Die dunkle Seite der Globalisierung

Ökonomen machen sich seit je für einen unein­geschränkten Freihandel stark. Das ist gut für das globale Wirtschaftswachstum. Dass aber nicht jeder Einzelne davon profitiert, war allen klar, nur wollten sie nicht darüber sprechen.

Spuren der Globalisierung: Der jahrzehntelange Rückgang der amerikanischen Automobilindustrie ist in Detroit gut sichtbar.

Spuren der Globalisierung: Der jahrzehntelange Rückgang der amerikanischen Automobilindustrie ist in Detroit gut sichtbar. Bild: Getty Images

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Donald Trump als Visionär zu bezeichnen, wäre doch arg verwegen. Doch kaum hat der 70-jährige dem Freihandel den Kampf ­angesagt, häufen sich kritische Kommentare zum uneingeschränkten Warenverkehr. Plötzlich scheint eine neue Menschengruppe entdeckt worden zu sein: die Globalisierungsverlierer.

Gewinner und Verlierer

Der französische Wirtschaftswissenschafter Charles Wyplosz von der Universität Genf brachte es in der Tageschau des französischsprachigen Fernsehens auf den Punkt: «Die Globalisierung brachte Gewinner und Verlierer hervor. Bisher achtete man immer nur auf die Gewinner.»

Einer, der das Ausmass der Globalisierungsverlierer nie unterschätzte, ist der Ökonom und ­ehemalige SP-Nationalrat Rudolf Strahm. «Globalisierung bringt beides, Wohlstand und Entfremdung», schrieb er im «Tages-Anzeiger». «Sie nützt den einen und schadet den anderen.» Er sagt dies schon seit vielen Jahren. Ein einsamer Rufer in der Wüste?

Schon Dahrendorf warnte

Einsam war Strahm höchstens als Rufer. Konrad Paul Liessmann, Professor am Institut für Philosophie an der Universität Wien, erinnert uns in der NZZ an «wiederentdeckte Befunde», die der amerikanische Philosoph Richard Rorty und der deutsche Soziologe Ralf Dahrendorf in den Neunzigerjahren vorgelegt hatten.

«Sie diagnostizierten aufgrund der Globalisierung tiefgreifende soziale Spannungen, die zur Aushöhlung der Demokratie und zu einer autoritären Versuchung als einziger Alter­native führen könnten.» Wie gesagt: Das war in den Neunzigerjahren. Wer hat das zur Kenntnis genommen?

Schattenseiten nach Stiglitz

Philosophen reden halt nicht so deutlich wie Politiker. Es brauchte einen Demagogen der Marke Trump, um die Schattenseiten der Globalisierung ins Bewusstsein und am Weltwirtschafts­forum in Davos zum Hauptthema zu machen.

«Die Schattenseiten der Globalisierung» (Globalization and its Discontents) ist übrigens auch der Titel eines Sachbuchs aus dem Jahr 2002. Autor ist der viel gepriesene Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Der heute 74-Jäh­rige kritisiert darin internationale Institutionen wie den Internationalen Währungsfonds (IWF). «Seine» Verlierer sind die Schwellenländer. Das mag ein Grund sein, weshalb sich die ­Betroffenheit in der westlichen Welt in Grenzen hielt.

Einer, der es eigentlich wissen müsste, ist Paul Krugman von der Universität Princeton, auch er ein Nobelpreisträger. Den begehrten Preis erhielt er 2008 für seine Analysen in der internationalen Handelstheorie. Im September erklärte Krugman in der Sonntagsausgabe der «NZZ»: «In der Debatte über den internationalen Handel wird von beiden Seiten übertrieben.»

Der Brexit werde Grossbritanniens Wirtschaft schwächen. Aber man sollte nicht behaupten, Protektionismus führe zu Rezessionen. «Die Vorteile sind nicht so gewaltig wie vielfach dargestellt.» Krugman sagte das vor einem halben Jahr, als die Verlierer der Globalisierung bereits von einem breiteren Publikum zur Kenntnis genommen wurden.

Der vergessene Mittelstand

Wer diese Verlierer sind, kann man in einer Studie des früheren Weltbank-Ökonomen Branko Milanovic nachlesen, welche die UBS Ende des letzten Jahres an einem Medienfrühstück vorgestellt hatte. Sie zeigt, dass in den westlichen Industrieländern in den vergangenen zwanzig Jahren breite Mittelschichten kaum ­Einkommensgewinne zu erzielen vermochten. Dies im Unterschied zu Schwellenländern wie etwa China, wo breite Massen den Sprung aus der Armut ­schafften.

«Es genügt nicht, dass der ­Kuchen grösser wird, wenn dessen Verteilung ungleich ist», sagt Thomas Piketty. Berühmt geworden ist der französische Wirtschaftswissenschafter mit seinem Werk «Das Kapital im 21. Jahrhundert», das vor zweieinhalb Jahren erschienen ist. Er zeigt darin auf, wie die Vermögenskonzentration im zurück­liegenden Jahrhundert markant zugenommen hat, was er dem ­Kapitalismus moderner Prägung zuschreibt. Thomas Piketty gilt als Linker und ist deshalb liberalen Denkern und Freihandelsaposteln suspekt.

Ungleich verteilter Kuchen

Mit der wachsenden Erkenntnis, dass Globalisierungsverlierer zu einem Brexit oder einem Wahlsieg von Donald Trump verhelfen konnten und aus Sicht der Wachstumsfetischisten noch mehr Unheil anrichten könnten, suchen Ökonomen und Politiker nach Wegen, den Kuchen besser zu verteilen. Immer mit dem erklärten Ziel, das weltweite Wirtschaftswachstum zu steigern.

Die Frage ist höchstens, ob globales Wachstum auch wirklich der Weisheit letzter Schluss ist. Dies umso mehr, da Wirtschaftswachstum häufig mit ökologischen, sozialen und ethischen Kosten erkauft wird.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 04.02.2017, 12:59 Uhr

Politik

Was ökonomisch gut ist, muss nicht immer auch politisch wünschbar sein. Denkt man die Globalisierung zu Ende, so werden ganze Industriezweige der westlichen Welt in Billiglohnländer verlagert. Man begibt sich damit in die Abhängigkeit fremder Länder mit einem ganz anderen Werteverständnis. Und das, nachdem es die west­lichen Länder in den letzten Jahrzehnten geschafft haben, die Abhängigkeit von Erdöl produzierenden Ländern zu verringern. Im Extremfall verkommt die Schweiz zu einem weiträumigen Countryclub mit Banken, Versicherungen, touristischen Einrichtungen und Golfplätzen.

Wenn die USA den Freihandel einschränken, werden in allererster Linie die Chinesen darunter leiden. Es ist kein Zufall, dass der chinesische Machthaber in Davos für den Freihandel eine Lanze brach. In diesem Zusammenhang sei an ein Interview erinnert, das Dirk Müller, Buchautor und unter dem Namen «Mister Dax» der vielleicht bekannteste Börsenmakler Deutschlands, dieser Zeitung im November 2012 gegeben hatte. Er sagte: Die Vereinigten Staaten von Amerika werden als grösste Macht der Welt alles tun, um auf wirtschaftlicher, militärischer und geheimdienstlicher Basis ihre Macht zu erhalten. «Es ­wäre naiv von uns, zu glauben, dass diese Supermacht Amerika einfach zuschaut, wie China das neue Reich der Welt wird.» Eine Aussage, die «Mister Dax» vor drei Wochen am Rande des Alpensymposiums in Interlaken wiederholte. In der ganzen ­Polemik über den drohenden Protektionismus scheint vergessen zu gehen, dass dieser nicht nur wirtschaftliche, sondern geopolitische Beweggründe ­haben könnte. (cch)

Infobox

David Ricardo gilt als einer der bedeutendsten Ökonomen aller Zeiten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte der in London geborene «Vater des Freihandels» die Theorie der komparativen Kostenvorteile. Vereinfacht gesagt: Alle Länder profitieren, wenn sie sich auf die Herstellung jener Güter konzentrieren, bei denen sie einen komparativen Vorteil haben.

Der Sohn sephardisch-jüdischer Vorfahren illustrierte seine Theorie anhand der Weinlese in Portugal und der Tuchproduktion in England. Portugal benötigt für die Herstellung von Tuch wie auch für Wein weniger Arbeitskräfte als England.


Und doch ist es für beide Länder von Vorteil, wenn sich Portugal auf die Weinlese und England auf die Tuchproduktion konzentriert.
Wissenschaftlich formuliert: Fokussieren sich beide Länder auf das Gut, das sie relativ zum anderen Gut produktiver herstellen können, führt dies bei unverändertem Input zu einem insgesamt grösseren Output. Portugal stellt Wein produktiver her als Tuch. England stellt Tücher produktiver her als Wein. (cch)

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