Warum der Franken jetzt kein sicherer Hafen ist

Bisher hat unsere Währung mit internationalen Spannungen an Wert zugelegt. Diesmal läuft die Sache anders.

Der Franken schwächelt: Ein Koffer voller Schweizer Banknoten (Symbolbild). Bild: Keystone

Der Franken schwächelt: Ein Koffer voller Schweizer Banknoten (Symbolbild). Bild: Keystone

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In der vergangenen Woche hat der Schweizer Franken sich auffällig weiter abgeschwächt. Am Freitagabend wurde er zu einem Preis von knapp 1.19 Franken pro Euro gehandelt, noch am 10. April lag dieser Preis einen Rappen tiefer, bei knapp 1.18 Franken pro Euro. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg, die sich auf Währungs­analysten bezieht, sind die geplanten Sanktionen von US-Präsident Donald Trump gegen eine Reihe von russischen Oligarchen der Grund dafür. Die US-Sanktionen gegen mächtige Wirtschaftsführer im Umfeld des russischen Präsidenten Wladimir Putin waren eine erste Antwort der Amerikaner auf die Giftgasangriffe des von Russland unterstützten syrischen Diktators Bashar al-Assad. Die nächste Antwort waren die Raketen­angriffe von diesem Wochenende.

Laut einem Analysten der französischen Grossbank Crédit Agricole hätten russische Oligarchen wegen der Sanktionen einen höheren Liquiditätsbedarf. Denn die Massnahmen der Amerikaner beinhalten auch einen erschwerten Zugang zu den globalen Finanzmärkten.

Um dem Einfrieren ihrer Mittel zuvorzukommen, haben sie daher laut dem Analysten von Crédit Agricole ihr Geld aus der Schweiz abgezogen und dazu noch ihre Schweizer Wertpapiere verkauft. Laut Bloomberg hat sich das auch auf den Obligationenmärkten niedergeschlagen, wo die Rendite von zweijährigen Schweizer Staatsanleihen am Dienstag auf ein Monatshöchst angestiegen ist, während die Renditen vergleichbarer Anleihen des deutschen Staates fielen. Das heisst, dass Schweizer Anleihen unter Verkaufsdruck standen, während jene aus Deutschland stärker nachgefragt wurden.

Unruhe an den Börsen

Die Sanktionen haben in der Schweiz in der vergangenen Woche auch für heftige Ausschläge an den Aktienmärkten gesorgt. Insbesondere die Aktie des Winterthurer Maschinenbauers Sulzer, der sich im Mehrheitsbesitz des Russen Viktor Vekselberg befand, hat anfänglich stark an Wert verloren. Als Vekselberg seine Mehrheit am Unternehmen aufgab und die Amerikaner diesem mitgeteilt haben, nicht weiter von Sanktionen betroffen zu sein, legte die Sulzer-Aktie wieder deutlich zu.

Bisher hat der Franken im Zusammenhang mit internationalen Spannungen meist an Wert zugelegt, da die Schweizer Währung den Status eines ­sicheren Hafens geniesst. Dieser Effekt ist, laut von Bloomberg befragten Analysten, diesmal nicht zum Tragen gekommen. Im Gegenteil: Weil Schweizer Unternehmen in russischem Besitz von der Krise betroffen waren, seien Investoren nervös geworden und hätten den Franken verkauft.

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Ein Analyst verwies darauf, dass auch Derivatstrategien eine Rolle gespielt haben: Spekulanten, die gleichzeitig auf den Anstieg des Frankens und den Fall der russischen Währung Rubel gesetzt hätten – durch den Kauf von Franken gegen geliehene Rubel –, hätten ihre Positionen auflösen müssen. Dafür mussten sie Franken ver- und Rubel zurückkaufen. Das schwächt die Schweizer Währung und stärkt den Rubel.

Dass in diesem Fall der Franken seine übliche Rolle nicht eingenommen hat, zeigt auch die Reaktion der japanischen Währung Yen. Sie hat ebenfalls die Funktion eines sicheren Hafens inne. Der Yen ist am vergangenen Mittwoch, als die Amerikaner mit Luftschlägen gegen Syrien drohten, so stark angestiegen wie keine andere Währung der zehn grössten Industrienationen. Der Franken verhielt sich anders: Er schwächte sich am gleichen Tag ab.

Positiv für Exportindustrie

Für die Schweizer Wirtschaft ist der jüngste Wertverlust des Frankens allerdings kein Problem. Mittlerweile liegt sein Kurs nur noch 1 Rappen unter dem Wert von 1.20 Franken pro Euro, den die Schweizerische Nationalbank noch bis zum Januar 2015 verteidigt hat. Unmittelbar nachdem sie diese Politik aufgegeben hat und den Kurs freigab, hatte sich die Schweizer Währung drastisch auf bis unter den Paritätswert von 1 Franken pro Euro aufgewertet.

Die Frankenstärke hat in den letzten Jahren vor allem der Exportindustrie der Schweiz stark zugesetzt. Im Kaufkraftvergleich war die Schweizer Währung deutlich zu hoch bewertet, weshalb die Nationalbank Negativzinsen eingeführt und immer wieder Euro in grossen Mengen gekauft hat, um den Franken zu schwächen.

Bei seinem aktuellen Kursniveau ist er in Bezug auf die Kaufkraft nach Ansicht vieler Ökonomen in etwa korrekt bewertet. Das ist nicht nur eine gute Botschaft für die Exportindustrie, sondern auch für die Schweizerische Nationalbank, da sie auf aussergewöhnliche Massnahmen wie Negativzinsen nicht mehr angewiesen ist. Bisher hat sie allerdings stets betont, diese vorerst weiter aufrechterhalten zu wollen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2018, 06:34 Uhr

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