regeln befolgen wie sonstige Geschäftsbanken auch. Neue Richtlinien verlangen, dass in den USA operierende Bitcoin-Börsen sich bei der US-Finanzkriminalitätsbehörde FinCEN als Finanzdienstleister registrieren lassen und verdächtige Transaktionen rapportieren.

Die Regulierungsinitiative zeigt Wirkung. Nachdem die US-Fahndungsbehörden bei der Bitcoin-Börse Mt. Gox im Mai und Juni rund 5 Millionen Dollar aus verdächtigen Bitcoin-Kontos beschlagnahmt hatte, unterwarf sich der in Tokio beheimatete Bitcoin-Handelsplatz der Aufsicht der FinCEN. Mt. Gox gilt als eine der weltweit wichtigsten Tauschbörsen für Bitcoins. Diese steht auch durch die Finanzbehörden des Bundesstaats New York unter Druck. Im August sprachen diese Vorladungen gegen zweiundzwanzig Bitcoin-Unternehmen und Investoren aus, um an detaillierte Informationen über das virtuelle Währungssystem zu gelangen.

Geldmonopol des Staats infrage gestellt

2008 von einem anonymen Programmiererkollektiv namens Satoshi Nakamoto geschaffen, entwickelt sich der Bitcoin zunehmend zu einer ernstzunehmenden Alternative zu herkömmlichen Währungen. Nicht nur zweifelhafte Geschäftemacher, sondern auch legale Unternehmen wie die Pembury Taverne in East London oder die Bakes Bakery in San Francisco nehmen Bitcoins heute als Zahlungsmittel entgegen, wie Bloomberg berichtet. Die von ihrem Disput mit Facebook bekannten Zwillinge Cameron und Tyler Winklevoss verfolgen bereits Pläne, einen elektronisch gehandelten Fonds auf Bitcoins aufzulegen. Aus Anlegersicht ist der Bitcoin eine Erfolgsstory: Innerhalb der letzten zwölf Monate hat sich der Währungskurs ausgehend von 11 Dollar mehr als verzehnfacht.

Die Krux am Bitcoin ist, dass das System komplett auf Open-Source- und Peer-to-Peer-Prinzipien basiert und damit jeglicher staatlichen Kontrolle entzogen ist. Der libertäre Ökonom Friedrich von Hayek – er propagierte den privaten Währungswettbewerb – hätte Freude gehabt an Bitcoin: Die nicht staatliche Onlinewährung ist ausschliesslich durch ihren Gebrauchswert als Handelsmedium gedeckt. Eine Zentralbank gibt es beim Bitcoin nicht. Zusätzliche Geldeinheiten kann jeder schöpfen, der über ausreichend Rechenpower verfügt. Die Verschlüsselung des Bitcoin wurde von den Erfindern so angelegt, dass im System maximal 21 Millionen Einheiten erzeugt werden können. Aktuell sollen rund 11,5 Millionen Bitcoins zirkulieren.

China als zweitgrösster Markt

Eine Rivalin des staatlichen Geldes ist der Bitcoin auch in China. Der dortige Bitcoin-Markt ist etwa gleich gross wie derjenige in den USA. Für die Chinesen ist der Bitcoin eine interessante Alternative, weil der Kapitalmarkt in China stärkeren Beschränkungen unterworfen ist, und die Investitionsmöglichkeiten für Privatanleger limitierter sind. Bereits bieten Unternehmen wie 796 Xchange lokalen Firmen an, ihren Börsengang in Bitcoins statt in herkömmlicher Währung vorzunehmen. Auch Futurekontrakte und Finanzlösungen für Unternehmen werden bereits in Bitcoins angeboten, rege wird die Währung auch im Onlinehandel mit Gütern und Dienstleistungen verwendet.

Der Bitcoin bietet Verdienstmöglichkeiten und Freiheit. Gerade amerikanische Investoren spricht dies an. So stieg die New Yorker Union Square Ventures mit 2,5 Millionen Dollar beim Bitcoin-Abwickler Coinbase ein, auch Google Ventures ist als Investor bei einer Firma namens OpenCoin dabei. Diese betreibt unter dem Namen Ripple ein Zahlungssystem mit Bitcoins. Die Winklevoss-Zwillinge sind mit einer Million Dollar bei BitInstant dabei, einem weiteren Bitcoin-Abwickler. Mittels aufklebbaren Hologrammen hat der US-Unternehmer Mike Caldwell bereits eine Technik entwickelt, um auch physische Bitcoins herzustellen – eine latente Bedrohung für den Dollar, die weltweit wichtigste Leit- und Reservewährung.

Für Unternehmer wie Caldwell mit seinen «Casascius Coins» ist die Regulierungsinitiative der USA eine ambivalente Sache. Das System Bitcoin basiert auf automatisierten IT-Prozessen: Steigen die Auflagen, so steigen auch die manuellen Betriebskosten des Systems. Damit verringert sich ein wichtiger Vorteil des Bitcoin gegenüber dem normalen Währungs- und Bankensystem. Andererseits verleiht die Domestizierung des Bitcoin langfristig auch Sicherheit und Glaubwürdigkeit, was die Verbreitung des Bitcoin fördern könnte. Aktuell befinden sich Unternehmen wie BitInstant im Schwebezustand. Wegen Änderungsarbeiten musste die BitInstant-Website vorerst geschlossen werden. «Wir arbeiten hart», ist dort zu lesen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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