Rechnungslegungs-Experte Max Boemle zur?finanzkrise

«Theorie trägt eine Mitschuld»

Rechnungslegungs-Experte Max Boemle zur?finanzkrise Max Boemle ist einer der profiliertesten Spezialisten für das Rechnungswesen. Die Theorie, dass die Firmen ihr Eigenkapital stark senken sollen, um dessen Rentabilität zu steigern, ist seiner Ansicht nach ein Grund für die Finanzkrise.

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Die Industriestaaten mussten ihre Bankensysteme mit riesigen Summen stabilisieren. Wurden auch Sie als Kenner der Bilanzen von Schweizer Grossunternehmen von der Entwicklung überrascht?

Max Boemle: Ja. Es ist zwar keine erstmalige Erscheinung, dass der Staat das Bankensystem stabilisieren muss: In den Dreissigerjahren musste der Bund diverse Genfer Banken unterstützen und bei der damals wichtigsten Grossbank der Schweiz – der Volksbank – die Mehrheit übernehmen. Auch das Deutsche Reich hielt in der damaligen Zeit die Mehrheit an allen Grossbanken des Landes mit Ausnahme der Deutschen Bank. Speziell an der aktuellen Krise ist indes die Tatsache, dass die Staaten praktisch weltweit ihre Banken stützen müssen. Auch die Grössenordnungen sind jetzt ganz anders als in früheren Krisen.

Haben Sie sich geärgert, dass Sie die Krise nicht vorausgesehen haben?

Ja. Ich habe im UBS-Geschäftsbericht immer nachgesehen, wie sich die wertgefährdeten Ausleihungen entwickelt haben. Diese waren immer sehr tief. Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass der Wertschriftenbestand der UBS zu einer Insolvenzgefahr hätte führen können. Das ist ein völlig neues Phänomen. In früheren Jahren schlitterten Banken in die Krise, wenn es Probleme im Kreditgeschäft gab – sprich, wenn Unternehmen die gewährten Kredite nicht mehr zurückzahlen konnten. Ein weiteres Problem ist, dass man heute einen halben bis einen ganzen Tag braucht, um einen Geschäftsbericht von 480 Seiten genau zu lesen und auszuwerten. Nur die wenigsten können sich diese Zeit nehmen.

Hat die Wissenschaft versagt, dass sie diesen Kollaps nicht vorausgesehen hat?

Es ist tatsächlich so, dass viele Ökonomen gewisse Krisenindikatoren übersehen haben. So wurde eine hohe Eigenkapitalausstattung als etwas Altmodisches betrachtet. Es hiess, ein hohes Eigenkapital sei nicht notwendig, da man über ein Risikomanagement verfüge und man deshalb die Risiken im Griff habe. Ausserdem sei es möglich, die Risiken zu diversifizieren. Auch wenn es die jüngeren Kollegen nicht gern hören: Die Finanzmarkttheorie trägt eine gewisse Mitschuld an der Bankenkrise. Früher war die gängige Theorie, dass man praktisch nie über zu viel Eigenkapital verfügen kann. Doch die moderneren Theorien forderten, dass man das Eigenkapital beispielsweise durch den Rückkauf von Aktien reduzieren und so die Rentabilität des Eigenkapitals steigern soll. Praktisch niemand hat kritisiert, dass die Eigenkapitalquote der Grossbanken im Verlauf der Jahre von acht Prozent auf zwei bis drei Prozent gesunken ist und die Rendite-Zielsetzungen zu stark hinaufgeschraubt wurden.

Was ist bei der UBS schief gelaufen?

Die UBS hat ihre Bilanzsumme markant ausgeweitet. Früher galt der Grundsatz, dass man in diesem Fall eine Kapitalerhöhung durchführen muss. Stattdessen hat die UBS das Eigenkapital reduziert. Das war einer der Hauptfehler. Jetzt ist das Eigenkapital zu klein, um die Risiken aufzufangen, die man nicht im Griff und auch nicht diversifiziert hatte.

Das Investmentbanking wurde von der Gold- zur Fallgrube.

Dieses Geschäft war früher einmal ein Beratungsgeschäft für Kapitalmarkttransaktionen. Das Risiko in diesem Geschäft ist überschaubar. Ein Risiko könnte darin bestehen, dass die Bank eine Transaktion vorbereitet und dass der Deal nicht zustande kommt. Doch in den letzten Jahren haben die Grossbanken die Eigenbestände an Wertschriften massiv aufgestockt. Es ist doch nicht alltäglich, dass eine Bank mit einer Bilanzsumme von 2273 Milliarden Franken nur Kundenausleihungen von 336 Milliarden, jedoch einen Handelsbestand von 774 Milliarden Franken hat. Das sind die Zahlen der UBS per Ende 2007.

Die Banken haben aber immer betont, wie solid sie seien und auf die Basel-II-Quote verwiesen.

Bei dieser Quote wird die Eigenkapitalquote risikogewichtet berechnet. Doch wie die Erfahrung nun gezeigt hat, bringt dies nichts. Das Regelwerk, um die Basel-II-Quote zu berechnen, ist 300 Seiten dick. Doch genau dies öffnet Manipulationen Tür und Tor. Die Banken vertraten die Position: Die Regeln, an die wir uns halten müssen, bestimmen wir.

Kritiker hatten aber auch einen schweren Stand: Die UBS glänzte lange Zeit mit ihren Milliardengewinnen.

Der internationale Rechnungslegungsstandard verlangt, dass man sowohl bei den Aktiven als auch bei den Passiven den aktuellen Marktwert einsetzt. Die steigenden Börsenkurse führten bei der UBS zu Gewinnen, die zu einem grossen Teil nicht realisiert waren.

Wie beurteilen Sie den Rettungsplan des Bundesrates für die UBS?

Die Kritik des ehemaligen Preisüberwachers Rudolf Strahm, dass es fragwürdig sei, der UBS die Risikopositionen abzukaufen, hat sicher ihre Berechtigung. Aber auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob der Bund die nötigen Milliarden zur Stärkung des Eigenkapitals hätte aufbringen können.

Die Nationalbank hätte das Eigenkapital einschiessen können.

Da stellt sich die Frage, ob die Nationalbank rechtlich befugt wäre, sich an einer privaten Bank zu beteiligen. Die Beteiligung an einer privaten Bank ist keine Aufgabe der Notenbank. Wenn der Bund das Eigenkapital eingeschossen hätte – sagen wir 30 Milliarden Franken –, dann wäre er Mehrheitsaktionär der UBS geworden.

Was wäre daran so schlecht?

Es ist keine Aufgabe des Staates, eine international tätige Grossbank zu führen.

Was ist zu tun, damit Staatsinterventionen in diesen Ausmass künftig nicht mehr nötig sein werden?

Die Bankenkrise hat gezeigt, dass die nationalen Bankenaufsichtsbehörden überfordert sind und die internationale Zusammenarbeit nicht einfach ist. Daher ist zu prüfen, ob die UBS sich künftig als Holdinggesellschaften organisieren sollte – mit Tochterfirmen, die nach Ländern organisiert sind, so wie dies Professor Kurt Schiltknecht vorgeschlagen hat. Dann wäre zu kommunizieren, dass die Schweiz nur für die Kundeneinlagen der Schweizer Ländergesellschaft geradestehen würde.

Wie sieht die UBS der Zukunft aus? Die reinen Investmentbanken sind ja weg vom Fenster. Damit dürfte die UBS wieder zu einer klassischen Geschäftsbank mit dem Kreditgeschäft sowie dem Beratungsgeschäft für Kapitalmarkttransaktionen werden.

Dieses Beratungsbusiness kann man anbieten, ohne dass man für 60 Milliarden in den USA giftige Aktiva erwerben muss. Den Eigenhandel muss die UBS zudem stark zurückfahren.

Welche Lehren muss die Rechnungslegung aus der Bankenkrise ziehen?

Die Rechnungslegung ist viel zu kompliziert geworden. Der amerikanische Rechnungslegungsstandard US-GAAP ist regelorientiert. Wenn man aber ein dichtes Regelwerk hat, dann gibt es eine Unzahl von Anwälten und Investmentbankern, die Wege suchen, wie man diese Regeln umgehen kann. Doch auch der europäische Standard IFRS, der als prinzipienorientiert galt, ist mittlerweile stark regelorientiert geworden. Das Regelwerk ist mittlerweile rund 2700 Seiten dick. Da wäre eine Entschlackung angezeigt. Doch daran hat natürlich die IFRS-Organisation selbst wie auch die Revisions- und Beratungsbranche kein Interesse, denn diese leben von der Komplexität der Regeln.

Wer müsste für die Vereinfachung der Regeln sorgen?

Das internationale IFRS-Komitee, dem beispielsweise die grossen Unternehmen angehören. Auch die Europäische Union könnte eingreifen, indem sie zu komplizierte Regeln nicht ins EU-Recht übernimmt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.10.2008, 08:00 Uhr

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