Die Angst vor dem Puffer

Hintergrund

Wegen des überhitzten Immobilienmarktes droht den Banken die Aktivierung eines Kapitalpuffers. Nun fürchten Unternehmer, sie könnten die Leidtragenden dieser Aktion werden.

Damit die Immobilienblase nicht noch grösser wird, könnte die Nationalbank bald den antizyklischen Puffer aktivieren: Neue Überbauung in Volketswil im Zürcher Oberland im Mai 2010.

Damit die Immobilienblase nicht noch grösser wird, könnte die Nationalbank bald den antizyklischen Puffer aktivieren: Neue Überbauung in Volketswil im Zürcher Oberland im Mai 2010.

(Bild: Keystone)

Anita Merkt@tagesanzeiger

In der Wirtschaftssendung «ECO» vor einer Woche sagte es Fritz Zurbrügg sehr deutlich: «Wir sind beunruhigt», erklärte das Direktoriumsmitglied der Schweizerischen Nationalbank. Die Überhitzung des Immobilienmarktes habe sich im dritten Quartal 2012 nochmals zugespitzt. Der Finanzprofessor Manuel Ammann geht davon aus, «dass die SNB schon bald die Aktivierung des antizyklischen Kapitalpuffers empfehlen wird». Wenn die Nationalbank immer nur warne, ohne Taten folgen zu lassen, mache sie sich unglaubwürdig, sagte Ammann der «Sonntagszeitung».

Die Aktivierung des antizyklischen Kapitalpuffers hätte zur Folge, dass Banken die Kreditvergabe an Haus- und Wohnungskäufer mit mehr Eigenkapital unterlegen müssten. Die Idee dabei ist, dass Banken sich angesichts dieser Massnahme bei der Vergabe von Hypothekarkrediten zurückhalten. Die Nachfrage nach Immobilien und der weitere Preisanstieg sollen ausgebremst und die bereits bestehende Immobilienblase nicht zur Gefahr für die Gesamtwirtschaft werden.

Teurere Kredite für Unternehmen

Unternehmen fürchten aber jetzt, dass Banken sich angesichts höherer Eigenkapitalanforderungen vor allem bei der Kreditvergabe an Unternehmen zurückhalten werden. «Es kann nicht sein, dass die SNB den Euro mit allen Mitteln bei 1.20 Franken hält und dann Bedingungen schafft, die Kredite verteuern und den gebeutelten Unternehmen zusätzliche Schwierigkeiten bereiten», sagt der Geschäftsführer von Swissmecanic, Oliver Müller. Angesichts des starken Frankens hätten viele Unternehmen schon jetzt hart zu kämpfen. Und gerade mittelständische Maschinenbauer seien oft auf Kredite angewiesen, wenn sie sich teure Werkzeugmaschinen anschaffen müssten.

«Die Banken werden höhere Eigenkapitalforderungen sicher auf den Kreditmarkt für Unternehmen überwälzen», ist sich Henrique Schneider vom Schweizerischen Gewerbeverband (SGV) sicher. Bei einem ungedeckten Unternehmenskredit rechne eine Bank mit einer weit höheren Ausfallwahrscheinlichkeit als bei einer Hypothek. «Wenn sich Kredite verteuern, werden es sicher die sein, bei denen die Bank auch ein höheres Risiko sieht», erklärt Schneider Bernerzeitung.ch/Newsnetz. «Höhere Eigenkapitalquoten zielen auf die Bankenbilanz ab, geben aber nicht vor, in welchem Geschäftsfeld Kredite verteuert werden», sagt der SGV-Ressortleiter für Wirtschaftspolitik.

Lieber eine Regelung der Banken

Der Schweizerische Gewerbeverband sei zwar überzeugt, dass es aufgrund der drohenden Immobilienblase höhere Eigenkapitalanforderungen brauche. Diese müssten aber gezielt für die Vergabe von Hypotheken in den überhitzten Regionen gelten. «Wir würden es deswegen begrüssen, wenn die Banken sich auf eine strengere Hypothekenvergabe einigen würden, bei der zum Beispiel mehr echtes Eigenkapital gefordert wird.»

«Wenn die SNB oder der Bundesrat Eigenkapitalvorgaben machen, die beliebig umsetzbar sind, ist das Risiko zu gross, dass es am Ende die Unternehmen trifft», so Schneider. Die SNB legt im Ernstfall dem Bundesrat lediglich nahe, den antizyklischen Kapitalpuffer zu aktivieren. Die definitive Entscheidung trifft dann der Bundesrat.

Im SNB-Papier «Umsetzung des antizyklischen Puffers in der Schweiz» ist wiederholt von einem «sektoriellen Kapitalpuffer» die Rede, der «keine bedeutenden Auswirkungen auf andere Segmente des Kreditmarktes haben sollte». Gemäss SNB-Sprecher Walter Meier würde die SNB die Eigenkapitalvorschriften so gestalten, dass die Vergabe von Unternehmenskrediten für Banken attraktiver wäre als die Vergabe von Hypotheken.

Niemand kann die Risiken beurteilen

Überhaupt kein Freund des antizyklischen Puffers ist der emeritierte Zürcher Bankenprofessor Hans Geiger. «Wie will die Nationalbank beurteilen, in welcher Phase des Immobilienzyklus wir uns befinden?», fragt Geiger. Auch die Immobilienkrise der 80er-Jahre habe die SNB nicht kommen sehen. Den Banken selbst traut Geiger erst recht nicht zu, Risiken angemessen einzuschätzen und entsprechend Eigenkapital vorzuhalten.

Anstelle eines zyklusabhängigen Puffers und der hochkomplizierten Eigenkapitalvorschriften von Basel III sähe Geiger lieber einfache, dafür aber deutlich höhere Eigenkapitalvorschriften. «Das permanente Bestreben der Grossbanken, möglichst wenig Eigenkapital vorzuhalten, um eine höhere Rendite zu erzielen, ist völlig verfehlt», kritisiert der Professor. Auch die Regulatoren agieren gemäss Geiger nur noch im Dienst der Grossbanken.

Dass sich Kredite verteuern, wenn die Banken mehr Eigenkapital vorhalten müssen, hält Geiger nicht für zwingend. «Kredite würden vielleicht ein bisschen teurer, aber viel würde das nicht ausmachen», ist Geiger überzeugt. Schliesslich könnten die Banken andere Geschäftsfelder herunterfahren oder «beim Personal sparen».

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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