Ein Schweizer gibt Merkel Nachhilfe in Sachen Digitalisierung

Deutschland hinkt in Sachen Digitalisierung hinterher. Ein neues Beratergremium soll helfen, das zu ändern. Ein Schweizer Spitzenjurist ist mit von der Partie.

Urs Gasser ist auch in der Schweiz ein gefragter Referent, hier bei einem Auftritt vor dem Gottlieb-Duttweiler-Institut.

Urs Gasser ist auch in der Schweiz ein gefragter Referent, hier bei einem Auftritt vor dem Gottlieb-Duttweiler-Institut. Bild: Anthony Anex (Keystone)

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Deutschland und Digitalisierung: Das scheint nicht so recht zusammenzupassen. Bei der Übertragungsgeschwindigkeit der Netze liegt Deutschland zum Beispiel im internationalen Vergleich auf Platz 25. Selbst in Bulgarien ist das Internet schneller als in der führenden Industrienation Europas, die Schweiz kommt auf Platz 5.

Da war Häme nicht weit, als Bundeskanzlerin Angela Merkel vor ein paar Tagen ihren neuen «Digitalrat» vorstellte. Das zehnköpfige Gremium soll die Bundesregierung dabei beraten, wie Deutschland in Sachen Digitalisierung den Anschluss finden kann. Dem Rat gehören sechs Männer und vier Frauen an, mit dabei sind Unternehmer wie der Researchgate-Gründer Ijad Madisch oder Wissenschaftler wie Peter Parycek, Leiter des Kompetenzzentrums Öffentliche IT am Fraunhofer-Fokus-Institut. Mit dem in Harvard lehrenden Juristen Urs Gasser ist auch ein Schweizer Mitglied in Merkels Nachhilfeschule in Sachen Digitalisierung.

Elite-Professor und Buchautor

Der gebürtige Solothurner ist seit gut zehn Jahren Professor an der juristischen Fakultät der Elite-Universität Harvard. Dort leitet er das Berkman Klein Center for Internet & Society und beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Recht und Innovation. Bekannt geworden ist der 46-jährige auch mit seinem Buch «Generation Internet. Die Digital Natives: Wie sie leben, was sie denken, wie sie arbeiten».

Gassers Wirken ist auch im Berliner Kanzleramt aufgefallen. «Ich hatte im Frühjahr ein längeres Skype-Gespräch mit Kanzleramtschef Helge Braun», erzählt Gasser. «Dabei ging es weniger darum, ob ich bei einem neuen Rat mitmachen will, sondern darum, welche Rolle der Staat grundsätzlich spielen kann bei der digitalen Transformation.» Mitte Juli kam dann die formale Einladung, an dem neuen Beratergremium teilzunehmen. Die Arbeit ist ehrenamtlich, nur Reisespesen werden ersetzt.

Bundeskanzlerin ist «hands on»

Im dem deutschen Politbetrieb gibt es seit langem das Bonmot: «Und wenn ich nicht mehr weiterweiss, gründe ich einen Arbeitskreis.» Fachzirkel, Beratergremien gibt es zuhauf. Meist landen deren Papiere dann ungelesen in einer Schublade irgendwo in den weiten Fluren der Berliner Ministerialbürokratie.

Dass den neuen Digitalrat nicht das gleiche Schicksal ereilt, das wird die grosse Herausforderung werden. Das weiss auch Gasser. Aber die Bundeskanzlerin sei «hands on» bei dem Projekt, sie sei direkt involviert und nehme das ernst.

Regelmässig ist Merkel zum Beispiel in China und sieht, mit welcher Entschlossenheit die Regierung in Peking das Land auf Digitalisierung drillt. Merkel will verhindern, dass Deutschland als Industriemuseum endet.

Projekte statt kluge Papiere

Laut Gasser soll das neue Gremium daher Projekte anstossen, statt Papiere zu produzieren. Zwei Hauptaufgaben habe der Digitalrat: «Wir dienen zum einen als Thinktank und sollen die Regierung auf aktuelle Gefahren, aber auch Chancen der Digitalisierung aufmerksam machen», erklärt er.

«Wir wollen aber auch ein Do-Tank sein», fügt er an. «Das heisst, wir wollen konkrete Pilotprojekte anstossen, zum Beispiel im Bereich Bildung.» Solche Anglizismen wie «Do-Tank» streut er regelmässig während des Gesprächs ein. Man merkt, dass der Mann seit langem in den USA lebt und forscht.

Und obwohl Gasser gelernter Jurist ist, will er sich nicht primär beim Regulierungs-, sondern beim Bildungsthema einbringen. «Ich habe viel Erfahrung damit, wie man neue Formen des Lernens einsetzen kann», berichtet er.

Neue Formen des Lernens berücksichtigen

Und nennt ein Beispiel: «Lernen findet nicht länger nur in der Schule statt. Digitale Plattformen wie Youtube, Khan Academy oder Serious Games werden wichtiger. Doch die im sozialen oder im individuellen Raum erworbenen Fähigkeiten wurden bisher nicht in Zeugnissen oder im Lebenslauf berücksichtigt. Hier müssen wir Schnittstellen schaffen.» Digitalisierung in der Schule könne nicht einfach heissen, den Kindern nur Tabletcomputer in die Hand zu drücken.

Braucht die Schweiz auch einen Digitalrat? «Nicht zwingend», antwortet er, «denn die Schweiz hat eine andere Ausgangslage.» So habe der Bundesrat bereits eine kohärente Digitalstrategie mit Aktionsplan formuliert. Die deutsche Regierung dagegen will ihre Gesamtstrategie erst im Dezember auf einer Klausurtagung erarbeiten. Gut möglich, dass Gasser und seine Kollegen hierzu einigen Input liefern werden.

Was Gasser in der Schweiz vermisst, ist eine engere Verzahnung der verschiedenen Forschungszweige. So gibt es Spitzenunis wie die ETH, welche die Technik vorantreiben. Andere Hochschulen beschäftigen sich mit den gesellschaftlichen Folgen der Digitaltechnologie. «Das sollte man stärker zusammenführen», meint der Harvard-Professor.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2018, 19:43 Uhr

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