«Die US-Regierung hat ihre Macht missbraucht»

Der Prozess gegen Raoul Weil sei von Beginn weg zum Scheitern verurteilt gewesen, sagt dessen Verteidiger Aaron Marcu. Das Justizministerium habe ein wichtiges Ziel jedoch bereits mit der Anklage erreicht.

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Sie schienen erleichtert, aber nicht überrascht, als die Geschworenen Raoul Weil nicht schuldig sprachen. Wann haben Sie geglaubt, dass er eine echte Chance auf einen Freispruch hatte?
Wir dachten immer, dass wir in einer starken Position waren, und wussten, dass wir einen Unschuldigen vertraten. Wir wissen aber aus Erfahrung, dass in den USA die Kläger 95 Prozent aller Strafprozesse gewinnen. Deshalb durften wir uns unserer Sache nie ganz sicher sein und mussten aufpassen, nicht zu zuversichtlich zu werden. Doch nach dem Abschluss von Beweisführung und Einvernahmen war uns klar, dass wir die Glaubwürdigkeit der Zeugen der Anklage beschädigt hatten. Wir hatten in den Kreuzverhören bewiesen, was wir als Verteidiger beweisen mussten.

Sie liessen keinen einzigen Entlastungszeugen auftreten. Das zeugt von beträchtlicher Siegesgewissheit.
Wir waren vorsichtig optimistisch, aber natürlich konnten wir nicht wissen, was in den Köpfen der Geschworenen vorging. Trotzdem entschieden wir, unsere Zeugen nicht mehr auftreten zu lassen und uns direkt an die Geschworenen zu wenden.

Wie viele Zeugen hätten für Raoul Weil aussagen wollen?
Wir haben vor dem Prozess 25 Zeugen befragt, die meisten in der Schweiz. Fast alle erklärten sich bereit, zugunsten von Herrn Weil auszusagen. Jeder einzelne besass Beweismaterial, mit dem sich hätte zeigen lassen, dass Weil nichts Unrechtes getan hatte. Sie alle wollten auftreten, weil sie Weil als einen guten, ehrlichen Menschen betrachten, der ihre Unterstützung verdiente.

Der Richter erlaubte, bis zu drei Entlastungszeugen über eine Videoschaltung aus London teilnehmen zu lassen. Warum waren diese Personen nicht bereit, vor dem Gericht in Florida auszusagen?
Die Regierung wollte ihnen keine Garantie für eine sichere Einreise geben.

Also handelte es sich um Schweizer Banker, die per Steckbrief gesucht sind und bei einer Einreise verhaftet worden wären?
Wir glaubten nicht, dass sie Gefahr liefen, verhaftet zu werden. Die meisten unserer Zeugen waren auch keine Banker. Wir haben dem Gericht deshalb klargemacht, dass die Regierung nur versuche, unsere Verteidigung zu behindern. Der Richter liess zunächst eine Befragung über eine Videoschaltung aus der Schweiz zu. Daraufhin gab die Regierung nach und stimmte dem Kompromiss zu, unseren Zeugen ein sicheres Geleit nach London zu ermöglichen und sie von dort zuzuschalten.

Ist eine solche Behinderung von Zeugen legal?
Es ist sicher nicht sehr sportlich. Aber es liegt im Ermessen der Regierung, ob sie ein sicheres Geleit garantieren will oder nicht. Nur sie kann auch den eigenen Zeugen Immunität gewähren. Wir Verteidiger sind in dieser Beziehung im Nachteil. Die Regierung hat diese Macht missbraucht; und dies haben wir dem Richter so gesagt. Die Schweizer Behörden dagegen waren hilfreich und wiesen einen Weg, um die Zeugen von Zürich aus zu befragen. Diese Offerte führte dazu, dass die US-Regierung nachgab.

Nach US-Recht kann ein Angeklagter nicht gezwungen werden, sich selber zu belasten. War Weil trotzdem bereit, vor dem Gericht in einer Sache auszusagen und sich einem Kreuzverhör durch die Regierung zu stellen?
Herr Weil war immer bereit, auszusagen, und wir erwogen bis zur letzten Woche, ihn in den Zeugenstand zu rufen. Es ist immer eine schwere taktische Entscheidung, ob ein Angeklagter selber aussagen soll. Wir entschieden uns schliesslich dagegen, weil wir glaubten, dass die Regierung mit ihren Zeugen und ihren «Beweisen» selber unsere Position gestärkt hatte.

Hat das Justizministerium Raoul Weil einen ähnlichen Deal angeboten wie Martin Liechti, ihm also einen Hafterlass zugesichert, wenn er kooperieren und höher gestellte Banker belasten würde?
Keine Seite war wirklich an einem Deal interessiert. Raoul Weil war sehr darauf bedacht, seinen Ruf wiederherzustellen. Er war sogar bereit, das Prozessrisiko auf sich zu nehmen, weil ihm dies das Forum gab, seine Unschuld zu beweisen. Das Justizministerium hatte ebenfalls kein Interesse an einem Deal, da seine Strategie bereits aufgegangen war. Die Klage gegen Weil war nämlich ein entscheidender Grund dafür, dass die Schweizer Regierung das Bankgeheimnis aufgab und die UBS einen Vergleich vereinbarte, der sie zur Herausgabe von Kundennamen zwang. Ich glaube, die Regierung hatte zudem Angst vor einem Deal, weil sie nicht den Eindruck erwecken wollte, sie hätte Weil gar nie vor Gericht bringen dürfen.

Hatten Sie nach Abschluss der Beweisführung vor Gericht das Gefühl, dass die Regierung eine schwächere Position hatte, als sie angenommen hatten?
Die Regierung legte ihre Hauptbeweise mit den Auftritten von zehn Zeugen vor. Aber jeder Einzelne dieser Zeugen hatte zuvor einen Deal mit der Justiz vereinbart, der ihm den Verzicht auf eine Haftstrafe zusicherte, wenn er gegen Weil aussagte. Zudem präsentierte die Regierung eine Menge Dokumente, die unserer Seite mehr dienten als ihrer eigenen Position. Wir konnten den Geschworenen zeigen, dass die Regierung keinen guten Fall hatte.

Die Anklage schien sich in ihrer Beweisführung fast ausschliesslich auf das Dossier von Martin Liechti abzustützen. Dieses hatte der ­ehemalige Amerika-Chef der UBS für den Fall eines Strafverfahrens gegen ihn angelegt.
Die Regierung hat sich zu stark auf Martin Liechti verlassen. Es gab praktisch kein Dokument, das dessen Aussagen gestützt hätte. Zudem hatte Liechti einen immensen Anreiz zu lügen. Als er 2008 verhaftet wurde, hielt ihn die Regierung vier Monate fest – bis er bereit war, seine Verfehlungen auf Herrn Weil, seinen einstigen Vorgesetzten, abzuschieben. Als die Justiz sich Liechtis Kooperation gesichert hatte, schien sie alle weiteren Ermittlungen gestoppt zu haben.

Raoul Weil war schon 2008 zur Verhaftung ausgeschrieben worden. Er hätte Gelegenheit gehabt, sich den Behörden zu stellen, bevor er vor einem Jahr in Bologna festgenommen wurde.
Wir offerierten der Anklage, dass sie Weil vor und nach Einreichen der Strafklage befragen könne. Sie lehnte ab. Sie hat nie mit ihm gesprochen. Als die Eidgenössische Bankenkommission ihren Bericht zur UBS vorgelegt und Weil entlastet hatte, dürfte das Justizministerium begriffen haben, dass es der wahrscheinlich am meisten schuldigen Person, Martin Liechti, Immunität gewährt hatte. Aber die Regierung war nie bereit, ihren Fehler zuzugeben.

Warum haben Sie die Glaubwürdigkeit der Kronzeugen der Anklage zum Ausgangspunkt Ihrer Verteidigung gemacht?
Die Zeugen hatten bis zu 15 Jahre lang Straftaten begangen und wurden strafrechtlich nie dafür belangt, weil sie die Schuld auf Weil abgeschoben hatten. Liechti erhielt schon vor Prozessbeginn einen Deal. Darüber hinaus offerierte die Justiz zwei weiteren Zeugen, Hansruedi Schumacher und Georg Marti, nach Prozessbeginn einen Deal. Wir waren ziemlich sicher, dass die Geschworenen die Zeugen als nicht glaubwürdig einstufen würden.

Hoffte das Justizministerium, dass die Geschworenen allein schon wegen des schlechten Image der Banken einen ausländischen Topbanker verurteilen würden?
Wir waren besorgt, dass die anhaltende Kritik an den amerikanischen und an den Schweizer Banken die Geschworenen beeinflussen könnte. Aber wir konnten bei der Auswahl der Geschworenen jene eliminieren, die zu stark voreingenommen waren. Wir waren zuversichtlich, dass wir einen fairen Prozess mit ­einem sehr unparteiischen Richter bekommen würden.

Was hätten Sie getan, wenn Raoul Weil verurteilt worden wäre?
Wir hätten umgehend Einspruch eingelegt und den Richter ersucht, das Urteil für ungültig zu erklären. Dies deshalb, weil es auf ungenügendem Beweismaterial und auf einer verfehlten rechtlichen Theorie basierte. Wir hätten argumentiert, dass die einzige beweisbare Verschwörung jene war, die Martin Liechti und Hansruedi Schumacher angeführt hatten. Dagegen gab und gibt es keinen einzigen Beweis dafür, dass Raoul Weil Teil dieser Verschwörung war.

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