E-Zigi-Firma findet keinen Forscher, der ihr gesundes Image verpasst

Der US-Hersteller Juul muss beweisen, dass Dampfen nicht schädlich ist. Blöd nur, dass keine Universität mithelfen will.

Auch an der Stanford-Universität, wo die Juul-Gründer studiert haben, will niemand eine Studie über die E-Zigaretten durchführen. Foto: Urs Jaudas

Auch an der Stanford-Universität, wo die Juul-Gründer studiert haben, will niemand eine Studie über die E-Zigaretten durchführen. Foto: Urs Jaudas

Walter Niederberger@WaltNiederberg

Der grösste Hersteller von E-Zigaretten ist in der Klemme, obwohl ihn Investoren bereits mit 38 Milliarden Dollar bewerten. Juul muss nachweisen, dass das Dampfen von Nikotin gesundheitlich unbedenklich ist. Die Beweisführung droht jedoch wegen einer dicken Finanzspritze von Marlboro-Produzent Altria untergraben zu werden. Dies wiederum erschwert Juul, unabhängige Wissenschafter zu rekrutieren und dem Unternehmen den erwünschten gesundheitsbewussten Auftritt zu verschaffen.

«Juul wird nie Glaubwürdigkeit erlangen», sagt Aruni Bhatnagar, Professor der Universität Louisville und Co-Direktor des E-Zigaretten-Forschungsprogramms der amerikanischen Herzvereinigung. «Es ist hinterhältig, wie sie versuchen, Informationen aus unseren Studenten und Forschern herauszuholen, um einen Dialog zu starten.» Bhatnagar gehört zu einer wachsenden Zahl von Wissenschaftern, die Juul eine Absage zur Mitarbeit an Gesundheitsstudien zu den E-Zigarette erteilen. Weitere Absagen gingen gemäss der «New York Times» von der angesehenen Johns Hopkins University, dem St. Lukes Spital in Baltimore, der Boston Universität und der Stanford Universität ein.

«Juul wird nie Glaubwürdigkeit erlangen.»Aruni Bhatnagar, Professor der Universität Louisville

Physiologie-Professor Alex Carll von der Universität Louisville, hatte ein Angebot von 200’000 Dollar für ein Forschungsstipendium, sofern er für Juul forschte. «200’000 Dollar ist viel Geld», sagt er heute, «es hätte mir einen neuen Start erlaubt.» Dennoch lehnte er ab. Er fürchtete um seinen Ruf, gerade weil sein Projekt – Versuche mit Nikotindampf an Labormäusen – auf der Linie von Juul liegt.

Verärgert über die Stanford-Universität

Doch die Zeit drängt. Juul muss der Food and Drug Administration, der US-Zulassungsbehörde (FDA), noch vor 2022 beweisen, dass die drohende Nikotinabhängigkeit durch das Dampfen punkto Gesundheitsrisiken weniger ins Gewicht fällt als das Tabakrauchen. Gelingt der Nachweis nicht, kann die FDA den Verkauf der Vaporizer untersagen. Es steht viel auf dem Spiel – und entsprechend angespannt ist das Management. Juul-Mitgründer James Monsees war so erbost über die mangelnde Zusammenarbeit mit der Stanford-Universität, dass er sich sich direkt bei einem der dortigen Gehirnforscher beklagte. Die Absage dürfte besonders geschmerzt haben, weil beide Juul-Gründer in Stanford studiert hatten und ehemaligen Studenten üblicherweise auf die Unterstützung ihrer Hochschule zählen können.

Die Firma Juul hat in den USA 70 Prozent Marktanteil erreicht – in nur vier Jahren. Foto: Keystone

Das Image der Elite-Hochschule hätte Juul gut gebrauchen können. Neben Forschern und Ärzten sind allerdings auch die Aufsichtsbehörden skeptisch. So hat die FDA bereits mehrmals Zweifel an den gesundheitlichen Vorteilen des Juulens gegenüber dem Rauchen geäussert und sogar von einer E-Zigaretten-Epidemie unter den Jugendlichen gesprochen. Die von zwei Ex-Rauchern gegründete Firma Juul ist erst 4 Jahre alt und hat in den USA mit einer aggressiven Kampagne bereits einen Marktanteil von 70 Prozent erreicht. Mehr als 20 Prozent der Mittelschul-Absolventen hängen gemäss einer FDA-Studie mindestens einmal im Monat an einem Juul-Verdampfer oder einer E-Zigarette.

Die Aufgabe hat sich Juul indessen selbst erschwert, indem es letztes Jahr eine Finanzspritze von 12,8 Milliarden Dollar von Altria akzeptierte. Der Tabakkonzern versucht auf diese Weise, den Abwärtstrend im Zigarettenmarkt aufzufangen und Fuss in einem Wachstumsmarkt zu fassen, dem das uncoole Image des Rauchens nicht anhängt. Juul sei sich des Widerspruchs zwischen dem angeblich gesünderen Dampfen und der Investition durch Big Tobacco durchaus bewusst, sagt Mediensprecherin Lindsay Andrews. «Wir verstehen die Skepsis angesichts der Tatsache, dass Tabakfirmen in der Vergangenheit die Wissenschaft zu Fehlinformationen gebraucht haben. Wir nehmen uns dieser Problematik an.»

Widersprüchliche Haltung

Ungelöst erscheint auch der Widerspruch zwischen dem Gesundheitsanspruch und dem forcierten Lobbying des Unternehmens gegen striktere Vorschriften zum Dampfen. Zwar unterstützt Juul offiziell die Erhöhung des Raucheralters von 18 auf21 Jahre, sperrt sich aber in 50 Bundesstaaten mit über 80 Lobbyisten gegen die Versuche von Gesundheits- und Jugendschutzorganisationen, die Herstellung, den Verkauf und die Verteilung von E-Zigaretten – inklusive Limiten für aromatisierte Produkte – einzuschränken.

Gerade aromatisierte E-Zigaretten verführen laut Gesundheitsexperten auch Jugendliche, die nie ans Rauchen gedacht hätten.

Dies ist aus Sicht von Gesundheitsexperten ein Problem, weil gerade aromatisierte E-Zigaretten die Jugendlichen am meisten ansprechen und auch solche zum Nikotin-Dampfen verführen, die nie ans Rauchen gedacht hätten. Dabei werden die Vorschläge zur Verwässerung von strikteren Gesetzen ganz oder teilweise von den Lobbyisten von Altria und R.J. Reynolds geschrieben, sagen Kritiker. «Wo die Lobbyarbeit von Juul endet und wo jene von Altria beginnt, ist kaum zu unterscheiden», meint Vince Willmore von der Kampagne «Tobacco-Free Kids», gestützt auf seine Erfahrung mit der Gesetzgebung in mehreren Bundesstaaten.

Solange Juul nicht mehr Wissenschafter gewinnen kann, muss sich das Unternehmen auf das «Center for Substance Use-Reserach» in Glasgow abstützen. Das Zentrum lieferte bis anhin den grössten Teil der externen Forschungsarbeit für Juul, wird aber zur Hauptsache von Tabakkonzernen finanziert. Stanford-Wissenschafter Robert Jackler sagt: «Dieses Forschungszentrum hat bisher nie etwas publiziert, das im Widerspruch zu den Interessen der Tabakindustrie gestanden wäre.»

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