Drohne aus Zürich spürt wilde Tiere in Australien auf

In Rekordtempo haben ehemalige ETH-Studenten eine eigene Drohne entwickelt. Ihr Flugobjekt wird heute für Wildtierzählungen und Vermessungen eingesetzt.

Max Boosfeld, Mitgründer des Start-ups Wingtra, zeigt die in Zürich entwickelte Spezialdrohne für Landvermessungen und Tierzählungen.

Max Boosfeld, Mitgründer des Start-ups Wingtra, zeigt die in Zürich entwickelte Spezialdrohne für Landvermessungen und Tierzählungen.

(Bild: Urs Jaudas)

Ernst Meier@tagesanzeiger

Ein unbemanntes Flugobjekt, das senkrecht in die Luft startet, auf einer bestimmten Höhe in die horizontale Lage wechselt, grossflächige Gebiete überfliegt und ausmisst. Die Innovation stammt aus Zürich und revolutioniert derzeit die Vermessungsindustrie. Die Drohne des Start-up-Unternehmens Wingtra ist gefragt. Eingesetzt wird sie vor allem für Bauprojekte, aber auch für die Vermessung von Steinbrüchen, Rohstoffminen oder Gletscherlandschaften. Zur Anwendung kommt die Wingtra-Drohne aber auch bei Tierzählungen in Australien, wo das Flugobjekt frei lebende Tiere in Nationalparks erfasst.

Studium abgebrochen

2012 entstand an der ETH die Idee eines fliegenden Vermessungsgeräts. Vier Studenten erkannten das Potenzial der Innovation. So kam es zum Spin-off – das Forschungsprojekt wurde aus der ETH herausgelöst und in das eigens dafür gegründete Jungunternehmen Wingtra eingebracht.

Einer der vier Gründer des Start-ups ist Maximilian Boosfeld, der heute als Geschäftsführer die Entwicklung und Kommerzialisierung von Wingtra leitet. Er brach 2014 sein Ingenieurstudium ab, um sich ganz dem Start-up zu widmen. «Wir waren überzeugt, dass die Zeit reif ist, um eine Vermessungsdrohne auf den Markt zu bringen», sagt der 29-Jährige. Es habe Mut und viel Überzeugungsarbeit gebraucht, um das Start-up zu gründen. Im Umfeld hätten einige gezweifelt, dass «wir das Ding zum Fliegen bringen», erinnert sich der gebürtige Deutsche. Mit seinen Geschäftspartnern legte Boosfeld 120’000 Franken Startkapital zusammen. «Ich musste mich verschulden, um meinen Anteil beizutragen», erzählt der Jungunternehmer.

20 Millionen Franken investiert

Es folgten zwei intensive Jahre. «Mit den Forschungsergebnissen bauten wir eine erste Drohne zusammen und entwickelten eine eigene Software», sagt Boosfeld. Man sei die ganze Zeit mit der ETH und Investoren in Kontakt gestanden. Bis heute wurden von verschiedenen Geldgebern in mehreren Schritten rund 20 Millionen Franken in das Start-up investiert. Nach zahlreichen durchgearbeiteten Nächten und etlichen Flugversuchen am Stadtrand von Zürich konnte man 2016 den Durchbruch vermelden. «Wir wussten, die Drohne ist reif für den Markt und wagten den nächsten Schritt», sagt Boosfeld.

Video: Drohne gibt Übersicht

Mit Drohnen können grosse Areale überwacht werden. (Video: Youtube)

Bis heute hat Wingtra mehrere Hundert Drohnen verkauft. Das Einstiegsmodell kostet rund 20’000 Franken. Damit ist das Fluggerät erschwinglich für kleinere Ingenieurbüros mit nur wenigen Mitarbeitern. Gesteuert wird es via Tablet-Computer. Die Bedienung sei nicht schwieriger als der Umgang mit einer Minidrohne, wie man sie im Elektronikgeschäft für 500 Franken kriegt, sagt Boosfeld. Die Wingtra-Drohne ermöglicht mit einem Flug, eine Fläche von einer Grösse bis zu 240 Fussballfeldern zu vermessen und eine dreidimensionale Karte zu erstellen. Gegenüber herkömmlichen Vermessungsmethoden am Boden biete der Drohneneinsatz klare Vorteile wie «Zeit- und Effizienzgewinn», sagt Boosfeld. Zudem seien die aufgezeichneten Informationen viel genauer.

Starkes Wachstum

Seit der Kommerzialisierung des Geschäfts wächst Wingtra mit hohem Tempo. Im letzten Jahr legten die Verkäufe um 400 Prozent zu, der Umsatz betrage «mehrere Millionen Franken», heisst es offiziell. Seit der Gründung musste das Start-up fünfmal zügeln, denn der Mitarbeiterbestand wuchs von 4 auf 70. Der jetzige Standort zwischen Sihlcity und Saalsporthalle soll für die nächsten Wachstumsschritte reichen. Auch in diesem Jahr will das Start-up zulegen. Mindestens zehn Mitarbeiter – grösstenteils Ingenieure – werden für den Standort Zürich gesucht.

Drohnenland Schweiz

Das Land der Uhren-, Banken- und Schokoladenindustrie hat Zuwachs erhalten. Der Wirtschaftsstandort Schweiz gilt auch als Zentrum der Drohnenindustrie. Kein anderes Land zählt eine derart innovative Szene für unbemannte Flugobjekte. 73 Unternehmen und Startups beschäftigen sich hierzulande mit der Forschung, Entwicklung sowie dem kommerziellen Einsatz von Drohnen - grössten Teils für industrielle Anwendungen, wie der Branchenverband «Home of Drones» schreibt. Das Startup Flyability beispielsweise hat eine Drohne entwickelt, die mit einer Art Käfig gegen Kollisionen geschützt ist. Sie wird für Inspektionsflüge in Häusern oder Gletscherspalten eingesetzt.

Als «Silicon Valley für Drohnenfirmen» gilt die Schweiz in der Technologiebranche. Zu verdanken ist dies den Eidgenössischen Technischen Hochschulen in Zürich und Lausanne. Sie gelten führend in den Forschungsfeldern Miniaturisierung und Robotics - zwei Kerngebiete, welche die Drohnentechnik ermöglicht. (eme)

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